Ausstellung

Welt in Aufruhr

Marc Chagall in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt: Marc Chagall (1887–1985) gilt als einer der eigenwilligsten Künstler der Moderne. Als jüdischer Maler war Chagall auch immer wieder existenziellen Bedrohungen ausgesetzt, die sich prägend auf sein Leben und sein Werk auswirkten. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem Maler erstmals seit 15 Jahren wieder eine groß angelegte Ausstellung in Deutschland. „Chagall. Welt in Aufruhr“ beleuchtet bis zum 19. Februar 2023 eine bislang wenig bekannte Seite seines Schaffens: Chagalls Werke der 1930er- und 1940er-Jahre, in denen sich seine farbenfrohe Palette zunehmend verdunkelt.

Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt: Marc Chagall (1887–1985) gilt als einer der eigenwilligsten Künstler der Moderne. Als jüdischer Maler war Chagall auch immer wieder existenziellen Bedrohungen ausgesetzt, die sich prägend auf sein Leben und sein Werk auswirkten. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem Maler erstmals seit 15 Jahren wieder eine groß angelegte Ausstellung in Deutschland. „Chagall. Welt in Aufruhr“ beleuchtet bis zum 19. Februar 2023 eine bislang wenig bekannte Seite seines Schaffens: Chagalls Werke der 1930er- und 1940er-Jahre, in denen sich seine farbenfrohe Palette zunehmend verdunkelt.

Marc Chagall, Der Engelssturz, 1923/1933/1947, Öl auf Leinwand, 147,5 x 188,5 cm, Kunstmuseum Basel, Depositum aus Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Martin P. Bühler

Marc Chagall, Der Engelssturz, 1923/1933/1947, Öl auf Leinwand, 147,5 x 188,5 cm, Kunstmuseum Basel, Depositum aus Privatsammlung
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Martin P. Bühler

„Wie eng die oftmals als fantastisch beschriebene Kunst von Marc Chagall mit seiner Lebenswirklichkeit verbunden ist, zeigt besonders der Blick auf seine weniger bekannten Werke der 1930er- und 1940er-Jahre. Unverkennbar reflektierte Chagall in diesen Gemälden die politische Realität und machte es sich zum Anliegen, auch ein nicht-jüdisches Publikum zu erreichen und zur Auseinandersetzung mit der Shoah aufzufordern“, betont Sebastian Baden, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt. „Anhand des Schaffens eines der bekanntesten Künstler der europäischen Moderne beleuchtet die Schirn zentrale Themen wie Flucht und Verfolgung, Heimat und Exil, aber auch die Frage, wie Erfahrungen und Zuschreibungen durch andere die eigene Identität prägen. Damit eröffnet die Ausstellung einen differenzierten und neuen Blick auf das Werk von Chagall, das gegenwärtig eine besondere Aktualität erhält.“

Die Ausstellung in der Schirn fokussiert die Werke von Marc Chagall in einem thematisch gegliederten Rundgang mit sieben Sektionen. Anfang der 1930er-Jahre begann im Schaffen von Marc Chagall ein verstärktes Interesse an jüdischen Themen und eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Identität. Auftakt des Ausstellungsrundgangs bildet das bedeutende Gemälde Einsamkeit, entstanden 1933, dem Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland. Es zeigt einen Juden in der Pose der Melancholia vor einer brennenden Stadt. Schützend umfasst er eine Thorarolle, während ihm eine Geige spielende Kuh Trost spendet. In dieser Zeit realisierte Chagall im Auftrag des Kunsthändlers Ambroise Vollard auch Illustrationen des Alten Testaments, die ebenfalls in der Schirn zu sehen sind. Vor diesem Hintergrund bereiste er 1931 gemeinsam mit seiner Familie das britische Mandatsgebiet Palästina. Vor Ort entstanden Zeichnungen und Gemälde in einer zeitlosen, für Chagall ungewöhnlich dokumentarischen Ausführung, die sich auf die Darstellung heiliger, jüdischer Stätten wie die Klagemauer und Innenräume von Synagogen konzentrieren und das zeitgenössische Leben in Palästina aussparen. Zu sehen sind in der Ausstellung auch Zeichnungen der Synagoge in Wilna (1935), die während einer Reise ins damals polnische Wilna, heute Vilnius, entstanden.

Marc Chagall, Einsamkeit, 1933, Öl auf Leinwand, 102 x 169 cm, Collection Tel Aviv Museum of Art, Schenkung des Künstlers, 1953, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Tel Aviv Museum of Art

Marc Chagall, Einsamkeit, 1933, Öl auf Leinwand, 102 x 169 cm, Collection Tel Aviv Museum of Art, Schenkung des Künstlers, 1953
© VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Tel Aviv Museum of Art

