Buchtipp

Eine Keimzelle der Abstraktion

Orphismus suchte die reine Malerei

Mit der Suche nach einer reinen Malerei ebnete die Kunstrichtung des Orphismus in den 1910er-Jahren den Weg in die Abstraktion. Inspiriert von den Werken Robert Delaunays entwickelte Guillaume Apollinaire im Jahr 1912 aus einer Analyse des Kubismus den Begriff des Orphismus.

Er sah darin eine neue, große Tendenz der modernen Malerei: Sie basierte auf Kombinationen von Elementen, die nicht der visuellen Wirklichkeit entlehnt, sondern gänzlich vom Maler erschaffen wurden. Apollinaire beschrieb damit als einer der Ersten eine vollkommen abstrakte Kunst. „Die Werke der orphischen Maler sollen ein ungetrübtes ästhetisches Wohlgefallen hervorrufen, zugleich aber eine sinnfällige Konstruktion und eine sublime Bedeutung, das heißt: das Sujet wiedergeben“.

„Stimme des Lichts“ war der Titel einer Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, die im letzten Jahr mit wichtigen Werken aus ganz Europa zu sehen war. Kuratorin Nina Schallenberg schreibt in ihrem einleitenden Text zum Katalog: „Wenngleich Apollinaire den Orphismus mit den führenden künstlerischen Bewegungen seiner Zeit, dem Kubismus, Futurismus und Expressionismus ins Verhältnis setzte, bleib er bei der Definition der orphischen Ästhetik eher vage. Dies mag ein Grund dafür sein, dass es bis heute nur vereinzelte Studien und Ausstellungen hier zu gab. Apollinaires Versuch, die ersten Entwicklungsschritte einer gegenstandslosen Kunst mit dem Mythos des Orpheus zu verbinden, jenes Gottes, dessen Gesang Götter, Menschen, Tiere und selbst Steine zu verzaubern vermochte, widmen wir die Ausstellung „Stimme des Lichts – Delaunay, Apollinaire und der Orphismus“. Die begleitende Publikation aus dem Hirmer Verlag stellt Ursprünge und Einflüsse sowie die Bedeutung dieser Keimzelle der Abstraktion für die Entwicklung der modernen Kunst erstmals umfassend vor. Mit „Licht“, „Farbe“, „Form“ und „Simultanität“ thematisiert sie zentrale Aspekte der orphischen Ästhetik. Über 120 Abbildungen zeigen bedeutende Werke der Avantgarde, u.a. von Sonia und Robert Delaunay, Wassily Kandinsky, Paul Klee, František Kupka, Fernand Léger, August Macke und Francis Picabia

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