Ausstellung

Alte Meister im neuen Licht

Florenz am Mainufer: Das Frankfurter Städel Museum zeigt den Florentiner Manierismus, so konzentriert und dicht, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

Frankfurt. „Die Gotik hat nichts mit den Goten zu tun und die Romanik nichts mit den Römern. Der Manierismus aber hat sehr wohl etwas mit der Maniera zu tun“, sagt Bastian Eclercy, der Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei vor 1800 am Frankfurter Städel Museum. Die von ihm kuratierte, umfangreiche Sonderausstellung „Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici“ dürfte in den nächsten Wochen und Monaten zu einem der größten Publikumsrenner im deutschen Museumsbetrieb werden. Anhand von 50 teils weltberühmten Gemälden sowie 81 weiteren Exponaten, darunter viele Zeichnungen und Skulpturen, wird der Florentiner Manierismus und damit eines der zentralsten Kapitel der italienischen Kunstgeschichte erstmals außerhalb von Florenz in dieser Fülle vorgestellt. Viele der Bilder waren noch nie jenseits der Stadtgrenzen der toskanischen Kapitale zu sehen. Etliche andere hochkarätige Leihgaben sind extra aus Paris, London, Windsor Castle, New York oder Los Angeles an den Main gereist.

Maniera – was ist das eigentlich? Unter Maniera versteht man ganz allgemein eine bestimmte Art und Weise, einen unkonventionellen, eher eigenwilligen Stil, eine künstlerische Handschrift (ital. mano: Hand), die von der üblichen Norm abweicht. Erstmals verwendet hat diesen Begriff einer der Beteiligten selbst: Giorgio Vasari (1511–1574), der sich nicht nur als Zeichner, Maler und Architekt, sondern auch als Kunstschriftsteller und Biograf seiner Malerkollegen einen Namen erwarb. Der britische Kunsthistoriker John Shearman wiederum bezeichnete den Manierismus 1967 mit der prägnanten Formel „The stylish style“. Was nun das Thema der Ausstellung angeht, bringt Bastian Eclercy es so auf den Punkt: „Die Kunst des Manierismus in Florenz hat viele Facetten: elegant, kultiviert, artifiziell, aber auch kapriziös und extravagant, bisweilen bizarr. Raffinierte Eleganz und kreativer Eigensinn zeichnen die Malerei der ‚maniera‘ als eines der faszinierendsten Phänomene der Kunst Italiens aus.“ Dabei handelt es sich um einen recht kurzen Zeitraum, der von der neueren Forschung mit der Zeitspanne zwischen 1512 bis 1568 angegeben wird. Das Jahr 1512 markiert dabei die Rückkehr der zuvor vertriebenen Medici nach Florenz und damit eine neue Blütezeit der Kunst. 1568 dann veröffentlichte Vasari mit der zweiten Auflage seiner „Viten“ sozusagen die abschließende, auch heute noch bedeutende Schrift über diese Künstlergeneration.

 

Francesco Salviatis „Bildnis eines jungen Mannes“ (1546–48), es gilt unter Experten als Quintessenz des manieristischen Porträts, bildet einen der Höhepunkte der Frankfurter Ausstellung. Es zeigt einen dandyhaft-androgynen jungen Mann in vornehmer Blässe, der in ein elegantes dunkles Gewand gekleidet ist. Seine äußerst feingliedrigen Hände sind in geradezu unnatürlicher Haltung verdreht, die Finger abgespreizt. Seine rechte Hand gibt die Handinnenfläche frei, seine linke, mit einem Ring geschmückte hält ein Paar edler, seidengefütterter Lederhandschuhe, ein Luxusaccessoire, das auf die gehobene soziale Stellung des Unbekannten hindeutet. Die Faltenwürfe seines Gewandes sind ebenso genau ausgeführt wie die der üppigen, lindgrünen Stoffbahnen, vor denen er posiert. Im landschaftlich aufgefassten Hintergrund erlaubt sich der Maler einige verspielte, symbolisch aufgeladene Detaildarstellungen. So erkennt man eine junge, nackte Frau, die aus einer Blüte hervorsteigt. Sie steht ganz offenbar für die „blühende“ Stadt Florentia, also Florenz. Der hinter ihr lagernde, etwas schwerfällige, von Wasser umspülte, nackte Mann hingegen dürfte eindeutig als Personifikation des Flussgottes Arno gemeint sein.

