Material & Inspiration

Die Kraft der Linie:
Tusche und ihre Ausdrucksformen

Spontan und individuell, einer Momentaufnahme gleich und doch bestechend zeitlos: Der Zeichnung kommt unter den künstlerischen Ausdrucksformen besondere Bedeutung zu. Ob als Skizze oder Studie, Entwurf oder Vorzeichnung, autonom oder begleitend – ihr künstlerisches Spektrum hat viele Facetten. Punkt und Linie, Fläche und Raum sind ihre Elemente, und die Tusche ist seit jeher ein bevorzugtes Zeichenmedium. Anders als die selbstzeichnenden Mittel Rötel, Kohle, Blei- oder Faserstift muss die Zeichenflüssigkeit auf Papier oder Karton übertragen werden – mit Federn oder Pinseln, deren Struktur und Handhabung für Ausdruck und Charakter der Zeichnung bestimmend sind.

Spätestens seit 1.000 v. Chr. bekannt, unterscheidet sich Tusche von der schon früher gebräuchlichen Tinte vor allem durch die Verwendung von Pigmenten und den Zusatz von Bindemitteln. Im asiatischen Raum wird die Tusche klassisch mit Tuschestab, Wasser und Reibestein durch geduldiges Anreiben hergestellt. Die traditionellen chinesischen „vier Schätze des Studierzimmers“ umfassen Tusche, Pinsel, Papier und Reibestein – und weisen darauf hin, dass in China schon vor mehr als zweitausend Jahren Schrift und Malerei als untrennbare Einheit galten.

Moderne Tuschen bestehen zumeist aus Pigmentdispersionen und sind neben Schwarz in vielen Farben und Qualitäten erhältlich. Wesentliche Bestandteile der traditionellen Rezepturen sind feinste Kohlepigmente aus Öl-, Holz- oder Lampenruß, versetzt mit Bindemitteln. Der bräunlichrote Bister kam zu Beginn der Renaissance auf und fand etwa in mit Pinsel lavierten Studien- und Entwurfszeichnungen von Tintoretto oder Tiepolo Verwendung. Im 17. Jh. wurde Bister allmählich von Sepia abgelöst: Das Sekret von Tintenfischen, versetzt mit Bindemitteln wie Gummiarabicum oder Kandiszucker, avancierte schnell zum beliebten Zeichenmaterial und zeigt sich beispielsweise bei Rokoko-Meistern wie Fragonard im differenzierten Spiel von Hell und Dunkel.


Foto: Ina Riepe


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Foto: Ina Riepe

Das wohl ursprünglichste Werkzeug zum Auftrag der Tusche ist die Rohrfeder – ein Stück frisches, weiches Schilfrohr, das durch Anschneiden individuell zugerichtet wird. Viele Arbeiten Rembrandts zeigen in ihrer expressiven Kraft und modernen Anmutung die Zeitlosigkeit der Rohrfederzeichnung wohl am besten: Typisch im dynamischen Wechsel von andeutend-zarten zu ausdrucksvollen, breiten Zügen machen sie deutlich, welchen künstlerischen Eigenwert Rembrandt der Federzeichnung zuerkannte. Die Rohrfederzeichnungen van Goghs mit ihren kurzen, breiten Strichen wiederum mögen erste Inspiration für viele moderne Künstler gewesen sein, sich dieser Technik zuzuwenden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts trat die Stahlfeder ihren Siegeszug an. Die Bandzugfeder als Werkzeug der klassischen Kalligrafie ermöglicht den Wechselzug, das harmonische Abwechseln von dicken und dünnen Strichen durch die Federhaltung. Mit der Schnurzug- oder Redisfeder lassen sich gleichmäßige Striche ziehen, und die Spitz- oder Zeichenfeder lässt den Strich durch unterschiedlich starken Druck an- und abschwellen.


Foto: Ina Riepe


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Ebenso wie Zeichenfedern von der Skizze bis zur Feinzeichnung alle Möglichkeiten bieten, erlaubt auch der Pinsel zahllose Ausdrucksvarianten – von der naturalistischen Darstellung bis zum expressiven, reinen Zeichencharakter. Die Pinselzeichnung der ostasiatischen Kunst, auf wenige Elemente in enormer Präsenz reduziert, zeigt die eigenständigen Qualitäten dieses variablen Instruments, das gleichzeitig Linien ziehen, lavieren oder Schatten und Tiefe färben kann. Oftmals kommen Pinsel wie Feder gleichermaßen zum Einsatz – so spiegelt sich die künstlerische Kraft Pablo Picassos auch in seinen kompletten Tusche-Serien: Mit Rohrfedern, verschiedenen Stahlfedern und mit dem Pinsel schuf der Künstler von der feinen Strich- bis hin zur lockeren Pinselzeichnung Werke, deren freier und malerischer Charakter der Technik einen neuen Stellenwert in der Moderne zuwies.

Die Tuschezeichnung bringt mit wenigen Zügen auch große Ideen zu Papier und behauptet seit Jahrtausenden ihren Platz in der Kunst. Als universelle Technik ist sie von besonderer Aktualität – als individuelles Bekenntnis zum unmittelbaren künstlerischen Prozess, der sich eigenständig und selbstbewusst behauptet.

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