Ausstellung

Der Schmelz der Farbe

Venezia 500: Renaissance in der Lagunenstadt

Ganz unverwandt blickt er aus diesem Ölbild uns in die Augen, der junge Mann. Sein braunes und ebenmäßig gelocktes Haar trägt er sorgfältig in der Mitte gescheitelt, der leicht rötlich durchscheinende Teint ergibt mit dem moosgrünen Hintergrund einen leisen Komplementärklang. Dunkel ist der Unbekannte gekleidet, nur der schmale Streifen eines weißen Hemdes lugt schmückend unter dem Obergewand hervor, dessen Ton von einer auf den Hinterkopf zurückgeschobenen Kopfbedeckung aufgenommen wird. Bei aller Strenge dieses in strikter Symmetrie wiedergegebenen Antlitzes ist ein darunter liegender weicher Zug umso auffälliger.

Ein Baumgruppe am Rand eines Gehölzes wird von drei verdrehten, dickeren Stämmen beherrscht, die hinter und zwischen ihnen wurzelnden kleineren Exemplare bilden einen wilden Verhau. Die Federzeichnung überliefert sich aber nicht dem Chaos. Nur zwei Strichtypen definieren das Ganze: parallel gekurvte Linien, die die Rundungen beschrieben, kleinere Dreiviertelkreise, die das Blattwerk mehr andeuten als kleinteilig ausformulieren. Die dicht bezeichneten Partien auf der linken Blatthälfte bringen große Flächen freien Papierweißes rechts ins Gleichgewicht.

Venedig und der Humanismus

Die beiden Werke, das Porträt von Lorenzo Lotto (um 1480–1556) und die Naturskizze von Tizian (um 1488/90–1576) leiten die Ausstellung in der Münchener Alten Pinakothek ein. Die Renaissance, vor gut 500 Jahren in Italien ausgerufen, gehört bekanntlich zu den ganz großen Epochen der europäischen Kunstgeschichte. Wenn man es auf einen knappen Begriff bringen will, dann war man dabei in Rom zuvörderst der dramatischen Wirkung auf der Spur, in Florenz auf die Zeichnung aus und in Venedig – feierte der Glanz der Farbe rauschende Triumphe. Mal verschleiert, mal strahlend, aber immer schön! „Venezia 500“ lässt das Licht der Lagune im deutschen Winter strahlen.“ Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei“ ist eine kunstgeschichtlich anspruchsvolle Schau, die es schafft, im selben Atemzug die feinschmeckerische Schaulust zu kitzeln. Möglich wird das zum einen durch den Eigenbestand der Bayrischen Staatsgemäldesammlungen, der durch hochkarätige Leihgaben beispielsweise aus dem Pariser Louvre, der Londoner National Gallery und natürlich auch der Gallerie dell‘Accademia in Venedig selbst auf das Prächtigste bereichert wird. Keine einfache Aufgabe für das Team der Pinakothek um Kurator Andreas Schumacher, aus all diesen Schätzen eine schlüssige Ausstellungserzählung zu entfalten, welche die Werke nicht zum Beweismaterial für Thesen degradiert …

Das erste Kapitel beschreibt die Bühne, auf der um 1500 die venezianische Kunst aufblüht. Hier ist bemerkenswert, dass die beherrschende Position der Stadt als Handelsmacht, besonders für den Fernhandel zwischen Europa und dem Orient, zu dieser Zeit eigentlich schon vorbei ist. Dafür hatte die (portugiesische) Entdeckung des Seeweges um Afrika gesorgt wie auch andersweitige politisch-militärische Opposition. Aber abgesehen vom immer noch erheblichen Reichtum in der „Serenissima“ ist es eine mächtige Geistesströmung, die Antriebskräfte mobilisiert: Der Humanismus, der Rückgriff auf antike Bildungstradition, der mit dem christlichen Erbe zusammen, die kulturellen Eliten der Stadt antreibt. Die Menschen begreifen sich nun als Individuen: Genaue Beobachtung lässt Bildnisse entstehen, die nicht nur die äußere Erscheinung getreu abbilden, sondern auch eine Ahnung von Persönlichkeit und Charakter des Modells vermitteln können. Auftraggeber aus Patrizierkreisen fordern von den Künstlern, neben der (nach wie vor selbstverständlichen) Kommunikation des gesellschaftlichen Status, auch Emotion, „human interest“ sozusagen, zu vermitteln. Und ein gut Teil Schmeichelei darf, wie immer beim Porträt, gerne auch dabei sein … Ein Exkurs beleuchtet das Verhältnis zwischen vorbereitenden Skizzen und finalem Ergebnis: Eine zeichnerisch ausgearbeitete Studie, ein sogenanntes „modello“, dient bei Ausdruckswahl und gewünschtem Figurenausschnitt der Abstimmung zwischen Künstler und Auftraggeber.

