Constantin Brancusi in der Neuen Nationalgalerie
Constantin Brancusi (1876–1957) gilt als Begründer der modernen Skulptur. Nach akademischen Anfängen in Rumänien verließ er seine Heimat, um sich in Paris niederzulassen. In der französischen Hauptstadt fand er ab 1907 zu seinem ganz eigenen künstlerischen Ausdruck, mit dem er die Bildhauerei seiner Zeit revolutionierte: Seine organischen, bis auf das Wesentliche reduzierten Skulpturen machen ihn zum Vorreiter der skulpturalen Abstraktion im frühen 20. Jahrhundert. Brancusis stetige Suche nach einem künstlerischen Ideal manifestiert sich in den formalen Variationen weniger Motive und dem Spiel mit wechselnden Materialien und Oberflächen. Teilweise über Jahrzehnte hinweg entwickelte er seine Themen weiter, was oftmals mit einer zunehmenden Abstraktion einherging. Das Fragmentarische und eine radikale Vereinfachung der Form sind zentrale Elemente seiner Kunst. Anlässlich des 150. Geburtstages von Constantin Brancusi zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin in Kooperation mit dem Centre Pompidou Paris noch bis zum 9. August 2026 derzeit eine groß angelegte Einzelausstellung des Bildhauers. Mit mehr als 150 Arbeiten ist dies die erste umfassende Werkschau des Ausnahmekünstlers seit über 50 Jahren in Deutschland.
Constantin Brancusi wurde 1876 in Hobita (Rumänien) geboren und studierte zunächst an der Kunstgewerbeschule in Craiova, bevor er die Kunstakademie in Bukarest besuchte. Nach seinem Militärdienst brach er 1903 nach Paris auf. Sein Weg führte über Stationen in Wien, München und Langres, bis er schließlich im Sommer 1904 Paris erreichte, wo er zeitlebens arbeiten sollte. Zunächst sicherte er sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten, dann erhielt der junge Bildhauer 1905 die Zulassung für die École nationale supérieure des beaux-arts in Paris und besuchte bis 1907 die Bildhauerklasse von Antonin Mercié. Schon 1906 stellte er in Ausstellungen des Salons aus und lernte dort Auguste Rodin kennen. Nach einer kurzen Zusammenarbeit mit Rodin bezog er schließlich 1908 für acht Jahre sein eigenes Atelier in der Rue de Montparnasse. Er gab das Modellieren in Ton auf und begann, seine Skulpturen direkt in Stein oder Holz zu arbeiten.
Auf der Suche nach der „Essenz der Dinge“ entwickelte er aus dem fragmentierten Körper heraus eine radikal neue, auf das Wesentliche reduzierte, organische Formensprache. Angefangen mit seiner Skulptur Schlaf, bei der sich der menschliche Kopf noch in der Tradition Rodins aus dem Marmor schält, verzichtet Brancusi bei seinen Schlafenden Musen und den Köpfen eines schlafenden Kindes nach und nach auf naturalistische Details. Sein Ideal findet er in stilisierten, teilweise hochpolierten Köpfen, die einem Ei oder einer Zelle ähneln und sowohl an archaische Skulpturen als auch an vom Meer geschliffene Kieselsteine erinnern. Die Skulpturen werden zu einem universellen Symbol, das die Suche nach den Ursprüngen des Lebens versinnbildlicht und Antike und Moderne, Natur und Kultur, Figuration und Abstraktion miteinander vereint.
In jenen Jahren etablierte Brancusi sich in der Kunstszene, pflegte gute Kontakte zu seinen Kolleg*innen, verkehrte in Treffpunkten von Künstlern und Schriftstellern und war eng mit Henri Matisse, Fernand Léger, Marcel Duchamp, Henri Rousseau und Amedeo Modigliani befreundet. Im Februar 1913 stellt er bei der großen Armory Show in New York vier Skulpturen aus, die im Anschluss auch in Chicago und Boston zu sehen waren. Im selben Jahr bestritt er seine erste Einzelausstellung in der Galerie des Fotografen und Galeristen Alfred Stieglitz in der New Yorker Fifth Avenue. 1916 mietete Brancusi ein zweites, geräumigeres Atelier in der Impasse Ronsin Nr. 8.
