Kolumne

Bitte lächeln!

„Lächeln ist einfach“ – so wirbt eine Bank in meiner Stadt derzeit für ihre Angebote. Ja, ein Lächeln ist schnell verschenkt, kostet nichts und erobert die Herzen. Ein Lächeln kann vieles sein: Es kann Begrüßung sein oder Abschied, verheißungsvoll oder sehnsüchtig, es kann fröhlich sein und gelöst.

Auch die Kunst bietet ein weltberühmtes Lächeln, das bis heute Gegenstand zahlreicher Interpretationen ist: Das Lächeln von Leonardo da Vincis Mona Lisa wurde als geheimnisvoll gedeutet, auch als verführerisch. Die offenbar ganz entspannte Stimmung der dargestellten jungen Frau wurde verblüffenderweise ebenso als Ausdruck künftigen Mutterglücks gedeutet wie auch als Anzeichen einer eventuellen Lähmung des Gesichts … Jean-Paul Sartre verglich es mit dem Lächeln seiner Großmutter, Nat King Cole beschwor es 1950 in einem Hit und 2003 gab es sogar einem amerikanischen Spielfilm den Titel. Im Italienischen wird das wohl berühmteste Werk der Renaissance „La Gioconda“ genannt – angelehnt an den Namen der vermutlich dargestellten Dame, Lisa del Giocondo, aber auch in der ursprünglichen Wortbedeutung als „die Heitere“. An diesen wenigen Beispielen lässt sich unschwer erkennen: Lächeln wirkt. Doch nicht nur die Gemüter der anderen werden von einem Lächeln erfreut, sondern auch man selbst: Sich morgens – noch schlaftrunken und zerzaust – für eine Minute im Spiegel anzulächeln ist zwar bisweilen eine schwere Übung (denn manchmal waren die Nacht kurz und die Träume eher verwirrend), gehört aber zu den einfacher umsetzbaren Tipps auf dem Weg zur Lebenskunst: Es verscheucht trübe Gedanken und lockt die optimistische Sicht auf den Tag, denn die durch das Lächeln selbst produzierten Endorphine heben die Stimmung und steigern das Wohlbefinden. Das soziale Lächeln gilt allen Kulturen als angeboren: Nicht das Lächeln selbst wird erlernt – wohl aber die Gründe dafür. Beruflich verordnetes Dauerlächeln hingegen soll zwar den Servicegedanken unterstützen, löst aber manchmal bei den so Geforderten mitunter Stress bis hin zu Depressionen aus, betonen Emotionsforscher. Da ist ein echtes, spontanes Lächeln in allen Lebenslagen umso willkommener, oder nicht?

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Profile

Mitglied der boesner-Redaktion, verantwortliche Redakteurin von KUNST & material. Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Neugermanistik in Bochum und Siena. Mehrjähriger Forschungsaufenthalt an der Bibliotheca Hertziana in Rom; 1998 Promotion an der Ruhr-Universität Bochum.

Tätigkeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin, Lehrbeauftragte, Übersetzerin, Autorin und Redakteurin.

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