Kolumne

Die Renaissance des Wesentlichen

Wenn von den Golden Twenties die Rede ist, assoziiert man Leben in der Großstadt mit Charleston und Cocktails in Clubs und Kellerlokalen: Ein lebenspralles Szenario im gesellschaftlichen Wandel eines weltweiten Wirtschaftsaufschwungs und ein Durchatmen nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges. Im dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erlebte auch die Kunst mit den Impulsen des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit eine neue Blüte – sie zeigte sich geradlinig und eindeutig, bezog teils vehement Stellung und schaute auch ungeschönt auf die Schattenseiten der Gesellschaft.

Dass wir jetzt wieder an der Schwelle zu Zwanzigerjahren stehen, wurde mir erst bewusst, als mir eine Einladung für eine Silvesterfeier ins Haus flatterte. Und ich fragte mich: Wie werden die nächsten Zwanzigerjahre sein? Was bildet den Ausgangspunkt, und wo stehen wir? Minimalismus ist derzeit ein wichtiges Stichwort, Klarheit und Reduktion auf das Essenzielle. Schlichtheit (nicht Einfachheit!) ist im Design angesagt, und in der Kunst formen seit jeher wenige Linien ein ganzes Universum. Weniger ist mehr: Mit nur wenigen ausgewählten Zutaten ein schmackhaftes Menü zubereiten. Sich mit möglichst wenigen Stücken durchweg gut kleiden … In einer immer komplexer werdenden Welt, die oftmals mehr Fragen stellt als beantwortet, erleben wir eine Renaissance des Wesentlichen.

Angesichts dessen scheint man gerade zum Jahreswechsel gut beraten, zu sichten, zu sortieren und zu ordnen: Was gehört wohin, was ist zu viel, was ist verzichtbar? Welches sind die Werte, die wirklich wichtig sind? Das Leben entrümpeln, um Klarheit und Platz zu schaffen für Neues – neue Gedanken, neue Impulse, neue Inspiration. „Stil ist nichts Endgültiges, sondern beständiger Wandel“ sagte Walter Gropius, Gründer des Bauhauses, schon vor etwa hundert Jahren. Vielleicht eine gute Leitlinie für unsere Zwanzigerjahre?

In diesem Sinne: Ein wunderbares Jahr 2020 wünscht

Sabine Burbaum-Machert

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Profile

Mitglied der boesner-Redaktion, verantwortliche Redakteurin von KUNST & material. Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Neugermanistik in Bochum und Siena. Mehrjähriger Forschungsaufenthalt an der Bibliotheca Hertziana in Rom; 1998 Promotion an der Ruhr-Universität Bochum.

Tätigkeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin, Lehrbeauftragte, Übersetzerin, Autorin und Redakteurin.

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