Hintergrund

Bilder sind Träger des Unsagbaren

Die Kölner Malerin Uta Schotten

Ein Reiz der Malereien von Uta Schotten liegt in dem Plötzlichen ihrer Sichtbarkeit: der Gleichzeitigkeit von Anwesenheit und ferner Erinnerung, Aufscheinen und Erlöschen, Klarheit und Ahnung, rauschhafter Dynamik und dem innehaltenden Einfrieren der Szene. Sie verbindet Vertrautheit mit Fremdheit, festgehalten mit einer malerischen Bewegtheit, die tiefere Farbschichten einbezieht und einschmeichelnd und ruppig zugleich ist. Folglich sind Reproduktionen (zum Beispiel auf dem Monitor oder in Katalogen) lediglich Hinweise auf die Motive und alles Erzählerische. Frappierend ist, was dabei alles verloren gehen kann an Tiefe und Farbigkeit, schon an den feinen Strichen und Linienbündeln, die im Streichen der Pinselhaare entstehen, an Zwischenfarben und Untertönen. An Einmaligkeit.

Meist handelt es sich um Szenen, die eine anrührende Intensität haben, erfasst aus unterschiedlicher Perspektive und oft im Halbdunkel: eine Mutter mit ihrem Kind; Porträts; eine eng zusammengedrängte Häuserzeile; ein Kahn auf einem Gewässer; eine Windmühle in der Ferne eines tief liegenden Horizonts; ein Bauernhaus, umgeben von Landschaft, davor ein paar Menschen; ein Zeppelin am Himmel; ein Pferd mit einem Karren, erfasst von der Seite. Das Gefährt selbst setzt sich in raschen, lapidar aneinander anschließenden Strichen zusammen; Blüten, deren Blätter großzügig das gesamte Bild umspannen; ein menschenleerer Fußballplatz; der Überblick über ein weites gefurchtes Feld …

Die Bilder sind in ihrer Motivik und Malerei und dazu noch im moderaten Format intim, von persönlichen Erlebnissen erfüllt. Und zugleich geht es um kollektive Erfahrungen und Stimmungen. Die Malerei bleibt von Erfahrung durchdrungen und hält die Wirklichkeit der Bilder wie hinter einer Glasscheibe auf Abstand. Ohne Empathie geht nichts.

Vor etwas über zwei Jahren hat Uta Schotten auf YouTube fünf kurze Videofilme veröffentlicht. Die jeweils erste Einstellung der Filme zeigt ein für sie besonders wichtiges Gemälde auf Leinwand, das an einer weißen Wand hängt. Uta Schotten tritt hinzu und übermalt mit wenigen Pinselstrichen ein jedes dieser Bilder, besser: bedeckt sie mit Farbe bis hin zur Unsichtbarkeit, und zwar auf jeweils andere Weise. Teils lässt sie die ursprüngliche Darstellung noch durchblicken, beim fünften Bild sprayt sie Farbe transparent, wie hingehuscht. Aber die „Zerstörung“ passiert immer von leichter Hand, bedacht und routiniert. Macht sie die ursprünglichen Bilder ungeschehen? Welche Rolle spielt die Erinnerung an die Hauptwerke für die neuen Bilder, als welche die Übermalungen verstanden werden könnten? Schreibt sich damit die Identität der Künstlerin neu? Was heißt es, Malerin, Künstlerin zu sein? Geht die Schöpfung nicht deutlich über das rein Handwerkliche hinaus, macht nicht gerade der geistige Gehalt ein Kunstwerk aus? Am Ende eines jeden Films steht in sachlicher Typografie ein Satz geschrieben: „Alles was wirklich ist wird nie sterben, nur die Namen, Formen und Illusionen.“ – „Auflösung ist notwendig damit Neues entstehen kann.“ – „Die Natur aller Dinge ist Vergänglichkeit.“ – „Nichts ist gut oder schlecht, außer in der Bewertung Deines Verstandes.“ – „Vergebe jedem Moment so zu sein wie er ist.“ Die Aura der Bilder reicht weit in unser Leben und unsere private und kollektive Geschichte, sie symbolisieren unser Zurechtfinden in der Zivilisation und haben ebenso mit unserer geistigen Verfasstheit zu tun, jeden Schritt bewusst zu setzen. Nein, unbeschwert geht es in diesen Schilderungen unserer Existenz nicht zu. Einfache Stimmungsbilder hat Uta Schotten nie gemalt, ganz und gar nicht.