Ab den 1920er-Jahren präsentierte Brancusi seine Werke vorrangig dort: Das Atelier in der Impasse Ronsin war für ihn nicht nur Arbeitsstätte, sondern gleichermaßen Ausstellungs- und Wohnraum. Hier trafen sich Freund*innen, Künstler*innen und Sammler*innen. „Als ich den Bildhauer Brancusi zum ersten Mal besuchte, beeindruckte mich sein Atelier stärker, als eine Kathedrale es jemals getan hatte“, erinnerte sich Man Ray im Jahr 1963. „Dieses Weiße und die Helligkeit überwältigten mich […]. Wenn man in Brancusis Atelier kam, war es, als betrete man eine andere Welt.“ Praktisch alles in Brancusis Atelier, in dem er bis zu seinem Tod lebte, war seine eigene Schöpfung – der monumentale Kamin aus Kalkstein, die Holzhocker, die runden Tische aus Gips. Sie dienen ihm nicht nur als Möbel, sondern auch als Sockel für seine Skulpturen. Der von ihm gefertigte Türbogen aus Eichenholz, der an traditionelle rumänische Architektur erinnert, trennt die öffentliche von der privaten Sphäre des Ateliers.
Für den Künstler war sein Atelier ein eigenständiges Kunstwerk, und er sah es als besten Ort zur Präsentation seiner Werke, die er mit farbigen Vorhängen und ausgeklügelter Beleuchtung zwischen selbst gefertigten Möbeln in Szene setzte – vom rohen Materialblock bis hin zur fertigen Skulptur und mit ihren Sockeln, denen er besondere Bedeutung im Rahmen des Werkes zumaß. Wenn er ein Werk verkaufte, ersetzte er es durch ein entsprechendes Gips- oder Bronzemodell, um die Einheit des Ateliers zu bewahren. Sein Atelier-Ensemble gilt als Schlüssel zum Verständnis seines Werkes, als Laboratorium der Form und unmittelbares Zeugnis seines Schaffensprozesses. Als Brancusi 1957 starb, vermachte er es dem französischen Staat mitsamt seiner Bildhauerwerkzeuge und vieler seiner bedeutendsten Skulpturen. 1997 wurde das Atelier von dem Architekten Renzo Piano neben dem Centre Pompidou rekonstruiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Berliner Ausstellung zeigt nun neben seinen berühmten Hauptwerken jetzt erstmals außerhalb von Paris eine Teilrekonstruktion dieses Arbeits- und Lebensraumes: Als Herzstück der Retrospektive zeigt der Atelierraum Brancusis Werkzeuge, Möbel und Kunstwerke – umgeben von einer umfangreichen Auswahl an historischen Objekten, Dokumenten, Fotografien und Filmen, die gleich einer illustrierten Biografie von Arbeit und Leben des Bildhauers erzählen.
Ab den 1930er-Jahren widmete sich Brancusi verstärkt Großskulpturen und monumentalen Projekten. Nur wenige wurden verwirklicht. 1936 beauftragte ihn der Maharadscha von Indore, einen Tempel für die drei von ihm erworbenen Vögel im Raum zu schaffen. Das Projekt wird 1938 aufgegeben – anders als Brancusis Ensemble von Târgu Jiu in Rumänien, das an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnert und das im selben Jahr eingeweiht wird. In dieser Zeit erscheint auch die erste Monografie über Brancusis Werk, verfasst von dem Rumänen Vasile G. Paleolog. Es blieb das einzige zu seinen Lebzeiten publizierte Buch über ihn, da Brancusi skeptisch gegenüber Versuchen war, seine Arbeit in Worte zu fassen. 1955 erhielt er im Solomon R. Guggenheim Museum in New York seine bis dahin größte Einzelausstellung. Diese festigte ebenso seinen Ruhm wie Carola Giedion-Welckers Monografie von 1958 – veröffentlicht ein Jahr nach Brancusis Tod am 16. März 1957 in Paris.
Mit über 150 Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Filmen und bisher kaum gesehenen Archivmaterialien aus dem Centre Pompidou wie aus weiteren privaten und öffentlichen internationalen Sammlungen präsentiert die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, die schon über 100.000 Besucher*innen empfangen hat, den bisher umfangreichsten Überblick über das vielseitige Schaffen eines der bedeutendsten Bildhauer*innen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung wurde ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie und steht unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dem Präsidenten der Französischen Republik Emmanuel Macron.
Auf einen Blick
Ausstellung
Bis 9. August 2026: Brancusi
Öffnungszeiten
Dienstag, Mittwoch 10.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr
Freitag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr
Katalog
Constantin Brancusi
Klaus Biesenbach, Maike Steinkamp / Neue Nationalgalerie (Hrsg.), dt./engl., Hardcover, 240 S. m. 94 Farbabb., Distanz Verlag, ISBN 9783954768257
Kontakt
Neue Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50
10785 Berlin
www.smb.museum
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