Salviati ist ebenso wie Andrea del Sarto, Rosso Fiorentino und Giorgio Vasari mit weiteren Werken in der Ausstellung vertreten. Daneben sind als Referenzwerke aber auch Arbeiten von Vorläufern der Manieristen zu sehen. Etwa Raffaels Gemälde „Madonna Esterházy“ (um 1507/08), das die Madonna mit Kind und Johannesknaben in pyramidaler, noch für die Hochrenaissance typischer Anordnung zeigt. Kuratorische Seitenblicke führen aber etwa auch ins Rom unter Clemens VII., dem Medici-Papst.

Dezidiert im Fokus der Schau stehen aber die beiden bereits im Titel genannten, sehr namhaften Künstler des 16. Jahrhunderts: Jacopo Pontormo (1494–1557) ist mit 38 Werken vertreten. Von Agnolo Bronzino (1503–1572) stammen 25 Arbeiten. Bastian Eclercy bezeichnet die beiden als „zentrale Prägefiguren“ der Generation nach Leonardo, Michelangelo und Raffael, den Malern der Hochrenaissance. Und wie es sich für „junge Wilde“ gehört, haben sie gleich zu Beginn ihrer Karrieren versucht, sich von den mächtigen Übervätern abzugrenzen. Die malerische Nachahmung der Wirklichkeit und die starren Kompositionsprinzipien ihrer Vorläufer wichen in ihren Werken einem forcierten und ungemein experimentierfreudigen Kunstcharakter.

 

In Frankfurt wunderbar zu vergleichen sind etliche ihrer hier erstmals außerhalb Italiens zusammengeführten Fassungen der mittelalterlichen Legende von den Zehntausend Märtyrern. Zu sehen sind Studien, Vorzeichnungen und schließlich, direkt nebeneinanderhängend, die in Florenz an verschiedenen Orten aufbewahrten Gemälde. Bastian Eclercy betont denn auch: „In unserer Schau liegt der Fokus auf den Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Künstlern.“

Von Agnolo Bronzino stammt allerdings auch jenes Bild aus der Sammlung des Städel Museums, das überhaupt erst den Ausgangspunkt für diese Ausstellung gebildet hat. Sein berühmtes „Bildnis einer Dame in Rot“ (um 1535–40) zeigt das detailreich ausgeführte Porträt einer jungen, selbstbewussten Dame, deren Strenge und Kontrolliertheit durch das eher drollig dargestellte Hündchen auf ihrem Schoß kräftig konterkariert werden. Ihm zur Seite gestellt ist eine ganze Reihe vergleichbarer Damenporträts, so zum Beispiel das ebenfalls von Bronzino stammende „Bildnis einer Dame in Grün“ (um 1530–32) aus der Sammlung von Queen Elizabeth II. Mit Bildern wie diesen entstand überhaupt erst der damals neue Bildtypus des monumentalen, repräsentativen Damenbildnisses.

Die enge Verbindung dieser Malergeneration zu den Medici, der als „Paragone“ bekannte Wettstreit von Malerei und Skulptur, ein monumentales 1:3-Modell von Michelangelos Treppe der Biblioteca Laurenziana und zum Schluss ein ebenso aufschlussreicher wie intimer Einblick in Pontormos in seinen letzten beiden Lebensjahren verfasstes Tagebuch, eines der ältesten erhaltenen Künstlerbücher überhaupt: Die sorgfältig kuratierte, in acht abwechslungsreiche Kapitel gegliederte Ausstellung bietet Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle. Und sie vereint sogar Werke, die auch in Florenz, dem Epizentrum des Manierismus, auf sieben verschiedene Sammlungen verstreut sind.

Auf einen Blick:

Ausstellung: Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici

Ort: Städel Museum, Frankfurt

Zeit: bis 5. Juni 2016. Di, Mi, Sa, So und Feiertage 10–18 Uhr. Do und Fr 10–21 Uhr

Katalog: Prestel Verlag, 304 S., zahlreiche Abb., 39,90 Euro (Museum), 49,95 Euro (Buchhandel)

Internet: www.staedelmuseum.de/de/ausstellungen/maniera

 

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1815 als bürgerrechtliche Stiftung von dem Bankier und Kaufmann Johann Friedrich Städel begründet, gilt das Städel Museum als älteste und renommierteste Museumsstiftung in Deutschland. Die Vielfalt der Sammlung bietet einen nahezu lückenlosen Überblick über 700 Jahre europäische Kunstgeschichte – vom frühen 14. Jahrhundert über die Renaissance, den Barock und die klassische Moderne bis in die unmittelbare Gegenwart. Insgesamt umfasst die Sammlung des Städel rund 3.000 Gemälde, 600 Skulpturen, über 4.000 Fotografien und über 100.000 Zeichnungen und Grafiken.

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