Ausstellung

Lesarten der Welt

250. Geburtstag von Caspar David Friedrich: Festjahr in Greifswald, Jubiläumsausstellungen in Hamburg, Berlin und Dresden

Am 5. September 1774 wurde Caspar David Friedrich in Greifswald geboren. Der 250. Geburtstag des Romantikers ist Anlass für ein Festjahr in seiner Heimatstadt. Und nicht nur das: Mit drei Ausstellungen demonstrieren die Hamburger Kunsthalle, die Alte Nationalgalerie in Berlin und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dass der Landschaftsmaler all jenen viel zu sagen hat, die auf der Suche sind: nach dem Schönen und Bedeutsamen in der Kunst, vielleicht sogar nach dem Sinn des Lebens.

Caspar David Friedrich: „Selbstbildnis mit aufgestütztem Arm“, um 1802 Feder über Bleistift, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Christoph Irrgang

Caspar David Friedrich: „Selbstbildnis mit aufgestütztem Arm“, um 1802 Feder über Bleistift, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett
© Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Christoph Irrgang

Im 19. Jahrhundert geriet er vorübergehend in Vergessenheit. Mittlerweile ist unter den deutschen Malern nur Albrecht Dürer berühmter als er: Caspar David Friedrich (1774–1840) begeistert ein breites Publikum und fasziniert Kunstkenner. Seine symbolträchtigen Landschaftsbilder gelten als Inbegriff der Romantik. Im Museum nehmen sie einen Ehrenplatz ein. Und unzählige heimische Wände werden durch Friedrichs Werke – in Form von Reproduktionen – in Projektionsflächen der Sehnsucht verwandelt.

Caspar David Friedrich: „Kreidefelsen auf Rügen“, 1818, Öl auf Leinwand Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, © Foto: SIK-ISEA, Zürich / Philipp Hitz

Caspar David Friedrich: „Kreidefelsen auf Rügen“, 1818, Öl auf Leinwand
Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, © Foto: SIK-ISEA, Zürich / Philipp Hitz

Mönch am Meer, Wanderer über dem Nebelmeer, Kreidefelsen auf Rügen, Das Eismeer oder Das Große Gehege bei Dresden – diese und andere ikonische Bilder des Dresdner Malers sind jedoch mehr als stimmungsvolle, oft melancholisch anmutende Landschaftsdarstellungen. Vielmehr hinterließ der fromme Künstler in ihnen ein gemaltes Glaubensbekenntnis. Gott entdeckte er überall in der Natur – vom kleinsten Sandkorn bis zur mächtigen Eiche.

Unterwegs mit Caspar David Friedrich

Am 5. September 1774 wurde Caspar David Friedrich in Greifswald geboren. Versteht sich, dass der 250. Geburtstag in der Universitäts- und Hansestadt gebührend gefeiert wird. Ausstellungen, Theater- und Performance-Darbietungen, Lesungen, Vorträge und Konzerte sorgen dafür, dass der wohl berühmteste Sohn der Ostsee-Stadt 2024 noch stärker ins Bewusstsein rückt, als das ohnehin der Fall ist. Im Jubiläumsjahr wird der „Caspar-David-Friedrich-Bildweg“ die Pilger auf den Spuren des Malers besonders magisch anziehen. Von der Langen Straße (hier befindet sich das Caspar-David-Friedrich-Zentrum) führt die Route über das Universitätshauptgebäude (dort erhielt er im Alter von circa 15 Jahren seinen ersten Zeichenunterricht) hinunter zum Stadthafen – majestätische Segelschiffe, die sich dem Ufer nähern, wo Zuschauer sich mit meditativer Andacht in ihren Anblick versenken, zählen zu Friedrichs Lieblingsmotiven. Vom Hafen geht es weiter zum Greifswalder Bodden und zur Ruine des ehemaligen Zisterzienserklosters Eldena, die durch Caspar David Friedrichs Werke weltberühmt geworden ist.

