Welche Rolle spielt Kunst als Protestform? Wie kann „Artivismus“ deiner Stimme Gehör verschaffen? Wo findest du ein Team aus kreativen Mitstreiter*innen? Die Künstlerin und Aktivistin De Nichols zeigt, welche Symbole genutzt werden, wie die Kunst mit Farbe arbeitet, was Typografie ist und welche Wirkung sie entfaltet. Und auf welche Weise du selbst aktiv werden kannst. Untermalt wird dieses Buch mit Kunst – womit auch sonst!
In jüngeren Protestbewegungen zeigt sich seit einigen Jahren eine neuartige Verbindung von Kunst und Politik. Sie setzt Kreativität als Instrument ein, um Unrecht zu zeigen und nutzt künstlerische Mittel, um auf Missstände aufmerksam und sie in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Die Möglichkeiten dieser Protestkunst sind vielfältig, die Ausdrucksformen variantenreich. Sie reichen von spontanen Körper-Choreographien im öffentlichen Raum über provisorische Bühnen der Verkörperung radikaler Demokratie bis hin zu experimentellen Orten politischer Aushandlungen.
Hier trifft das Buch „Auf die Straße! Kunst als Protest“ der hochgelobten Artivistin De Nichols einen Nerv. Ihr Blick auf die Protestkunst regt zum Nachdenken an. Sie zeigt, wie junge Leserinnen und Leser ab 13 Jahren ihre Interessen mithilfe der Kunst zum Ausdruck bringen, denn sie sollten und können in den Augen der Autorin nicht vor Ungerechtigkeiten geschützt werden. „Dieses Buch soll dich ermutigen und dir Ideen an die Hand geben, Kunst als Sprachrohr zu nutzen, damit deine Anliegen Gehör finden“, schreibt De Nichols in ihrem Vorwort und gibt ebenso hilfreiche wie praktikable Tipps, um selbst aktiv zu werden.
„Auf die Straße!“ erzählt die Geschichte der Protestkunst und verwebt sie mit De Nichols’ Erfahrungen in ihrem Heimatland USA. Ein geschichtlicher Rückblick zeigt die Wirkmacht der Kreativität und deren gesellschaftliche Relevanz. Protestkunst und -bewegungen aus aller Welt – von Transparenten und Schildern bis hin zu Gedichten und politischen Karikaturen, vom Culture Jamming der jüngsten US-Präsidentschaftswahlen bis zur Regenschirm-Bewegung in Hongkong – werden beleuchtet und mit grundlegenden Methoden der Protestkunst verknüpft – mit Symbolen, Farben, Schriftarten usw. Eindrucksvolle Beispiele referieren auf die Typografie der „Make Love Not War“-Plakate aus den 1960er-Jahren bis hin zur einsamen erhobenen Faust und widmen einigen der denkwürdigsten Protestkunstwerke aus aller Welt einen genauen Blick, von Keith Haring bis Extinction Rebellion, von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bis zu Black Lives Matter.
All das belegt die Kraft, die von Worten und Bildern ausgehen kann, und führt eindrucksvoll in die Nutzung von Grafiken und visuellen Elementen als Formen der öffentlichen Kommunikation ein. Leserinnen und Leser können jedes der angeführten Protestkunstwerke genau erkunden, um die wichtige Rolle zu verstehen, die Farbe, Symbolik, Technik und Typografie in der Kommunikation spielen. Das wird am Ende jedes Kapitels unter der Überschrift „Leg los“ erfahrbar: als authentische und nutzbare Kunstform, demokratisch, für alle zugänglich, mit Stiften und Kreide auf Pappe und Gehwegen oder auf Mobiltelefonen und in sozialen Medien mithilfe von GIFs und Memes.
Im Kern ist „Auf die Straße!“ ein Buch über gemeinschaftliches Handeln. De Nichols gibt den Leserinnen und Lesern Werkzeuge an die Hand, um eigene Kunst zu schaffen, und ermutigt nicht nur ihr junges Publikum dazu, selbst etwas zu bewegen, Gemeinschaften zu finden und sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Dass Gemeinschaft ein Eckpfeiler ihres gesamten Schaffens ist, spiegelt sich auch in den beeindruckenden Illustrationen des Buches. Sie wurden von Olivia Twist, Molly Mendoza, Raul Oprea, Diego Becas und Diana Dagadita in kräftigen Farben und Schriftarten umgesetzt und veranschaulichen der Leserschaft beispielhaft die angesprochenen Techniken.
De Nichols bezeichnet sich selbst als „Artivistin“. Ihr Buch ist ein erfrischender, kompetenter Leitfaden und ein Kompendium moderner Protestkunstpraktiken, das durch die Fülle an Hintergrundinformationen angehende Artivist*innen inspiriert und ermutigt, ihre Stimme auf vielfältige Weise zum Ausdruck zu bringen.
„Auf die Straße!“ ist für Jugendliche und Erwachsene, aber auch für die Aufnahme in Schulbibliotheken bestens geeignet, denn es schließt eine Lücke, indem es Impulse gibt, sich kreativ für eine bessere Welt zu engagieren.
In einem Interview zur Originalausgabe ihres Buches sagte De Nichols: „Jetzt ist die Zeit gekommen. Wir brauchen jeden Einzelnen, der sich dazu äußert, wie wir unsere Welt verbessern können: wie wir die Lücken, die Ungerechtigkeiten und die Ungleichheiten beseitigen können, deren Existenz wir alle erkennen. Ich ermutige alle Leser dieses Buches, Kunst als einen Weg zu betrachten. Kunst als Werkzeug und Katalysator zu sehen.“
Die Originalausgabe wurde 2022 mit dem British Book Design & Production Awards (Kategorie Children’s Trade 9 to 16 Years) und 2023 mit dem Bologna Ragazzi Award ausgezeichnet. Für den Deutschlandfunk gehört „Auf die Straße!“ im Februar 2026 zu den besten 7 Büchern für junge Leserinnen und Leser.
Über die Autorin
De Nichols ist Aktivistin, Kunstkoordinatorin, Social-Impact-Designerin, Autorin und Referentin. Sie hat an Universitäten gelehrt und viele Auszeichnungen für ihre Arbeit bekommen. Während ihrer Kindheit in Memphis sah sie die „I Am A Man“-Plakate aus nächster Nähe und beteiligte sich 2014 aktiv am Ferguson-Aufstand. Mit Initiativen wie „Monument Lab“ setzt sie sich für politische Veränderungen ein und stößt als Leiterin des Kollektivs „Design As Protest“ Aktionen an. Zu ihren visionären Kunstwerken gehören „Sticky Note to Self“ sowie die Performance mit der Skulptur „Spiegelsarg“ – sie ist heute im Nationalmuseum of African-American History and Culture in Washington, D.C. zu sehen.