Chagall wechselte immer wieder seinen Lebensmittelpunkt. Im Jahr 1922 verließ er das postrevolutionäre Russland und lebte mit seiner Frau Bella Chagall und der Tochter Ida nach einem Zwischenaufenthalt in Berlin ab 1923 in der französischen Hauptstadt Paris. 1941 floh er gemeinsam mit seiner Familie vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in die USA und kehrte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1948 aus der Emigration nach Frankreich zurück. Anders als in Frankreich, wo einige von Chagalls Arbeiten wie Bonjour Paris (1939–1942) durch typische Landschafts- oder Stadtansichten eine Annäherung an das Land belegen, spiegeln sich die USA in den Werken des Künstlers kaum wider. Vielmehr beschäftigten Chagall die Geschehnisse in Europa und in seiner Heimat. Ein wiederkehrendes Motiv insbesondere der 1930er- und 1940er-Jahre ist seine Heimatstadt Witebsk, u.a. in Die Dorfmadonna (1938‒1942), Der Traum (ca. 1938/39) oder Bei mir zu Hause (1943). Sie wurde für Chagall zum Symbol für die Sehnsucht nach dem verlorenen, zerstörten Zuhause.

Ende der 1930er-Jahre fand Chagall eine Bildsprache für die politischen und persönlichen Ereignisse seiner Zeit in religiösen und vornehmlich christlichen Motiven. Der gekreuzigte Christus wurde für den Künstler zum zentralen Sinnbild für das Leiden der europäischen Jüdinnen und Juden. In zahlreichen Werken wie Die Kreuzigung in Gelb (1942), Apokalypse in Lila, Capriccio (1945) kennzeichnete er Christus durch Attribute wie den jüdischen Gebetsschal (Tallit) oder Gebetsriemen (Tefillin) eindeutig als Juden. Indem er die christliche Ikonografie mit den jüdischen Symbolen verknüpfte, entwickelte Chagall ein neues Narrativ und stilisierte Christus zu einem jüdischen Märtyrer.

Mit seiner Frau Bella verband Chagall eine außergewöhnliche Lebens- und Geistesgemeinschaft. In zahlreichen Gemälden visualisierte er das ikonische Bildmotiv des schwebenden, innig verbundenen Liebespaars. Chagall griff das Paarmotiv in verschiedenen Varianten und Posen auf, als singuläre Figuren, die sich im Bildraum bewegen, häufiger als Brautpaar, in eine dörfliche Szenerie eingebettet. 1945 entstanden die beiden monumentalen Gemälden Um sie herum und Die Lichter der Hochzeit, in denen Chagall seine Trauer um die plötzlich verstorbene Bella zum Ausdruck brachte.

Marc Chagall, Bonjour Paris, 1939–1942, Öl, Pastell, Gouache und Tusche auf Karton, 62 x 46 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Archives Marc et Ida Chagall
Marc Chagall, Um sie herum, 1945, Öl auf Leinwand, 131 x 109,5 cm, Centre Pompidou, Paris, Musée national d’art moderne / Centre de création industrielle, Schenkung des Künstlers, 1953 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: bpk / CNAC-MNAM / Philippe Migeat
Marc Chagall, Der schwarze Handschuh, 1923–1948, Öl, Tempera und Tusche auf Leinwand, 111 x 81,5 cm, Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Archives Marc et Ida Chagall
Marc Chagall, Die Kuh mit dem Sonnenschirm, 1946, Öl auf Leinwand, 81,3 x 108 cm, The Metropolitan Museum of Art, Nachlass von Richard S. Zeisler, 2007 (2007.247.3) © VG Bild- Kunst, Bonn 2022, Foto: bpk / The Metropolitan Museum of Art

Das Werk Der Engelsturz nimmt eine Sonderstellung in Chagalls Werk ein. Über einen Zeitraum von 24 Jahren arbeitete der Künstler in Paris, im US-amerikanischen Exil und wieder zurück in Europa immer wieder an diesem Gemälde. An diesem programmatischen Werk der 1930er- und 1940er-Jahre lässt sich in der Ausstellung anhand von Skizzen die Entwicklung der Bildelemente, die Verdunklung der Farbpalette und Chagalls intensive Auseinandersetzung besonders eindrücklich nachvollziehen. Der Künstler selbst bezeichnete das Gemälde nach 1945 als „das erste Bild der Serie von Vorahnungen“. Die heutige Datierung 1923 – 1933 – 1947 benennt die Vollendungszeitpunkte der drei verschiedenen Fassungen.

Die Schirn beleuchtet auch Chagalls Schaffen während seines Exils in New York. Neben Gemälden sind in der Ausstellung Kostüme aus dem Jahr 1942 für das Ballett Aleko, vertont von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, zu sehen sowie Kostümentwürfe und Vorhangentwürfe für Der Feuervogel zur Musik von Igor Strawinsky aus dem Jahr 1945. Für Chagall waren die Bühnenproduktionen nicht nur wichtige, öffentliche Aufträge, sondern gaben ihm auch die Möglichkeit, mit anderen russischen Exilanten, wie dem Choreografen Léonide Massine, zusammenzuarbeiten.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs zeigt sich im Werk von Chagall ambivalent. In Gemälden wie Die Seele der Stadt (1945) oder Selbstbildnis mit Wanduhr (1947) thematisierte er den neuen Lebensabschnitt, ebenso aber seine Zerrissenheit aufgrund der persönlichen Situation. In vielen Gemälden wie Die Kuh mit dem Sonnenschirm (1946) lässt sich eine positivere Grundstimmung ausmachen, das Thema der Shoah bleibt ein fester Bestandteil in Chagalls späteren Arbeiten. Anschaulich wird Chagalls innerer Konflikt in dieser Übergangsphase auch an den doppelgesichtigen Porträts, in denen er häufig sein eigenes Gesicht mit dem seiner verstorbenen Frau verband, etwa in Der schwarze Handschuh (1923‒1948). Im August 1948 verließ Chagall sein US-amerikanisches Exil und kehrte gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Virginia Haggard nach Frankreich zurück.

