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Könige, Heldentum und die Straße

Zu Lebzeiten hat er Grenzen aufgebrochen. Er ist der erste afroamerikanische Künstler, der zum Star aufstieg. Mit 21 Jahren nahm er 1982 als jüngster Künstler überhaupt an der documenta teil. Mit seinen collageartigen künstlerischen Umsetzungen nahm Jean-Michel Basquiat heutiges Denken vorweg. Dabei hatte der Autodidakt nie eine Kunstakademie besucht. Aber er sog alles um sich herum auf. „Ich habe nur hingeschaut“, sagte Basquiat einmal über sich selbst. Das tat er intensiv.

Seine Belesenheit drückt sich unter anderem in den großen Schrift- und Textfragmenten aus, die sich durch die lebendig-rohe Bilderwelt seines gesamten Werkes ziehen. Sie erschließen dem Betrachter neue Zusammenhänge zu Fragen von Rassismus, Kolonialismus oder sozialem Unrecht. Seine „einzigartigen Linien“ und die „Art, wie er Wörter verwendet“ eröffnen dem Betrachter neue Denkbahnen, „sein copy und paste-Ansatz reflektiert, wie wir heute denken“, sagt Dieter Buchhart, Gast-Kurator der Londoner bzw. Frankfurter Basquiat-Ausstellungen 2017/2018, zu den mit Textfragmenten durchsetzten Collagewerken.

Mit sarkastischen Kommentaren und fragmentierten Gedichten, die er an die Wände der Stadt sprühte, trat Jean-Michel Basquiat (1960–1988) unter dem Tag-Namen SAMO erstmals in der New Yorker Kunstwelt in Erscheinung. Als diese von Street-Art, Hip-Hop und Post-Punk geprägte Untergrundszene in immer etabliertere Kreise vordrang, gelang auch Basquiat der Sprung in die Galerien.

Indem er nun auf Leinwände malte, anstatt auf Wände zu kritzeln, fand Basquiat zu einem ausdrucksstarken Stil, in dem Text und Bild, historische Verweise und Zeitkritik eine verblüffende Verbindung eingingen. Seine Gemälde lesen sich wie Tagebücher. Sie waren oft politisch und spiegelten seine Erfahrungen als schwarzer Künstler in einer statusbewussten Szene. Inspiriert von den Stars des Jazz wie Miles Davis und Louis Armstrong, vom Boxer Jack Johnson, dem Olympiasieger Jesse Owens, von Hip-Hop-Musik, Comics und Stummfilmen lautete seine Antwort auf die Frage nach seinen Themen dann auch „Könige, Heldentum und die Straße“.

Der Erfolg stellte sich rasch ein: Bereits 1981 war Basquiat in den wichtigsten New Yorker Galerien vertreten, bald danach weltweit ein Begriff. 1983 begann er mit Andy Warhol zusammenzuarbeiten. Diese Tour de Force forderte jedoch ihren Tribut: Mit nur 27 Jahren starb der Künstler an einer Überdosis Drogen.

Eine großformatige Basquiat-Monografie aus dem Taschen Verlag bietet nun die Möglichkeit, Basquiats Werke in ihrer oftmals wilden und nicht leicht entschlüsselbaren Verschränkung von Bild und Text en détail zu studieren. Die Texte des Herausgebers Hans Werner Holzwarth sowie der Kunsthistorikerin Eleanor Nairne stellen einen Künstler vor, dessen Werk heute noch so frisch und eindringlich wirkt wie vor dreißig Jahren.

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