O.T., 2021, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2022/ Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

O.T., 2021, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

Einige Tage später, beim Atelierbesuch im Atelier im Kölner Agnesviertel, Souterrain, zur Straße hin. Der Raum niedrig, eher ein Schlauch – nichts, was vom Bild und seiner Betrachtung ablenkt. Im Anschauen der Bilder mit etwas Abstand und dann aus nächster Nähe, mit dem Abtasten mit den Augen, wird deutlich, wie sehr die Gemälde von Uta Schotten kleine Sensationen des Sehens und der Empfindung sind. Sie wirken weich und nachgiebig. In der Reduktion der Farbtöne bis hin zur Monochromie vor einem helltonigen Grund und den minimalen, im Farbverlust gesteigerten Nuancen erinnern sie an leicht verblichene alte Fotografien, aus denen die Buntfarben herausgezogen wurden. Das Dokumentarische von Zeitungsfotos, die aus ihrem Zusammenhang genommen sind und umso mehr für sich sprechen, klingt an. Zugleich liegt eine Bewegungsunschärfe vor. Umrisse verwischen, Fensteröffnungen lösen sich im Summarischen des Pinselstrichs auf, als läge Nebel oder eine beginnende Dämmerung über allem. Aus der Bildtiefe scheint wie im Gegenlicht Helligkeit auf, dabei wirkt der Bildraum dreidimensional.

Das Feld, 2013, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 65 x 80 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2022/ Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

Das Feld, 2013, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 65 x 80 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

Neben der Malerei trägt der Kreidegrund zu einer solchen Wirkung bei, hinzu kommt die Technik der Enkaustik, also die Beimischung von Wachs in die Ölfarbe – ein Verfahren, das heute fast vergessen ist und von Uta Schotten im Hinblick auf ihre Intentionen perfektioniert wurde. Christian Deckert hat dazu und zur verborgenen Farbigkeit dieser Bilder im Katalog zu den Ausstellungen im Mittelrhein-Museum Koblenz und im Stadtmuseum Siegburg geschrieben, die Arbeit mit En-kaustik schaffe „in den Bildern eine feine und zarte Fragilität der Maloberfläche. Sie wirkt der Unverwüstlichkeit der Ölfarbe entgegen, gibt ihr einen warmen, stumpfen, eben wächsernen Glanz. Die entstehende ‚weiche Trockenheit‘ der Bilder erinnert eher an die Farboberfläche eines Freskos“ (Kat. Bielefeld/Berlin 2014, S. 64).

Ohne Titel, 2021, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 60 x 50 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2022/ Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

Ohne Titel, 2021, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 60 x 50 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

In ihrer handwerklichen Umsetzung sind die Bilder Würfe und auch dahingehend unwiederholbar. Die Farbbahnen sind schnell und resolut gezogen, dadurch liegt das Risiko des Scheiterns hoch. Auch das gehört zum Wesen dieser Bilder: Ihre Flüchtigkeit ist immer mit Zerbrechlichkeit verbunden, einem Bestehen an der Grenze des Möglichen. Ihre Malerei ist filigran und kraftvoll zugleich. Natürlich fertigt Uta Schotten vorab Skizzen an, in mehreren Schritten entwickelt sich die Verdichtung zum Bild und dessen Komposition, darüber hinaus schöpft sie aus ihrer Erfahrung. Die Malerei findet dann statt, wenn das Bild nach ausgiebiger Vorbereitung und mit der Konzentration vor der Leinwand am klarsten vor Augen steht. Wenn alles Zögern und alle Bedenken ausgeblendet sind. Auch deshalb schreibt Uta Schotten in einem Text: „Malerei ist das Schweigen des Verstandes. Malerei kann nicht erdacht werden. […] Ich male es“ (2016).