Caspar David Friedrich: „Wanderer über dem Nebelmeer“, um 1817, Öl auf Leinwand, Dauerleihgabe der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen © SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford

Caspar David Friedrich: „Wanderer über dem Nebelmeer“, um 1817, Öl auf Leinwand, Dauerleihgabe der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen
© SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford

Wer sein Gespür für die Wurzeln von Friedrichs Kunst schärfen will, kommt an Greifswald nicht vorbei. Was die Ausstellungen zum 250. Geburtstag des Künstlers angeht, so sind Hamburg, Berlin und Dresden die wichtigsten Stationen. Den Auftakt macht die Hamburger Kunsthalle: Deren Jubiläumsschau „Kunst für eine neue Zeit“ vereint mehr als 60 Gemälde und rund 100 Zeichnungen des Meisters. Flankiert werden diese Exponate zum einen durch Bilder anderer romantischer Künstler (zum Beispiel Carl Gustav Carus, Johan Christian Dahl und Georg Friedrich Kersting), zum anderen durch zeitgenössische Werke, die sich auf Kunst und Naturverständnis von Caspar David Friedrich beziehen; auf den Spuren des Erzromantikers wandeln beispielsweise Julian Charrière, David Claerbout, Olafur Eliasson, Mariele Neudecker, Ulrike Rosenbach und Kehinde Wiley.

Caspar David Friedrich: „Böhmische Landschaft mit dem Milleschauer“, 1808, Öl auf Leinwand Albertinum / GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Caspar David Friedrich: „Böhmische Landschaft mit dem Milleschauer“, 1808, Öl auf Leinwand
Albertinum / GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut

Das zweite Ausstellungshighlight ist von April bis August in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu erleben. Unter dem Motto „Unendliche Landschaften“ zeigt das Haus gemeinsam mit dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin mehr als 60 Gemälde und rund 50 Zeichnungen. Berlin ist nicht nur wegen seiner Sammlung von Werken Caspar David Friedrichs prädestiniert für eine herausragende Schau im Jubiläumsjahr: 1906 trug die Nationalgalerie mit ihrer „Deutschen Jahrhundertausstellung“ maßgeblich dazu bei, den damals aus dem kunsthistorischen Gedächtnis nahezu verschwundenen Maler wiederzuentdecken. Zu den Eigenheiten von Friedrichs Kunst zählt, dass er eine Vielzahl von Bildpaaren hervorgebracht hat. Diesem dialektischen Denken und Malen will die Alte Nationalgalerie besondere Aufmerksamkeit widmen. Mit dem Mönch am Meer und der Abtei im Eichwald, beide entstanden zwischen 1808 und 1810, besitzt das Museum die berühmtesten Pendants, die Friedrich gemalt hat.

Caspar David Friedrich: „Mönch am Meer“, 1808–1810, Öl auf Leinwand Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: Andres Kilger

Caspar David Friedrich: „Mönch am Meer“, 1808–1810, Öl auf Leinwand
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: Andres Kilger

Schließlich Dresden, „Wo alles begann“, wie die Staatlichen Kunstsammlungen ihre Jubiläumsschau nicht ganz wahrheitsgemäß betiteln. Immerhin war die Stadt mehr als vier Jahrzehnte Lebensmittelpunkt des Künstlers – mithin Geburtsort seiner Hauptwerke. Im Albertinum treffen seine Werke auf jene Landschaftsbilder aus der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, die ihn einst inspiriert haben. Von Jakob Ruisdael, Salvatore Rosa und Claude Lorrain empfing Friedrich etliche Anregungen – gleichwohl ist seine Kunst unverwechselbar, gehörte er doch zur Kategorie der Solitäre, die vor allem aus sich selbst schöpfen.

Derweil lenkt das Kupferstich-Kabinett im Dresdner Residenzschloss den Blick auf Caspar David Friedrichs künstlerischen Prozess. Das Wandern ist des Zeichners Lust, diese Maxime galt für Friedrich in besonderem Maße. Nicht nur in der Umgebung Dresdens war er häufig mit dem Skizzenblock unterwegs, um jene Naturdetails einzufangen, die später Eingang in seine Gemälde fanden; auch während seiner Reisen ins heimatliche Greifswald, auf die Insel Rügen oder ins Riesengebirge waren Papier und Bleistift unentbehrliche Begleiter. – Wenn das Jubiläumsjahr Ende 2024 ausklingt, geht der Hype um Caspar David Friedrich in den USA erst richtig los: Für 2025 plant das New Yorker Metropolitan Museum eine breitangelegte Retrospektive.

Um die Ausstellungen zum 250. Geburtstag in einen größeren Kontext einzuordnen, mag es nützlich sein, eine Vorstellung vom Umfang des Werkes und von der Arbeitsweise des Künstlers zu gewinnen. Zum Œuvre gehören Gemälde, Holzschnitte, Radierungen, Aquarelle, Transparente, bildhafte Zeichnungen, Naturstudien, Entwürfe und Zeichenübungen. Circa 300 Gemälde hat Friedrich hinterlassen, außerdem etwa 20 Skizzenbücher, in denen die mehr als 1 000 überkommenen Zeichnungen ursprünglich gebündelt waren.

