Lena Skaya ist Grenzgängerin. In ihrem künstlerischen Prozess bewegt sie sich zeichnend und malend zwischen Figuration und Abstraktion. Sie nutzt Mischtechniken, die es ihr erlauben, Farbe als Material zu nutzen, welches eine eigene, pastose Körperhaftigkeit entwickelt. Dabei spielen die Ästhetik des Unvollkommenen und der Materialität eine wichtige Rolle.
Zeichnen bedeutet unter anderem der Umgang mit der Linie. Lena Skaya zeichnet im Buch mit Aquarellfarbe, mit Farbflächen. Ihrem Stil gemäß verzichtet sie, wo es möglich ist, auf den Einsatz von Konturlinien und zeigt im Kapitel „Figuren mit Flächen definieren“ wie die Farbfläche diese Aufgabe übernehmen kann. Das Arbeiten mit Stiften, Kreiden oder Tuschen kommt dennoch nicht zu kurz. Wie man mit Schraffuren arbeitet, Linie definiert und sie führt sowie die unterschiedlichen Möglichkeiten, mit ihr Kontraste, Licht und Schatten, Räumlichkeiten und Volumen herauszuarbeiten oder bestimmte Aspekte zu akzentuieren wird nicht nur im Kapitel „Die Linie. Ein Punkt, der spazieren geht“ thematisiert.
Viele Wege zur Kunst scheitern nicht an mangelndem Talent, sondern an zu viel Willenskraft. „Menschen zeichnen“ lädt dazu ein, Charakter, Proportionen und Haltung, Hände, Füße und Gesicht ihres Gegenübers skizzierend zu erforschen. Der Aufbau des Buches kombiniert eine Schule des Sehens mit konkreten Zeichenübungen. Lockerungsübungen und kleine Aufgaben erleichtern dabei den Einstieg und helfen, den Anspruch auf Perfektion zu relativieren.
Am Anfang wird gebastelt und zwar bewusst kostensparend: Mit Gummi-Bändern, Salzteig, Knete oder Papierschnitt. Es geht darum, Grundelemente zu erkennen und zu formen. Später wird das auf das Zeichnen übertragen, wobei unterschiedliche Papiere und zufällige Strukturen wie Knicke, beiläufige Kritzeleien oder Kaffeekleckse als Ausgangspunkt genutzt werden, um Figuren und Silhouetten zu entwickeln.
Lena Skaya zeigt, wie sich Körper und Haltungen zeichnerisch erkunden lassen. Mit Übungen, Experimenten und analogen Techniken zwischen Figuration, Proportion und Abstraktion führt sie Schritt für Schritt an das Zeichnen von Menschen heran – von der Gesamtfigur bis hin zu Händen, Füßen und Gesicht.
Parallel dazu thematisiert das Buch die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Wann und wo immer in den Kapiteln der Charakter der „Caretoffel“ auftaucht, ist es Zeit für achtsame Momente: Die witzige bemützte und bebrillte kartoffelähnliche Figur mit überlangen, dünnen Ärmchen spricht die Leserschaft direkt an und ermuntert mit kleinen Übungen zum „Loslockern“. Nach dem Motto „Den eigenen Körper erspüren, um ein Gefühl für das zeichnerische Erfassen von Körpern anderer zu entwickeln“ werden Leserinnen und Leser konsequent daran erinnert, die Befindlichkeit von Körper und Geist zu überprüfen. Die Tipps der „Caretoffel“ erweisen sich als kreativitätsfördernd, indem sie den Drang zum Perfektionismus lösen. Ihre Entspannungsübungen sind darüber hinaus geeignet, um locker zu zeichnen, sondern auch um durch den (Berufs-)Alltag zu kommen und neben der Bildschirmarbeit Momente der Selbstfürsorge sicherzustellen.
Lena Skaya führt klar strukturiert vom Einstieg in das analoge figürliche Zeichnen bis zum eigenen Ausdruck. In den übersichtlich aufgebauten Kapiteln verweisen Hinweise auf das benötigte Material und ggf. auf Vorlagen, unter „Übung“, „Warm-up“, „Level-up“, „Tipps“ etc. gibt es Anregungen, wie das jeweilige Kapitelthema aktiv umgesetzt werden kann. Das garantiert Erfolgserlebnisse und entfacht die Freude an der Figuration. Die zahlreichen Beispiele und Abbildungen aus der Hand der Künstlerin dienen der Orientierung, ohne feste Stilvorgaben zu setzen, und bieten eine Grundlage, um eigene Bildsprachen weiterzuentwickeln.
