„Double Shift“ im Märkischen Museum Witten
Was passiert, wenn künstlerische Autonomie auf private Nähe trifft? Dieser Frage widmet sich das Märkische Museum Witten mit seiner aktuellen Ausstellung „Double Shift“ (bis 12. Juli 2026). Die Schau präsentiert die beiden Paare Corina Gertz & Kris Scholz sowie Carmen Schaich & Alexander Föllenz, die trotz gemeinsamer Lebenswelten voneinander unabhängige künstlerische Wege verfolgen. Darauf spielt bereits der Titel der Präsentation an: Er beschreibt die doppelte Verschiebung innerhalb der Ausstellung, in der die Werke der vier Künstlerinnen und Künstler erstmals aufeinandertreffen. Während Gertz und Scholz im selben Medium aus unterschiedlichen Perspektiven agieren, verfolgen Schaich und Föllenz verschiedene mediale Ansätze, die sich thematisch und ästhetisch ineinander verschränken.
Die fotografische Dualität
Den Auftakt der Ausstellung bilden die Arbeiten von Corina Gertz und Kris Scholz, deren Fotografien sehr unterschiedliche Motive und Themen zeigen. Obwohl das Paar häufig gemeinsam reist, trennen sich ihre Blickachsen am Ziel. Kris Scholz richtet seinen Fokus zumeist auf Alltägliches und häufig Übersehenes. So spielen Böden, Wände, Decken oder die Oberflächen von Möbelstücken in seiner Serie Marks and Traces die Hauptrolle. Dabei konzentriert er sich auf Spuren von Abnutzung, Verfall und Verwitterung und löst die Motive aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang. Die Detailaufnahmen erscheinen – nicht zuletzt durch ihr großes Format – eher wie abstrakte Gemälde eines Mark Rothko oder Lucio Fontana. Häufig verbirgt sich hinter den Motiven auch eine unsichtbare historische Dimension, etwa wenn es sich um eine Aufnahme von Maos Schreibtischunterlage aus seinem Arbeitszimmer in Chongqing handelt.
Auch in der Serie Longing for Paradise / Lost Paradise lädt Scholz dazu ein, eigene Wahrnehmungsgewohnheiten zu hinterfragen und Vertrautes neu zu betrachten. In großformatigen, collageartigen Landschaftsdarstellungen lenkt er gezielt den Blick der Betrachtenden. Dabei greift er auf ein Stilmittel zurück, das bereits die Meister der Renaissance kannten und Künstler wie Caspar David Friedrich perfektionierten: In jedem Bild erscheint eine Rückenfigur – in der Regel Corina Gertz –, über deren Schulter sich der Blick auf das Zentrum der Darstellung richtet. Dort eröffnen sich einerseits traumhafte Naturvisionen (Longing for Paradise), andererseits zeigt er von Krieg oder Umweltkatastrophen zerstörte Städte und Landschaften (Lost Paradise).
Die Verbindung von Architektur, Mensch und Landschaft setzt sich in Scholz’ sogenannten Light Objects fort. Für diese Fotoskulpturen kombiniert er unzählige Dias und Originalnegative zu gotisch anmutenden Fenstern, die in schwere Holzvitrinen eingelassen und hinterleuchtet sind.
Während sich Kris Scholz mit verschiedenen Motiv- und Themenbereichen auseinandersetzt, widmet sich Corina Gertz seit Jahren ihrem Langzeitprojekt Das abgewandte Porträt. Darin richtet die Fotografin ihren Blick auf Frauen in traditioneller Kleidung – und wendet ihn zugleich ab. Die Porträtierten erscheinen stets von hinten, vor einem monochromen schwarzen Hintergrund. Durch diese bewusste Inszenierung rückt die Kleidung als Trägerin von Geschichte, Identität und Zugehörigkeit in den Mittelpunkt: Hautfarbe, Gesicht und Körperproportionen treten zurück. Viele der gezeigten Kleidungsstücke sind Erbstücke, reich an Geschichte, Tradition und familiären Bedeutungen. Sie verkörpern über Generationen weitergegebenes – nicht zuletzt auch technisches – Wissen und spiegeln soziale, ästhetische wie politische Narrative wider.