Gefühl und Schönheit

Giorgio da Castelfranco (1473/74–1510), genannt Giorgione, ist in mehrfacher Hinsicht eine Zentralgestalt der venezianischen Kunst des Cinquecento. Der von ihm initiierte spezifische Typus des „lyrischen Bildnisses“, verinnerlicht und sinnlich zugleich, öffnet gerade in seiner Uneindeutigkeit neue Dimensionen für die Darstellung von Männern. Ein literarischer Einfluss spielt hier hinein (wie überhaupt der Humanismus von Literatur geprägt ist), eine gewisse Empfindsamkeit wird auch für Männer zur angesagten Tugend. Ein Übriges tun wohl die Kriegswirren, die ein zurückgezogenes Leben, die „vita contemplativa“, zumindest in Gedanken attraktiv erscheinen lassen: vielleicht in einer strahlenden Palladio-Villa auf der „terra firma“? Ein Gegenentwurf zur Welt: Der Traum von Arkadien ist umso sehnsüchtiger, als er seinem Wesen nach unerfüllt bleiben muss. Andererseits sind die imaginären Landschaftsräume, die im Hintergrund so manchen religiösen Gemäldes zu finden sind, oft von auffälliger Schärfe und lassen den Eindruck ahnen, den der Realismus der nordalpinen Meister in Venedig hinterließ. Es gab im Vorfeld der Ausstellung noch eine Überraschung: Ein seit dem 17. Jahrhundert in der Wittelsbacher Sammlung befindliches Gemälde – einen prächtig gekleideten Lehrer mit Schüler darstellend –, erwies sich bei der sorgfältigen Restaurierung als offenbar authentisches Werk von der Hand des Meisters himself, Giorgione!

Ein weiteres wichtiges Kapitel der Ausstellung sind die „belle donne“, weibliche Idealbildnisse, bei denen in der Stilisierung wohl noch weiter gegangen wurde als beim männlichen Gegenpart. Dieser Bildtypus vereint Statusrequisiten – kostbare Stoffe, edle Pelze, Schmuck, aufwendige Haarfrisuren – mit Lebensnähe suggerierender Individualität. Die Frage nun, ob es sich hier um wirkliche, reale Frauen handelt – und natürlich, was gegebenenfalls ihre gesellschaftliche Position sein mag, standesgemäße Bräute oder aber Kurtisanen – oder eben doch um Phantasiegestalten, diese spannende Frage lässt sich kaum eindeutig klären.

Aber ganz unabhängig davon kann man von einer Erotisierung der Porträtkultur sprechen. Sie gelingt umso effektvoller, weil sie im Vagen bleibt und weiten Raum für Sehnsucht lässt – bei weiblichen wie eben interessanterweise auch bei männlichen Bildnissen. Giorgones Knabe mit Pfeil mit seinem feminin wirkenden Jüngling verdeutlicht diese Ambivalenz im Geschlechtlichen. Gerade im Schwebenden scheint sich das Begehren, oder eher der Traum des Begehrens, zu kristallisieren.

Aber was auch immer Thema und Sujet sein mag, allesamt brillieren diese Werke mit einen raffinierten Kolorismus von solchem Schmelz, von solch sinnlicher Üppigkeit, die auch heute noch zum Träumen bringt – diese Farbenlust ist das Haupterbe der venezianischen Malerei, deren Spuren sich durch Jahrhunderte verfolgen lassen. Da braucht es auch weiter kein großes Ausstellungstheater: Punktstrahler heben die Gemälde, Zeichnungen, Plastiken und Objekte heraus vor dem zumeist einfarbigem Hintergrund – wohltuend, dass die Münchner (abgesehen von einigen Klanginstallationen) auf zusätzliche Dramatisierung und überzogene Inszenierung verzichten.


Ausstellung
Venezia 500. Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei

Ort
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek
Barer Straße 27, 80333 München

Öffnungszeiten
täglich außer Montag 10.00–18.00 Uhr, Dienstag und Mittwoch 10.00–20.00 Uhr

Internet
www.pinakothek.de

Katalog
Andreas Schumacher (Hrsg.), mit Beiträgen von Theresa Gatarski, Johannes Grave, Chriscinda Henry, Henry Kaap, Annette Kranz, Antonio Mazzotta, Johanna Pawis, Andreas Schumacher, Catherine Whistler in einer deutschen und einer englischen Ausgabe, Klappenbroschur, 256 Seiten und 166 Abbildungen, 21,5 x 26,5 cm, Hirmer Verlag, ISBN 9783777441740 (dt.) / ISBN 9783777441764 (engl.)

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