Kolumne

Vom Loslassen und Finden

Wenn man Dinge loslässt, kommen Sie ins Rollen: Die entscheidende Idee zündet nie, wenn man verzweifelt danach sucht. Sondern dann, wenn die Gedanken ungehindert schweifen können: Unter der Dusche. Beim Unkrautjäten (vor allem in diesem regenreichen Sommer). Beim frühmorgendlichen Spaziergang mit dem Hund. Oder spätabends im Bett, wenn Gedanken eigentlich längst in Träume verwandelt sein sollten. Ich kenne Menschen, die immer Zettel und Stift auf dem Nachttisch (oder im Bad) liegen haben, um sich eben diese Gelegenheiten nicht entgehen zu lassen …

Umberto Eco, der im Februar verstorbene italienische Philosoph, Schriftsteller und brillante Denker, hat sich auch mit solchen scheinbar unverhofften Geistesblitzen beschäftigt. Er schrieb in einem seiner „Streichholzbriefe“ („La Bustina di Minerva“), einer Kolumne, die er für das römische Nachrichtenmagazin L’Espresso verfasste: „Wenn ich den Philosophiestudenten einen Rat geben sollte, wäre es dieser: Notiert euch nicht die Gedanken, die euch am Schreibtisch kommen, sondern die, die euch auf dem Klo kommen. Aber erzählt es nicht überall, sonst gelangt ihr mit großer Verspätung auf einen Lehrstuhl“¹.

Viele schöpferisch tätige Menschen kennen ihre idealen Bedingungen: Friedrich Schiller liebte faulende Äpfel in seiner Schreibstube, deren Geruch seine Dichtkunst beflügelte. Mancher vertraut auf die Kraft der Musik, andere suchen die Ruhe der Natur oder das schillernde Treiben der Großstadt. Doch wider besseres Wissen scheint der Alltag manchmal solche Wege zu verstellen: Zu vieles gilt es zu bewältigen, zu zahlreich scheinen die Anforderungen zu sein. Organisieren, strukturieren, ordnen wird mitunter zur höchsten Devise. Den Überblick behalten, einfach weitermachen. Und das Loslassen? Kommt immer öfter zu kurz. Sollte man nicht der Muße und den nur scheinbaren Nebensächlichkeiten mehr Raum geben? Schließlich eröffnete auch in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ eine simple, in Tee getunkte Madeleine den Zugang zu Erinnerungen, die in einen der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte mündeten …

Ihre Sabine Burbaum-Machert

¹ zitiert in der Übersetzung von Burkhart Kroeber, erschienen u.a. in Die Zeit, 27. November 1987

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Profile

Mitglied der boesner-Redaktion, verantwortliche Redakteurin von KUNST & material. Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Neugermanistik in Bochum und Siena. Mehrjähriger Forschungsaufenthalt an der Bibliotheca Hertziana in Rom; 1998 Promotion an der Ruhr-Universität Bochum.

Tätigkeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin, Lehrbeauftragte, Übersetzerin, Autorin und Redakteurin.

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