Ohne die Individualität der Trägerinnen preiszugeben, gelingt es Corina Gertz, ein sensibles Porträt kollektiver Identität zu zeichnen. Ihre künstlerische Bildsprache verstärkt die Wirkung der Gewänder als Ausdruck kultureller Vielfalt und erinnert an deren emotionale wie politische Dimension. Das abgewandte Porträt ist ein kraftvolles visuelles Plädoyer für Vielfalt, Erinnerung und Respekt als zentrale Werte einer demokratischen Gesellschaft. Gertz setzt damit ein bewusstes Zeichen gegen Uniformität und kulturelle Homogenisierung. Ihre Fotografien feiern kulturelle Identität als Fundament demokratischer Gestaltung: Sie machen sichtbar, was häufig übersehen oder marginalisiert wird, und tragen so zur Wertschätzung kultureller Unterschiede bei.
Die mediale Verschränkung
Der Mittelteil der Ausstellung widmet sich dem zweiten Paar – Carmen Schaich und Alexander Föllenz. Auch wenn sich ihre künstlerischen Techniken und Herangehensweisen unterscheiden, sind es immer wieder klassische Themen, die beide interessieren oder als Inspirationsquelle dienen.
So spielt etwa die Beschäftigung mit dem eigenen Ich eine wichtige Rolle. Seit mehr als sieben Jahren befasst sich Carmen Schaich in einer fortlaufenden Serie von Zeichnungen mit sich selbst. Die Werke sind eher introspektiv, wirken fragmentarisch und bisweilen (alb)traumartig. Ganz anders Alexander Föllenz, der seine eigenen Gesichtszüge und Körperformen immer wieder als Ausgangspunkt für Kunstwerke nutzt. So auch in Balance – einer lebensgroßen Stehauffigur, die auf einem mechanisch grollenden Sockel tanzt. Und obwohl sie ein Selbstporträt des Künstlers darstellt, wirkt die Figur erstarrt und entrückt – ein Eindruck, der durch die glanzpolierte Oberfläche der Skulptur noch verstärkt wird.
In Sebastian (Selbstporträt) geht Föllenz noch einen Schritt weiter und überträgt nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Statur und Körpermaße auf eine Gliederpuppe. Dabei inszeniert er sich – an einen Baum gefesselt und von einem Pfeil durchbohrt – wie der gleichnamige Heilige, der nicht nur Schutzpatron der Jäger ist, sondern auch als Ikone der queeren Community gilt. Der Skulptur gegenüber hängt ein grünes Jackett – die Schützenjacke aus Föllenz’ Jugend, geschmückt mit den von ihm errungenen Orden und Abzeichen. Damit eröffnet er eine Vielzahl von Interpretationen, die vom Jäger zum Gejagten bis hin zur männlichen Rolleninszenierung reichen.
Ähnlich ambivalent sind die Arbeiten aus Carmen Schaichs neuer Werkgruppe HUNT, in der sie einst vertriebene und nun wieder nach Deutschland zurückgekehrte Wildtiere zeigt. Doch Wolf oder Bär sind nicht überall willkommen und werden schnell zum „Problemtier“ erklärt und bejagt. Besonders spannend ist dabei der Umstand, dass die Werke selbst nur durch „Beschuss“ entstehen. Für die großformatigen Darstellungen greift die Künstlerin auf Glasplatten zurück, die sie mithilfe einer Steinschleuder mit Stahlkugeln beschießt. Aus den Einschüssen, Rissen und Brüchen entstehen so eher zart wirkende Silhouetten der Tiere, die sie im Tiefdruckverfahren anschließend auf Papier überträgt. Damit bewegt sie sich an der Schnittstelle von Bildtradition und Materialexperiment.
Die Ausstellung endet mit einer Gegenüberstellung der vier Positionen. Alle in diesem Raum präsentierten Werke befassen sich mit Dingen und Szenen, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken, unsichtbar sind oder bewusst umgedeutet werden: Kris Scholz zeigt eine vermeintlich verlassene Straße in einem Industriegebiet von Barcelona, die bei Paaren als beliebter Ort für Autosex gilt. Carmen Schaich präsentiert eine scheinbar bunte Schmetterlingssammlung, deren Präparate sich bei näherem Hinsehen als medizinische Flügelkanülen entpuppen. Abstrakt und beinahe skulptural erscheint die Trauerkleidung einer sardischen Witwe, die Corina Gertz in der für sie typischen Rückansicht zeigt, während Alexander Föllenz die bekannten Pietà-Darstellungen von Michelangelo und Max Ernst in popkulturelle Formen überführt und dabei bewusste Leerstellen setzt.
Auf einen Blick
Ausstellung
Double Shift
Bis 12. Juli 2026
Öffnungszeiten
Mittwoch bis Sonntag
12:00–18:00 Uhr
Kontakt
Märkisches Museum Witten
Husemannstraße 12
58452 Witten
maerkisches.museum@stadt-witten.de