„Bei einem genauen Blick auf Marc Chagalls Bilder wird schnell deutlich, dass die in der Rezeption dominierende Vorstellung von dem Künstler als ‚Poet‘ oder ‚Fantast‘ unter den Malerinnen und Malern der Moderne nicht stimmen kann“, erläutert Ilka Voermann, Kuratorin der Ausstellung. „Chagalls Kunst ist stark in seiner Lebensrealität verwurzelt, die immer wieder durch politische Ereignisse, wie die zwei Weltkriege oder die Novemberrevolution, geprägt wurde. Diese massive Gefährdung nicht nur seiner eigenen Identität, sondern einer ganzen Kultur nimmt er zum Anlass, um gerade in den 1930er- und 1940er-Jahren einige der eindrücklichsten Darstellungen zu den Themen Krieg, Flucht und Verfolgung der westlichen Kunstgeschichte zu schaffen. Auch für die Einordnung und das Verständnis seines Œuvres sind Chagalls Arbeiten aus dieser Zeit, die weniger bekannt sind als sein Früh- und Spätwerk, sehr bedeutsam.“

Für die Präsentation konnte die Schirn bedeutende Leihgaben aus zahlreichen deutschen und internationalen Museen, öffentlichen wie privaten Sammlungen gewinnen und in Frankfurt zusammenführen. Zu den Leihgebern zählen u.a. das Kunsthaus Zürich, das Kunstmuseum Basel, The Metropolitan Museum of Art, New York, das Moderna Museet, Stockholm, das Centre Pompidou, Paris, das Musée national Marc Chagall, Nizza, das Museo de Arte Thyssen-Bornemisza, Madrid, das The David and Alfred Smart Museum of Art, Chicago, das Stedelijk Museum, Amsterdam, die Tate, London, das Tel Aviv Museum of Art sowie das The Israel Museum, Jerusalem. Die Ausstellung „Chagall. Welt im Aufruhr“ wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain und die Ernst Max von Grunelius-Stiftung. Hinzu kommt die Förderung der Bank of America als Partner der Schirn sowie zusätzliche Unterstützung durch die Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung.

Auf einen Blick

Chagall. Welt in Aufruhr
Bis 19. Februar 2023

 

Katalog

Chagall. Welt in Aufruhr

Ilka Voermann (Hrsg.). Beiträge von von Ziva Amishai-Maisels, Anna Huber, Leon Joskowitz, Sabine Koller und Ilka Voermann sowie einem Vorwort des Direktors der Schirn Kunsthalle Frankfurt Sebastian Baden und der emeritierten Direktorin des Henie Onstad Kunstsenter Tone Hansen, geb., dt., 200 S. m. 133 Farbabb., 23,5 x 30 cm, Hirmer, ISBN 9783777440798

Digitorial®

Zur Ausstellung bietet die Schirn ein Digitorial® an. Es beleuchtet an den Stationen Witebsk, Paris, Jerusalem und New York die politischen Ereignisse, die Chagalls Schaffen geprägt haben. Das kostenfreie digitale Vermittlungsangebot ist in deutscher sowie englischer Sprache abrufbar unter www.schirn.de/digitorial.


Kontakt

Schirn Kunsthalle Frankfurt
Römerberg
60311 Frankfurt am Main

Tel. +49-69-299882-0

www.schirn.de

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Profile

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt wurde am 28. Februar 1986 feierlich eröffnet. Seitdem hat sie auf rund 2000 m² bislang rund 250 Ausstellungen präsentiert, die von mehr als 9,5 Millionen Besucherinnen und Besuchern gesehen wurden. Die Schirn ist nicht nur eine der angesehensten und profiliertesten Kunstinstitutionen Europas, sondern auch eine feste Größe im kulturellen Leben der Stadt Frankfurt – ein Ort der Begegnungen, an dem interessierte Bürgerinnen und Bürger, Förderer und Partner, junge oder etablierte Künstlerinnen und Künstler, engagierte Freunde sowie Menschen aus aller Welt zusammenkommen. Das Programm der Schirn richtet seinen Fokus auf kunst- und kulturhistorische Themen, Diskurse und Trends aus der Perspektive der unmittelbaren Gegenwart, mit dem Ziel, neue Sichtweisen zu eröffnen und tradierte Rezeptionsmuster aufzubrechen.

[Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, Außenansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2020, Foto: Norbert Miguletz]

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