Buchtipp

Soutines letzte Fahrt

Er lebte im Umfeld der Pariser Bohème der 1920er Jahre, war Zeitgenosse Marc Chagalls und befreundet mit Amadeo Modigliani, der über ihn sagte: „Der große Maler unserer Zeit, das ist Soutine, neben ihm existiere ich gar nicht.“

Zu seiner Beerdigung erwiesen ihm Pablo Picasso, Max Jacob sowie Jean Cocteau die letzte Ehre. Dennoch sind die expressiven expressionistischen Gemälde des Einzelgängers Chaim Soutine im deutschsprachigen Raum nur selten zu sehen, der Name des weißrussisch-jüdischen Künstlers, dem das Malen existenzielle Notwendigkeit war, und seine bewegte Biografie sind kaum bekannt. Mit „Soutines letzte Fahrt“, dem ersten Roman des Schweizer Autors Ralph Dutli, wird sich das möglicherweise ändern. Sein subjektives Porträt des obsessiven Ausnahmekünstlers ist ein Buch „über Kindheit, Krankheit und Kunst. Über die Wunden des Exils, die Ohnmacht des Buchstabens und die überwältigende Macht der Bilder“, heißt es lapidar auf der Umschlagrückseite – aber den Leser erwartet viel mehr.

Dutli nimmt uns in seiner Wiederbelebung des klassischen Künstlerromans mit auf eine mitreißende Zeitreise durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In kurzen Sätzen zieht er uns metaphernreich in den Sog seiner Schilderungen um den leidenschaftlichen Maler, um Schmerz und Leid in dessen Leben und Kunst, seinen Glauben an die Milch als heilsame Medizin und die fatalen Folgen eines unbehandelten Magengeschwürs. Dabei erzählt er en passant auch die Kulturgeschichte der Pariser Bohème, den Niedergang der Goldenen Zwanzigerjahre in Paris, von Krieg, Besatzung und Verfolgung. Für seine souverän an spärlich vorhandenen biografischen und historischen Fakten orientierte fiktionale Geschichte findet der Autor eine Handlung, die den Tod des schwer kranken Künstlers vor Augen hat. Am 6. August 1943 reist Chaim Soutine, in einem Leichenwagen versteckt, nach Paris, um sich dort der dringend notwendigen Operation eines Magengeschwürs zu unterziehen. Doch der getarnte Krankentransport von Chinon an der Loire durch das von der deutschen Wehrmacht besetzte Frankreich wird durch militärische Kontrollposten immer wieder zu Umwegen genötigt und dauert entscheidende Stunden zu lang.

„… der Maler sieht den Weg nicht. Er liegt im halbdunklen Innern des Citroën, von grauen, gewellten Vorhängen geschützt. Nur sein Leben ruft noch einmal aus den flackernden Erinnerungen herauf in den gedämmten Schmerz, in die Fetzen der alten Wünsche, in die Angst weiterwebender Träume …“ In einem Strom bizarrer Bilder, die der verfolgte Künstler im zeitweiligen Fieber- oder Morphin-Delirium vor sich auftauchen sieht, erzählt der Roman in Rückblenden von Episoden aus seiner Kindheit in Smilowitschi bei Minsk, seine mutwillige Übertretung des Bilderverbots im orthodox geprägten Schtetl, die ersten Malversuche in Wilna, den beharrlichen Traum von Paris, der Welthauptstadt der Malerei. Er schildert die ärmliche Emigrantenexistenz im Malermilieu von Montparnasse, die unwahrscheinliche Freundschaft mit Modigliani, den plötzlichen Erfolg dank der Entdeckung durch den amerikanischen Pharmazeuten Albert C. Barnes. Zwei Frauen begleiten seine letzten Lebensjahre: Gerda Groth, eine deutsche Emigrantin aus Magdeburg, und Marie-Berthe Aurenche, die Ex-Frau von Max Ernst und einstige Muse der Surrealisten, die Soutines letzte Geliebte war.

Ralph Dutli erschließt sehr einfühlsam das Innere seiner vom künstlerischen, existenziellen und physischen Hunger getriebenen Figur und fängt er den Rhythmus eines Menschen ein, der exzessiv für seine Malerei lebte. In der poetischen Durchdringung seines sich auflösenden Protagonisten lässt er ein farbenprächtig leuchtendes literarisches Gemälde entstehen, das dem drängenden malerischen Duktus des porträtierten Künstlers in nichts nachsteht. Der Leser möchte am Ende nur noch eines: Die Arbeiten dieses Ausnahmekünstlers sehen!

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