Caspar David Friedrich: „Der Greifswalder Hafen“, um 1818/1820, Öl auf Leinwand Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: Jörg P. Anders

Caspar David Friedrich: „Der Greifswalder Hafen“, um 1818/1820, Öl auf Leinwand
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: Jörg P. Anders

Dürfen wir uns also eines breitgestreuten künstlerischen Vermächtnisses erfreuen, so gibt es auch Verlustmeldungen, die traurig stimmen: Beim Brand des Münchner Glaspalastes wurden 1931 über 3 000 Kunstwerke zerstört, darunter die komplette Sonderausstellung „Werke deutscher Romantiker von Caspar David Friedrich bis Moritz von Schwind“; neun Bilder Friedrichs fielen damals den Flammen zum Opfer. Und 1945 gingen bei Luftangriffen auf Dresden weitere Werke des Malers verloren.

Alles ist wichtig

Caspar David Friedrich war das Gegenteil von einem impulsiven Maler: Bis ins kleinste Detail sind seine Bilder durchgeplant, ja durchkonstruiert: Dabei benutzte er optische Hilfsmittel und proportionierte seine Kompositionen durch die Anwendung geometrischer Figuren und des Goldenen Schnitts. Klingt nicht gerade romantisch. „Nichts ist Nebensache in einem Bilde“, davon war er überzeugt, „alles gehöret unumgänglich zu einem Ganzen, darf also nicht vernachlässigt werden.“

Caspar David Friedrich: „Blick aus dem Kapitelsaal der Klosterruine Heilig Kreuz bei Meißen“, um 1824, Aquarell über Bleistift Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Caspar David Friedrich: „Blick aus dem Kapitelsaal der Klosterruine Heilig Kreuz bei Meißen“, um 1824, Aquarell über Bleistift
Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Beinahe pedantisch der Aufbau der Gemälde: Auf einer feinen, vorgrundierten Leinwand legte er mit dünnem Pinsel oder Rohrfeder die Vorzeichnung an – auch Lineal, Winkel und Reißschiene verpönte er nicht, um Struktur ins Ganze zu bringen. Anschließend wurde lasurartig Farbschicht um Farbschicht aufgetragen. Das Ergebnis: eine makellose, subtil austarierte Bildoberfläche. Sein einziges Manko, eine Schwäche im Figurenzeichnen, fällt wegen der Wirkmächtigkeit der Landschaften kaum ins Gewicht. Angesichts eines solchen, gleichsam buchhalterischen Schaffensprozesses verwundert es, dass der Künstler seine Werke weder signiert noch datiert hat. So lässt sich die Entstehungszeit mancher Bilder nur ungefähr beziffern.

Caspar David Friedrich: „Das Eismeer“, 1823/24, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford

Caspar David Friedrich: „Das Eismeer“, 1823/24, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle
© Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford

Bezeichnend auch, dass ihm die Ölskizze nicht lag. Anders als sein Kollege und Freund Johan Christian Dahl, der die farbige Studie, vor dem Naturmotiv rasch und spontan ausgeführt, bei einem Italienaufenthalt kennen- und schätzen gelernt hatte, gab Friedrich 1824 rasch wieder auf, nachdem er einige Versuche in dem ungewohnten Medium unternommen hatte. Spontaneität war sein Ding nicht. Zwar hielt der unablässig Zeichnende bei seinen Wanderungen und Exkursionen eine Vielzahl von Eindrücken fest – Pflanzen, Bäume, Felsen, Wolken, Dorfansichten, Ruinen, Küsten- und Gebirgslandschaften. Doch betrachtete er diese Impressionen bloß als Vorübungen zu den Gemälden. Hier schuf er auf der Basis seiner wirklichkeitsgetreuen Studien eine neue Realität.

Caspar David Friedrich: „Der einsame Baum“, 1822, Öl auf Leinwand Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: Jörg P. Anders

Caspar David Friedrich: „Der einsame Baum“, 1822, Öl auf Leinwand
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: Jörg P. Anders

So täuschend echt sehen diese Ideallandschaften aus, dass man wetten möchte, es gäbe sie wirklich. Eine Wette, die man verlieren würde. Das Eismeer, den Watzmann oder den Junotempel in Agrigent hat Friedrich niemals mit eigenen Augen gesehen; weder war er in Italien noch in den Alpen und schon gar nicht in Polarregionen. Gleichwohl scheinen seine Darstellungen eine höhere Evidenz zu haben als die realen Schauplätze.

