Ausstellung

Gipfeltreffen in Wuppertal

Eine Ausstellung im Von der Heydt-Museum fragt danach, was Pablo Picasso und Max Beckmann verbindet – und was sie trennt

Das Von der Heydt-Museum Wuppertal und das Sprengel Museum Hannover haben sich zusammengetan, um eine Ausstellungsallianz zwischen zwei außergewöhnlichen Künstlern zu stiften. Die Schau „Pablo Picasso | Max Beckmann. Mensch – Mythos – Welt“ ist eine Übung im vergleichenden Sehen.

Pablo Picasso, Tausendsassa der Malerei und Publikumsmagnet, füllt Ausstellungssäle wie kein anderer. Max Beckmann kann ihm zwar in puncto Popularität nicht das Wasser reichen, darf aber für sich in Anspruch nehmen, dass er zu den bedeutendsten deutschen Malern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört. Wer Werke dieser beiden Dioskuren der Moderne in einer Ausstellung zusammenführt, dem sollte um das Interesse des Publikums nicht bange sein.

Ein solches imaginäres Gipfeltreffen hat das Von der Heydt-Museum Wuppertal arrangiert. Die Schau „Mensch – Mythos – Welt“, entstanden in Kooperation mit dem Sprengel Museum Hannover, synchronisiert die Lebensläufe der beiden nahezu Gleichaltrigen – Picasso lebte von 1881 bis 1973, Beckmann von 1884 bis 1950. Die Ausstellung arbeitet Verbindendes und Trennendes ihrer künstlerischen Haltungen heraus. Und sie sucht nach Parallelen, was Ikonographie und Stil ihrer Malerei angeht.

Eine vergleichbare Synopsis, wie sie die Kuratoren Roland Mönig und Antje Birthälmer (Wuppertal) sowie Reinhard Spieler und Alexander Leinemann (Hannover) jetzt geleistet haben, gab es in Form einer Ausstellung bislang nicht. Das hat einen Grund: Obwohl Max Beckmann bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wiederholt über längere Zeiträume in Paris lebte, wo sich Picasso 1904 endgültig niedergelassen hatte, sind sich die beiden offenbar nie begegnet. Nicht gerade ein Indiz für wechselseitiges Interesse an einem persönlichen Austausch, bedenkt man, dass selbst in einer Großstadt wie Paris die Szene der arrivierten Künstler überschaubar war.

Noch überraschender, dass von Picasso nur eine einzige knappe Äußerung über seinen Kollegen überliefert ist: „Il est très fort“ („er ist sehr stark“), soll er 1931 beim Besuch einer Beckmann-Ausstellung in der Galerie de la Renaissance zum Kunsthändler Ambroise Vollard gesagt haben. Ein saloppes Geschmacksurteil, mehr wohl nicht.

Ganz anders Max Beckmann, der Picasso reichlich Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Freilich eine Aufmerksamkeit, die mitnichten Sympathie oder gar Bewunderung entsprang. Im Gegenteil. Beckmann sah in Picasso ausschließlich einen unliebsamen Konkurrenten. Der Deutsche – daheim in Frankfurt etabliert, doch in Paris nur einer unter vielen – war neidisch auf die internationale Resonanz, die der Mitbegründer des Kubismus erfuhr. Und so ließ Beckmann kaum eine Gelegenheit aus, um klarzumachen, wem seiner Meinung nach der Lorbeer eines Erneuerers der Malerei gebühre – diese Position nahm er für sich selbst in Anspruch.

Künstler mit ausgeprägtem Ego gibt es viele – Max Beckmann gebührt auch in dieser Kategorie ein Spitzenplatz. Als er 1925 eine Gruppenausstellung in der Pariser Galerie Druet besuchte, berichtete er seiner Frau Quappi per Brief von seinen Eindrücken: „Heute morgen war ich auch noch in einer Ausstellung der prominenten Franzosen Bonnard Picasso Matisse etc. und habe mit Zufriedenheit constatirt, dass ich alles besser mache.“

Ist die Parallelaktion, die Wuppertal und Hannover organisiert haben, also an den Haaren herbeigezogen? Keineswegs! Eine vergleichende Betrachtung, wie sie hier mit rund 200 Gemälden, Grafiken und wenigen Skulpturen, mit Werken aus eigenem Besitz und zahlreichen Leihgaben unternommen wird, hat allein schon deshalb ihre Berechtigung, weil in der ersten Jahrhunderthälfte niemand die gegenständliche Malerei so entschieden und erfindungsreich vorangetrieben hat wie Picasso und Beckmann.