„Menschen zeichnen“ ist eine Anregung, sich mit dem menschlichen Körper auseinanderzusetzen. Das Buch verbindet Grundlagenwissen mit einem spielerischen Zugang. Unterschiedliche künstlerische Techniken geben dem Zufall eine Chance und setzen dem digitalen Alltag die Freude des analogen Machens entgegen. Ihrem Buch hat die Künstlerin ein Zitat von Pablo Picasso zugrunde gelegt: „Es hat vier Jahre gedauert, zu malen wie Raphael, aber ein Leben lang, um zu malen wie ein Kind.“ In diesem Sinne vermittelt Lena Skaya experimentelle Zeichentechniken, ist ein Jungbrunnen für die Kreativität – und eine Einladung, das Leben für Momente leicht zu nehmen.
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Unser Buch des Monats
Der Reiz des figürlichen Zeichnens
In einer Zeit überbordender Selfie-Mania erscheint die langsame analoge Annäherung an den menschlichen Körper fast anachronistisch. Genau darin aber liegt der Reiz des figürlichen Zeichnens: Nicht die eingeübte Pose besticht, sondern der Prozess der Auseinandersetzung, der Reduktion und Abstraktion. Mit ihrem Buch „Menschen zeichnen“ richtet sich Lena Skaya an Interessierte, Kreative und Lehrende, die den menschlichen Körper als wiederkehrendes Motiv in ihrer Arbeit nutzen.
Bibliografische Angaben:
Lena Skaya: Menschen zeichnen. Eine Annäherung. Figuration, Proportion, Abstraktion, 218 S., durch. farb. illustr., 15 x 24,5 cm, geb. m. Lesebändchen, dt., Verlag Hermann Schmidt 2025
Bildnachweis
Abbildungen aus dem Innenteil des Buches, Copyright der Abbildungen Lena Skaya/Verlag Hermann Schmidt 2025
Interview mit Lena Skaya
Lena lebt derzeit als freiberufliche Künstlerin in Münster. Sie verbindet in ihrer künstlerischen Praxis figurative und informelle Elemente und bewegt sich sowohl im zwei- als auch im dreidimensionalen Raum. Nach ihrem ersten Studium war sie als Designerin von Europa bis Ostasien unterwegs und erweiterte dabei ihr Schaffen um neue Fremd- und Formensprachen. Als sie für das zweite Illustrationsstudium am Leonardo-Campus in Münster landete, verlagerte sich ihr Fokus auf die freie Kunst. Ihre Arbeit besticht durch die Ästhetik des Unvollkommenen und der Materialität, insbesondere von Objekten, die die Spuren der Zeit tragen. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit bietet Lena verschiedene Kurse und Workshops an. Darüber hinaus leitet sie ein offenes Atelier und ist selbst Mitglied einer Ateliergemeinschaft.
boesner (b): Was begeistert dich am analogen Arbeiten?
Lena Skaya (LS): Eigentlich alles :-) Diese direkte sinnliche Erfahrung durch Materialität ist unersetzbar: das Gewicht der Ölfarbe auf dem Malmesser, der Klang des plätschernden Wassers beim Pinselwaschen, die Haptik der Papieroberfläche – das alles macht den schöpferischen Prozess so facettenreich. Neue Materialien sind für mich persönlich eine endlose Inspirationsquelle; ich entdecke und experimentiere gerne mit verschiedenen Techniken insbesondere in der Mixed-Media-Arbeit.
b: Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dem Digitalen das Analoge gegenüberzustellen?
LS: Ich würde das Digitale und Analoge gerne nebeneinanderstellen: Beide Formen haben ihre eigenen Stärken. Jahrelang habe ich beruflich Pixel bemalt – die Digitalität ermöglicht eine unglaubliche Kontrolle, Präzision und eine alles ertragende Arbeitsfläche. Im analogen Arbeiten schätze ich sehr den Zufall, die unvorhergesehenen „Fehler”: Zwar sind sie auch digital möglich, aber die Wahrscheinlichkeit für eine unerwartete Überraschung ist im Analogen viel höher. Die analoge Form macht die Arbeit immer zum Unikat; deren Reproduktion (ob digital oder gedruckt) bleibt dann nur eine Kopie – ein Abdruck sozusagen des Ursprünglichen. Vielleicht ist das in den turbulenten Zeiten der KI-Revolution nicht so ganz unwichtig ;-)
b: Welche Vorzüge hat in deinen Augen speziell das analoge künstlerische Arbeiten, insbesondere im Hinblick auf das figürliche Zeichnen?