Caspar David Friedrich: „Der Watzmann“, 1824/1825, Öl auf Leinwand Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Leihgabe der DekaBank, Foto: Andres Kilger

Caspar David Friedrich: „Der Watzmann“, 1824/1825, Öl auf Leinwand
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Leihgabe der DekaBank, Foto: Andres Kilger

Um ewig zu leben, muss man sich oft dem Tod ergeben

Wer nach einem Leitmotiv im Werk Caspar David Friedrichs sucht, wird schnell fündig: Der Tod spielt eine tragende Rolle auf der Bühne seiner Malerei – und im wirklichen Leben. Schon früh wurde er damit konfrontiert: 1787 ertrank sein um ein Jahr jüngerer Bruder Christoffer beim Versuch, den ins Wasser gefallenen Caspar David zu retten. Das Ableben seiner Schwester Dorothea (1808) und des Vaters (1809) traf den Künstler ebenso schwer wie der Tod seines Malerfreundes Gerhard von Kügelgen: 1820 wurde er von einem Raubmörder erschlagen – zwei Jahre später hat ihm Friedrich mit dem Gemälde Kügelgens Grab ein ehrendes Andenken geschaffen.

Eine morbide Grundstimmung, die sein Werk durchzieht, fiel schon den Zeitgenossen auf. Darauf reagierte der Künstler in Form eines Gedichtes: „Warum, die Frag ist oft an mich ergangen / Wählst Du zum Gegenstand der Malerei / So oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab? / Um ewig einst zu leben, / muss man sich oft dem Tod ergeben.“ Der Romantiker war also kein perspektivloser Schwarzseher, sondern ein tiefgläubiger Christ. Neben der pantheistischen Weltsicht zeugt davon auch die lutherische Kreuzestheologie, die der Kunsthistoriker Helmut Börsch-Supan in seinem Werkverzeichnis als ikonographischen Grundton der Bilder ausgemacht hat.

Caspar David Friedrich: „Das Kreuz im Gebirge“, Detail, um 1805–1807, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett Foto: Reinhard Saczewski

Caspar David Friedrich: „Das Kreuz im Gebirge“, Detail, um 1805–1807, Öl auf Leinwand
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett Foto: Reinhard Saczewski

Schon ein Frühwerk, das 1807/1808 entstandene Bild Das Kreuz im Gebirge, auch als Tetschener Altar bekannt, konfrontiert uns mit dem Tod. Auf einem verschatteten Felsgipfel ragt ein Kreuz empor. Den Gekreuzigten jedoch können wir nur schemenhaft ausmachen; er wendet sich der untergehenden Sonne im Hintergrund zu. Kreuzesdarstellungen gibt es unzählige in der westlichen Kunst. Das Ungewöhnliche, ja Revolutionäre am Tetschener Altar besteht darin, dass die Kernbotschaft von Tod und Auferstehung hier weniger durch das Kruzifix als durch die Landschaft verkündet wird. Was uns wie eine blanke Selbstverständlichkeit vorkommt, erregte im frühen 19. Jahrhundert Befremden und Kritik. In seinem nachmalig berühmt gewordenen Verriss tadelte der Kammerherr Basilius von Ramdohr, dass bei Friedrich die Landschaft sich anmaße, auf die Altäre zu kriechen.

Caspar David Friedrich: „Lebensstufen“, Detail, um 1834, Öl auf Leinwand Museum der bildenden Künste Leipzig, Foto: M. Ehritt

Caspar David Friedrich: „Lebensstufen“, um 1834, Öl auf Leinwand
Museum der bildenden Künste Leipzig, Foto: M. Ehritt

Vom „Mönch am Meer“ zur Moderne

Noch radikaler Der Mönch am Meer – in seinem jüngst erschienenen Buch „Zauber der Stille“ bezeichnet Florian Illies die düstere Strandszene, die der Künstler nach und nach nahezu leerräumte, als das „vielleicht kühnste Bild“ Friedrichs. Er habe, meint der Kunsthistoriker und Autor, in einem mehrmonatigen Reinigungsprozess alles Entbehrliche entfernt, um „das Zweifeln an Gott, die Nichtigkeit des Einzelnen und seine Verlorenheit angesichts der Urkräfte der Natur“ eindringlich darzustellen. Illies sieht in dem Gemälde, entstanden zwischen 1808 und 1810, zugleich den „Urknall der Romantik“ und den Anfang der „abstrakten Malerei“.

