Praxis

Spachtelmassen selbst herstellen

Welcher Dispersionsbinder wird zum Anrühren von Spachtelmassen verwendet? Wie hoch sollte der Anteil an Füllstoffen sein? Die Künstlerin Gabriele Musebrink verrät Rezepte, Tricks und Tipps zur Herstellung von Spachtelmassen.

Die Herstellung eigener Spachtelmassen ist nicht schwer, erfordert allerdings ein wenig Experimentierfreude. Für die Basis benötigt man Dispersionsbinder und Füllstoff. Die beiden „Zutaten“ werden mit einem Quirl oder Japanspachtel zu einem „etwas festeren Rührteig“ vermengt. Bei selbst hergestellter Spachtelmasse erhält man eine mattere, nicht so synthetisch wirkende Oberfläche wie dies bei gekauften Spachtelmassen oft der Fall ist. Je nach Auftrag entsteht eine zum Teil starke Rissbildung, die allerdings die Haltbarkeit der Masse nicht beeinträchtigt. Da man den Malprozess in Bezug auf die Reaktion des Materials nicht komplett steuern kann, muss man sich bei der selbst hergestellten Spachtelmasse unweigerlich auf ihre Lebendigkeit und das eventuell unvorhergesehene Ergebnis einlassen. Doch genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu fertigen Spachtelmassen. Diese selbst hergestellten Spachtelmassen verbleiben, aufgetragen im richtigen Verhältnis von Binder und Füllstoff, fest auf dem Untergrund. Mögliche Rissbildungen nutzen Experimentierfreudige als zusätzliche, interessante Struktur und beginnen, mit dem Verhältnis von Binder und Füllstoff zu spielen. Daraus ergeben sich letztlich Strukturbilder, die nur über diesen Weg des „Sich-Ausprobierens“ zu erzielen sind. Die Materialien, mit denen man eine besondere Oberflächenoptik schaffen kann, sind äußerst vielfältig. Variationen entstehen durch die Verwendung unterschiedlicher Füllmaterialien: Neben Marmor- und Schiefermehl sind das z.B. Steinmehl, gewonnen aus dem Bearbeiten von Speckstein, gefundene Sande, Baukalke und Gipse, getrockneter Kaffeesatz, Holzmehl und Marmorgriese.

Grundsätzliches

Kunstharz-Dispersionsbinder ist ein milchig aussehender Binder mit cremiger, dickflüssiger Konsistenz. Er trocknet transparent auf und kann auch zur Herstellung von Acrylfarben oder zum transparenten Grundieren von Leinwänden verwendet werden. Es gibt ihn – wie natürlich alle Materialien – in unterschiedlichen Qualitäten. Folgende Fragen sind zu beachten: Sind Weichmacher enthalten? Ist der Dispersionsbinder weiß oder cremefarben im Ton? Ist er sehr konzentriert und dickflüssig oder hat er die Konsistenz von verdünntem Holzleim? Mit allen Dispersionsbindern lässt sich arbeiten – allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen.

TIPP

Als Faustregel gilt: Je hochwertiger das Ausgangsmaterial, desto teurer die Anschaffung und besser die Haltbarkeit der Spachtelmasse. Trotzdem kann man kaum Rückschlüsse auf die exakte Wirkung bzw. Struktur nach dem Trocknen ziehen: Hier spielt das Material dem Künstler immer neue und interessante Streiche.

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Der Anteil Acrylemulsion im Dispersionsbinder

Im engeren Sinne ist der Dispersionsbinder auch eine Acrylemulsion, er unterscheidet sich aber von der Emulsion, die im Fachhandel als Acrylemulsion bezeichnet wird. Ein „Binder“ ist eine Acrylemulsion, die industriell mit Wasser verdünnt und mit Verdickern wieder eingedickt wurde. Ihre Klebekraft wurde daher im Vergleich zur Acrylemulsion reduziert.
Acrylemulsion dient im engeren Sinn dem eigentlichen Herstellen von Acrylfarben, ist wesentlich dünnflüssiger und mit einer hohen Klebekraft versehen. Auch wenn immer wieder gesagt wird, dass man mit dieser Emulsion Spachtelmassen herstellen kann, so sagt die Praxis: Diese Spachtelmassen sind schwer zu glätten, äußerst zäh und haben einen hohen Plastikcharakter sowie enorme Klebkraft. Das sollte man wissen, denn es gibt natürlich auch für diese Herstellung Einsatzbereiche im künstlerischen Tun. Pigmentiert und versetzt mit Sand bilden sie beispielsweise eine ideale Haftung für Gipshaftputz-Mörtel. Zum Selbst-Herstellen der Spachtelmassen nehmen Sie daher Dispersionsbinder.