LS: Schon beim Trägermedium zeigt sich der Unterschied: Während die digitale Arbeit zwar praktisch ist, begrenzt sie das Schaffen oft auf kleinformatige Arbeiten und zwingt zu isolierten Handgelenksbewegungen, die der Körper auf Dauer nicht mag (glauben Sie mir :-)). Papier bietet hingegen ein breiteres Spektrum an Formaten und die Freiheit, die gesamte physische Präsenz einzubringen. Besonders erlebnisreich ist zudem das Zeichnen von Menschen in Originalgröße – eine Erfahrung, die digitale Formate derzeit kaum ersetzen können. Auch die Entschleunigung durch die Trockenzeit bei nassen Techniken schätze ich sehr: Das Interagieren der Materialien schafft neue Qualitäten und gibt Zeit zum Nachdenken und zur Reflexion.
b: Was hat dich veranlasst, ein Lehrbuch über figürliches Zeichnen zu schreiben?
LS: Die Auseinandersetzung mit Kunsttheorie und ihrer kreativen Vermittlung hat mich schon immer gereizt und inspiriert. Dieses Interesse vertiefte sich während meines zweiten Studiums, als ich als Tutorin für das Aktzeichnen tätig war und zusätzlich verschiedene Zeichenworkshops veranstaltete. So konnte ich über einige Jahre hinweg beobachten, wie Menschen Menschen zeichnen; dabei gewann ich die Erkenntnis, den Körper sowohl als Darstellungsziel als auch als schöpferisches Werkzeug zu begreifen.
b: Wie unterscheidet sich dein Buch von anderen? Wen stellst du dir als Leser*innen vor?
LS: Wahrscheinlich liegt die Innovation in der Fusion von gestalterischen (künstlerischen) und somatischen (körperlichen) Übungen; ähnliche Bücher sind mir jedenfalls noch nicht bekannt. Der Inhalt ist fachlich fundiert, dennoch spielerisch. Es ist ziemlich vielseitig und behandelt ein breites Spektrum: von der Gestaltungslehre und Wahrnehmungstheorie über die menschliche Evolution und Anatomie bis hin zu Kunsttheorie und Kunstgeschichte. Der Sprachstil ist sowohl genderneutral als auch lesefreundlich. Ich hoffe, alle finden hier etwas für sich. Das Buch ist unterhaltsam und zugänglich für Neulinge, bietet aber auch für Fachleute mit professionellem Blick eine Bereicherung, vor allem für Studierende mit Schwerpunkt Zeichnen/ Malen, für Kunstschaffende, die ihren eigenen Stil entfalten wollen, sowie für Lehrende im Bereich der Kunstpädagogik.
b: Unter anderem ermutigst du die Leser*innen dazu, auch den eigenen Körper zu erkunden. Wie bis du auf diese Idee gekommen?
LS: Jede schöpferische Tätigkeit ist unglaublich fesselnd; wir verlieren dabei nicht nur das Zeitgefühl, sondern vergessen oft das wichtigste Werkzeug: unseren eigenen Körper. Essenziell für mich war, diesem zentralen Medium genügend Raum und Bedeutung zu geben, so wird die eigene Körperwahrnehmung zum unmittelbaren Teil der künstlerischen Praxis.
b: Wie hast du die „Caretoffel“-Übungen entwickelt? Hast du eigene Erfahrungen mit den Übungen gemacht?
LS: Ich glaube, die Caretoffel, die das Körperbewusstsein symbolisiert, bringt in der Tat die Stimme meiner inneren kleinen Hippie zum Klingen :-) Inspiriert durch die wertvollen Erfahrungen aus Pilates, Feldenkrais, der Alexander-Technik und der Tanzimprovisation usw. habe ich sie inhaltlich und assoziativ an die Kapitel angepasst. Dank der fachlichen Unterstützung (durch die liebe Rosi!) konnte ich die Übungsreihe möglichst präzise und zugänglich beschreiben.
b. Welche Erfahrung wünscht du deiner Leserschaft?
LS: „Menschen Zeichnen" stellt eine breite Palette an Darstellungstechniken vor. Ich hoffe, jede Person findet darin den richtigen Schlüssel zur künstlerischen Weiterentwicklung und zur Erfüllung eigener Ziele. Ich hoffe auch, dass ein paar Caretoffeln mit in den Alltag mitgenommen werden :-)
b: Liebe Lena, wir danken dir für deine Zeit!
LS: Vielen Dank für dein Interesse – es hat Spaß gemacht, deine Fragen zu beantworten!