Darin erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten nicht. Die beiden Rivalen eint ihre Vorliebe für Szenen aus dem Künstleratelier und für Selbstbildnisse – man geht wohl nicht fehl, diese auch als Symptome für Egozentrik zu deuten. Doch steckt mehr dahinter, wie ein Zitat von Max Beckmann erhellt: „Was bist du? Was bin ich? – Das sind Fragen, die mich unaufhörlich verfolgen und quälen, aber vielleicht auch zu meiner künstlerischen Arbeit beitragen“, schreibt er. „Denn das Ich ist das größte und verschleiertste Geheimnis der Welt.“

Bemerkenswert weiterhin, dass beide von mythologischen Stoffen angezogen wurden. Außergewöhnlich, dass der eine wie der andere die Gabe besitzt, die Welt mit allen Höhen und Tiefen auf der Bühne der Malerei deutend zur Anschauung zu bringen. Damit nicht genug: Beide haben ein Faible für Erotik und Aktdarstellungen. Und sowohl Picasso als auch Beckmann sympathisieren in ihren Bildern mit den Außenseitern der Gesellschaft, rücken Clowns, Harlekine und Akrobaten in den Mittelpunkt. Arme und Gaukler bevölkern vor allem zahlreiche Bilder von Picassos „Blauer“ und „Rosa Periode“ (1901–1906).

Es mangelt also nicht an einem gemeinsamen Nenner. Zudem kann Wuppertal einen Standortvorteil für die illustre, wenn auch gewöhnungsbedürftige Allianz geltend machen: Schließlich war das Von der Heydt-Museum 1911 das erste Museum weltweit, das ein Gemälde von Pablo Picasso erwarb. Und Max Beckmanns Selbstbildnis als Krankenpfleger (1915), das die Desillusionierung des Künstlers durch den Schock des Ersten Weltkrieges vergegenwärtigt, sicherte der Barmer Kunstverein schon 1925 für Wuppertal.

Der Erste Weltkrieg, den Max Beckmann als Sanitätshelfer an der Front bis 1915 miterlebte, bedeutete für ihn eine tiefgreifende Zäsur – im Leben wie in der Kunst. Sah er den Krieg zunächst als willkommene schöpferische Inspiration – berühmt ist sein Zitat „Meine Kunst kriegt hier zu fressen“ –, so löste das mörderische Spektakel rasch ein Trauma aus, das sich in Werken wie dem Horror-Panoptikum Die Nacht (1918/19) Bahn brach. Ganz anders Picasso, der als Spanier in Paris vom Dienst in der französischen Armee verschont blieb: Der bis dahin umfassendste Krieg der Geschichte hinterließ keine Spuren in seiner Kunst – stattdessen entwickelte er den Kubismus weiter, experimentierte mit Collagen und näherte sich der Abstraktion, ohne den Gegenstandsbezug je aufzugeben.

Um so überraschender, dass sich die Formensprache der beiden Künstler nach Kriegsende annähert – von einer „klassizistischen Phase“ ist bei Picasso oft die Rede. Mit seinem Bildnis Minna Beckmann-Tube von 1924 kommt Max Beckmann dieser vereinfachten, statuarischen Bildsprache besonders nah. Leider ist das Porträt, das sich im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen befindet, nicht in Wuppertal zu sehen. Dafür entschädigen andere Werke von Picasso und Beckmann, Gemälde und Grafiken, in denen die kompakte, klar definierte Körperdarstellung zum Ausdruck kommt, wie sie bei beiden für den Stil der zwanziger Jahre typisch ist. Zwei extreme Hochformate – Picassos Die Brieflektüre (1921) und Beckmanns Luftakrobaten (1928) – führen diese formale Nähe frappant vor Augen.

Aufschlussreich und bezeichnend auch, wie beide Künstler an die Mythologie andocken, um Bilder hervorzubringen, die das Gegenteil von korrekt-trockener Nacherzählung sind. Sagen, Märchen und Mythen inspirieren schon Max Beckmanns Frühwerk. Was Pablo Picasso angeht, so erkundet er den mythologischen Kosmos verstärkt seit 1930 – damals beginnt er seine Illustrationen zu den „Metamorphosen“ des antiken römischen Dichters Ovid. In Wuppertal beeindrucken Beckmanns Messingstadt (1944) und Picassos Der Raub der Sabinerinnen (nach David) (1962) als Paradebeispiele kraftvoller Mythenmalerei.