Caspar David Friedrich als Vorläufer der Farbfeldmalerei? Hm. In den drei Jahrzehnten, die dem Romantiker verblieben, hat er dem Gegenständlichen und der Schilderung der sichtbaren Welt geflissentlich die Treue gehalten. Ob man dem Künstler gerecht wird, wenn man ihn als Wegbereiter der abstrakten Malerei charakterisiert, darüber kann man diskutieren. Das ist eben das Wunderbare der Kunst von Caspar David Friedrich – und vielleicht der wichtigste Grund ihrer zeitlosen Modernität: Sie präsentiert uns eine symbolische Lesart der Welt, die christlich grundiert und dennoch bedeutungsoffen ist. Wie wir diese Metaphern auslegen, das bleibt uns überlassen.

Caspar David Friedrich: „Das Große Gehege bei Dresden“, 1832, Öl auf Leinwand, Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Foto: Jürgen Karpinski
Caspar David Friedrich: „Das Große Gehege bei Dresden“, 1832, Öl auf Leinwand Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Foto: Jürgen Karpinski
Caspar David Friedrich: „Frau am Fenster“, 1822, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich: „Frau am Fenster“, 1822, Öl auf Leinwand Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich: „Mondaufgang am Meer“, 1822, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich: „Mondaufgang am Meer“, 1822, Öl auf Leinwand Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich: „Mann und Frau in Betrachtung des Mondes“, um 1824, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich: „Mann und Frau in Betrachtung des Mondes“, um 1824 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich: „Das Riesengebirge“, um 1830–1835, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Andres Kilger
Caspar David Friedrich: „Das Riesengebirge“, um 1830–1835, Öl auf Leinwand Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Andres Kilger
Caspar David Friedrich: „Das Riesengebirge“, um 1830–1835, Öl auf Leinwand, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Foto: Andres Kilger
Caspar David Friedrich: „Weidengebüsch bei tiefstehender Sonne“, 1830–1835, Öl auf Leinwand Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum

Websites zum Jubiläum
„Caspar David Friedrich zum Jubiläum“
https://cdfriedrich.de/

„250 Jahre Caspar David Friedrich. 2024 in Greifswald“
https://caspardavid250.de/

Ausstellungen
Caspar David Friedrich. Kunst für eine neue Zeit
Bis 1. April 2024
Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg
https://www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/caspar-david-friedrich-0

Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften
19 April bis 4. August 2024
Alte Nationalgalerie, Bodestraße 1-3, 10178 Berlin
https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/caspar-david-friedrich/

Caspar David Friedrich. Wo alles begann

24. August 2024 bis 5. Januar 2025
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum, Tzschirnerplatz 2, 01067 Dresden

24. August 2024 bis 17. November 2024
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Residenzschloss, Taschenberg 2, 01067 Dresden
https://albertinum.skd.museum/ausstellungen/caspar-david-friedrich-wo-alles-begann

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Profile

Geboren wurde Caspar David Friedrich 1774 in der Hafenstadt Greifswald, die damals zu Schwedisch-Pommern gehörte. Er war das sechste von zehn Kindern des Talgseifensieders und Talgkerzengießers Adolph Gottlieb Friedrich und dessen Ehefrau, Sophie Dorothea. Friedrich wuchs in Greifswald auf, wo er um 1790 Zeichenunterricht erhielt. 1794–1798 studierte er an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen. Nach Beendigung des Studiums ließ er sich in Dresden nieder. Mit Sepiablättern verdiente er ab 1800 seinen Lebensunterhalt. Ausgedehnte Reisen und Wanderungen führten den Maler in den nächsten Jahren unter anderem nach Greifswald, Rügen, Nordböhmen, ins Riesengebirge und in den Harz. Der sogenannte Tetschener Altar und die sich an diesem Werk entzündende Kontroverse rückten ihn 1808 erstmals ins Rampenlicht der Kunstöffentlichkeit. 1818 heiratete Caspar David Friedrich die 19 Jahre jüngere Caroline Bommer. 1824 wurde der Maler zum außerordentlichen Professor an der Dresdner Akademie ernannt. 1835 traf ihn ein Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen – die Folge war eine erhebliche Einschränkung seiner Produktivität. Caspar David Friedrich starb im Alter von 65 Jahren am 7. Mai 1840 in Dresden und wurde auf dem Trinitatisfriedhof beigesetzt. Während des 19. Jahrhunderts vorübergehend in Vergessenheit geraten, gilt er heute als bedeutendster Maler der Frühromantik.

[Caspar David Friedrich: „Selbstbildnis“, um 1810, Kreide auf Papier, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Foto: Jörg P. Anders]

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