Der Füllstoff-Anteil

Die Spachtelmassen, die im Folgenden einzeln beschrieben werden, lassen sich sehr einfach aus dem erwähnten Füllmaterial herstellen. Durch zusätzliches Einarbeiten von Wellpappe, Papier, Hanf, Gaze und vielen anderen Materialien können sie weiter abgewandelt werden. Das Mischungsverhältnis beträgt 2/3 Füllstoff und 1/3 Dispersionsbinder. Da auch optisch gleich aussehende Marmormehle in ihrer kristallinen Struktur unterschiedlich sind und Dispersionsbinder ebenfalls ihren jeweils eigenen Charakter haben, dienen alle angegebenen Maßverhältnisse lediglich der Orientierung. Um einen glatten, festeren Rührteig herzustellen, sollte der Füllstoffanteil überwiegen. Sollte die Masse für den jeweiligen Verwendungszweck eher dünnflüssiger sein, empfiehlt es sich, erst nach der Herstellung der Spachtelmasse weiteren Dispersionsbinder unterzumischen.

TIPP

Den Dispersionsbinder immer unverdünnt verwenden, wenn mit Füllstoffen gearbeitet wird, die keine eigene Bindekraft haben. Durch den späteren Auftrag der Farben kann es zu chemischen Reaktionen kommen, die Spachtelmasse kann beim Trocknen der Farbe eventuell wieder aufweichen.

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Foto: Peter Illing

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Foto: Peter Illing

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Foto: Peter Illing

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Foto: Peter Illing

Marmormehl-Spachtelmasse

Das Marmormehl in ein Gefäß mit möglichst senkrechten Wänden füllen und den Dispersionsbinder unverdünnt hinzugeben (ca. 2/3 Marmormehl und 1/3 Dispersionsbinder). Danach werden die Komponenten mit dem kurzen Japanspachtel verrührt, bis die gewünschte Konsistenz erreicht ist. Es entsteht eine feine, glänzende Masse. Will man uneingearbeitetes Marmormehl (sichtbar durch kleine Knubbel in der Masse) erhalten, hört man einfach frühzeitig mit dem Verrühren auf. Die Spachtelmasse lässt sich auch in dieser Form ohne Probleme verarbeiten. Für eine flüssigere Konsistenz kann die Masse nach Fertigstellung mit weiterem Dispersionsbinder (nicht mit Wasser) verdünnt werden. Eine hauchdünne Schicht Marmormehl-Spachtelmasse ist mit dem Auftrag nahezu schon aufgetrocknet. Das ändert sich natürlich mit zunehmender Dicke der Schicht: Je extremer der Auftrag, umso länger dauert der Trockenvorgang, der im Extremfall bis zu 24 Stunden in Anspruch nimmt – eine übliche Raumtemperatur vorausgesetzt. Die Marmormehl-Spachtelmasse entwickelt beim Auftrocknen und bei zunehmender Auftragsdicke Risse, die eine Haftung auf dem Untergrund im Normalfall überhaupt nicht beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die Oberfläche wird mit der Rissbildung lebendiger.

TIPP

Soll die Masse auf der Leinwand modelliert werden, sollte sie gut durchgearbeitet und in der Grundkonsistenz eher fest sein. Um die Rissbildung zu unterstützen, kann mit dem heißen Luftstrahl eines Haarföhns nachgeholfen werden. Übriggebliebene Spachtelmasse bleibt viele Wochen frisch, wenn man ein Stück Plastikfolie zur Abdeckung über die Masse legt, bevor man das Gefäß luftdicht verschließt.

Diese Dispersions-Spachtelmasse hält auf nahezu allen Untergründen: Aluminium, Glas, Plastik, Leinwand, Papier, Holz und anderem Material. Bestehen die Untergründe allerdings aus alten Ölfarben oder anderen öligen Flächen, sollten diese gründlich entfettet (mit Aceton) bzw. durchgetrocknet sein.