Beckmanns Bild, eine Leihgabe aus dem Saarlandmuseum in Saarbrücken, bezieht sich auf eine Episode aus „Tausendundeiner Nacht“: Soldaten belagern eine Stadt – deren Bewohnerinnen nehmen das Heft in die Hand, verführen die Angreifer und locken sie in den Tod. Beckmann zeigt eine dieser starken Frauen, die ihren Körper als Waffe einsetzen: breit hingelagert, aber voller Energie, auf dem Sprung, ihren verhassten Liebhaber, der schlafend auf dem Bauch liegt, dem Jenseits zu überantworten.

Präsentiert uns Beckmann die Frau als souveränes Geschöpf, das den triebgesteuerten Mann in die Falle lockt, so sind die Frauen in Picassos Raub der Sabinerinnen durch die Bank Opfer männlicher Gewalt – kein Einzelfall im Œuvre des Machos, der sich den Fotografen gern in virilen Posen präsentierte, beispielsweise in Unterhose und mit nacktem Oberkörper. Eine der Gründungslegenden Roms lieferte ihm das Thema für das Spätwerk aus dem Besitz des Pariser Centre Pompidou: Weil es dem Stadtstaat an Frauen mangelte, lud Romulus den Stamm der Sabiner zu einem Fest ein und ließ dessen unverheiratete Mädchen entführen. Picasso macht daraus ein Massaker, dem die Sabinerinnen nichts entgegenzusetzen haben.

Das Bild von der Frau lenkt erneut das Augenmerk darauf, dass die Unterschiede zwischen zwei bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten mindestens so wichtig sind wie das, was sie vereint. Für diese These liefert die Ausstellung die Probe aufs Exempel. Im Katalog schreibt Reinhard Spieler: „Stil und Form scheinen bei Picasso immer Spiel und Experiment, während sie sich bei Beckmann aus existenziellen Lebensumständen generieren.“ Dem hätte Max Beckmann wohl zugestimmt, lautete sein Credo doch: „Kunst dient der Erkenntnis, nicht der Unterhaltung – der Verklärung – oder dem Spiel.“ Ganz anders Picasso, der von einer motivischen oder stilistischen Kapriole zur nächsten sprang wie ein Kind, das sich spontan für ein Spielzeug begeistert, es aber ebenso rasch beiseitelegt, wenn ein neuer Reiz in Reichweite gerät. „Der Mensch … ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ – das Schiller-Zitat lässt sich mit Fug und Recht auf Picasso als Künstler ummünzen. Auf Beckmann dagegen passt es ganz und gar nicht.


Ausstellung
„Pablo Picasso | Max Beckmann. Mensch – Mythos – Welt“

Orte
Von der Heydt-Museum Wuppertal, Turmhof 8, 42103 Wuppertal, bis 7. Januar 2024

Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz 1, 30169 Hannover, 17. Februar bis 16. Juni 2024

Katalog
Pablo Picasso | Max Beckmann. Mensch – Mythos – Welt

Roland Mönig und Reinhard Spieler (Hrsg.), Beiträge von Henrike Stein, Anna Storm, Antje Birthälmer, Alexander Leinemann, Roland Mönig, Didier Ottinger, Olaf Peters und Reinhard Spieler, dt., Hardcover, 224 S. m. zahlr. Farbabb., 22 x 27 cm, Distanz Verlag, ISBN 9783954766017

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Profile

Gegründet 1902 als Städtisches Museum Elberfeld, wurde die Institution 1961 umbenannt in Von der Heydt-Museum – eine Reverenz an die Wuppertaler Bankiersfamilie, die das Museum in vielfältiger Weise gefördert hat. Die Sammlung des Museums umfasst Kunst vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Impressionismus, Expressionismus und die 1920er-Jahre bilden die Schwerpunkte. Zum Bestand gehören rund 2 200 Gemälde, 500 Skulpturen und 30 000 grafische Blätter. Seit 2020 ist Roland Mönig Direktor des Museums, das sich im Zentrum von Wuppertal-Elberfeld befindet.

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