Schiefermehl-Spachtelmasse

Schiefermehl gehört zu den weniger bekannten natürlichen Erdpigmenten. Im engeren Sinne ist es ein Steinmehl bzw. eine Steinkreide. Zum Anrühren der Spachtelmasse wird das Schiefermehl in ein Gefäß mit möglichst senkrechten Wänden gegeben und mit dem unverdünnt hinzugegebenen Dispersionsbinder mittels Japanspachtel verrührt. Hier beträgt das Mischungsverhältnis etwa 3/5 Schiefermehl und 2/5 Dispersionsbinder. Der Farbton der Spachtelmasse wird zunächst viel dunkler und nach dem Trocknen etwas heller. Um das Farbenspiel des Pigments zu erfahren, kann mit den Mengenverhältnissen von Pigment und Binder experimentiert werden. Schiefermehl lässt sich auch trocken auf die aufgetragene, noch feuchte Masse sieben, streuen oder werfen und wird dann mit Seidenpapier angedrückt. Das Gestreute wird mit einem Seidenpapier angedrückt. Danach das Papier vorsichtig wieder abziehen, alles trocknen lassen und den nicht haftenden Überschuss abbürsten. Die Untergrundbearbeitung bekommt dadurch aufgebrochene, helle Stellen und wird sehr lebendig.

TIPP

Auch bei der Herstellung der Schiefermehl-Spachtelmasse sollte der Dispersionsbinder nicht mit Wasser verrührt werden, da dies die Klebekraft deutlich mindert.

Abwandlungsmöglichkeiten der Spachtelmassenstruktur

Der gespachtelte Strukturuntergrund wird durch das Einkleben von Papieren, Pappen, Hanf und anderen Elementen abgewandelt. Die Dispersions-Spachtelmassen haben im feuchten Zustand eine hohe Klebekraft. Besonders einfach ist das Einkleben von Stoffen, die eine eigene Saugfähigkeit besitzen wie z.B. Wellpappe, Seiden- und Pergaminpapier. Auch das partielle Einpusten von feinen Sanden, solange die Spachtelmasse feucht ist, verändert die Struktur. Überall dort, wo der Sand haftet, verhält sich auch die fein aufgetragene Farbe anders: Sie kommt stofflicher, matter und dunkler daher. In der optischen Wirkung ist der Farbauftrag dann stumpfer und es erscheint so, als würde das Pigment offen aufliegen. Die Spachtelmasse muss unbedingt feucht und von ihrem Auftrag her dick genug für das einzuklebende Objekt sein. Es ist ratsam, alle hinzugefügten Elemente nicht einfach obenauf zu setzen, die Wirkung ist dann häufig im wahrsten Sinne des Wortes „aufgesetzt“.

TIPP

Werden die eingearbeiteten Elemente zum Teil mit Spachtelmasse und später auch mit den Farben überzogen, werden sie eingebettet und integrieren sich sehr organisch in das Gesamtgefüge. Sande können hier neben dem Pigment wie oben schon erwähnt als Verstärkung der Struktur mit einem Siebchen eingestreut oder auch seitlich eingepustet werden. Durch das Einpusten erreicht man Verläufe, durch das Einsieben ist eine punktuelle Betonung möglich.

Bibliografische Angaben
Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei, Ravensburger Buchverlag, 4. Auflage 1981.

Joachim Büchner: Emil Schumacher, in: Romain-/Bluemler (Hg.): Künstler, Edition der Verlage Weltkunst und Bruckmann, München 1988, S. 2-15.

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Profile

Gabriele Musebrink (* 1955 in Essen) entwickelt seit nunmehr über 30 Jahren ihre künstlerische Sprache und Ausdrucksform. Ihre Liebe gilt natürlichen Materialien mit Eigenleben, dem sie in ihrer Intuitiven Prozessmalerei durch das Zusammenspiel der Materialien und das Anwenden einer speziellen Technik nachspürt. Ihre Arbeit basiert auf der Kunst des Informel, geht aber im Widerspiegeln natürlicher Lebensprozesse darüber hinaus. Gabriele Musebrink lebt und arbeitet in Essen. Ihr Wissen gibt sie an der von ihr geleiteten Kunstschule Musebrink weiter und vermittelt es europaweit in Seminaren.

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