Uta Schotten wurde 1972 in Haarlem in Holland geboren, sie wächst dort auf, verbringt viel Zeit auf dem Wasser, auf Segelbooten. Sie beobachtet die flache Landschaft mit ihrer weiten Sicht, sucht die Museen auf, in deren oftmals kleinen Räumen sie die niederländischen Meister vergangener Jahrhunderte für sich entdeckt. Zeitgleich mit ihrer Einschulung zieht die Familie nach Deutschland. Dort studiert sie schließlich zunächst an der Städelschule bei Jörg Immendorff, dann in Braunschweig u.a. bei Stephen McKenna und schließlich an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo sich ihre Malerei in der Klasse von Siegfried Anzinger weiter konzentriert und sie 1998 als Meisterschülerin abschließt.

Alles beginnt hier mit Porträts, im Besonderen Doppelbildnissen. Zunächst handelt es sich, gemalt nach dem Modell, um Mütter mit ihrem Kind. Darauf folgen Liebespaare, zeitweilig entstehen auch Selbstporträts und später malt sie die Mutter Gottes mit dem Jesuskind nach der Kunstgeschichte. Sie malt tanzende Paare und Tänzerinnen und wendet sich dann, in den 2010er-Jahren, dem Außenraum zu, der von der Witterung dominiert ist. Atmosphärisch dicht, zeigt sie einzigartige Konzentrate, denen in ihrem Lakonismus, der aber verspielte Züge enthalten kann, nichts mehr hinzuzufügen ist. So hat sie im Laufe der Jahre mehrere Kähne in einem Gewässer gemalt. In der dämmerigen Umgebung ist ihre knapp, aber präzise, ja, mitunter schwungvoll eingezeichnete Form kaum vom Grund aus Wasser und Himmel zu trennen. Die Umgebung ist tief und undurchdringlich zugleich, und doch sind der Wasserspiegel und die Atmosphäre des Himmels im malerischen Duktus unterschiedlich angelegt …

O.T., 2018, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 50 x 60 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2022/ Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

O.T., 2018, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 50 x 60 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

Und dann plötzlich, nach einer Pause im Ateliergespräch, hält Uta Schotten inne. Natürlich seien ihre Bilder nicht ohne das Bewusstsein der aktuellen politischen, gesellschaftlichen Ereignisse in der Welt denkbar! Dieser kritische Impetus deutet sich schon mit einem Gegenbild zu den Kähnen auf dem Wasser an, das Kentern (2013) heißt und den Kahn auf der Mittelachse links und rechts bis zu den Rändern in das 50 x 60 cm große Format spannt. Das Boot neigt sich zum Betrachter hin, im Braun-in-Braun ist vor dem Boot ein weißer, wie von nächtlichem Licht erhellter Strom Wasser zu sehen, der sich aus der See in den Bauch des Bootes ergießt. Das alles ist mit knappsten Mitteln notiert, und doch – oder gerade deswegen – wird es augenblicklich zu einem Gleichnis für unser Leben auf der Erde, ohne diese Deutung aber aufzudrängen. Oder: Eine Ansicht auf mehrere kraftvoll umrissene Bauten im Mittelgrund, der hinter einem Gewässer einsetzt, heißt Sklavenhütten am Fluss (2012). Und die Bilder, die sich auf Menschen, darunter auch Kinder, konzentrieren und sie mittels der farblichen Einheitlichkeit und Unschärfe abstrahieren, vermitteln nur selten Unbeschwertheit, kaum werden sie dem Familienalbum entstammen, dafür wirken sie zu sehr mit Ereignissen aufgeladen.

Selbst die landschaftlichen Überblicke werfen auf beunruhigende Weise drängende Fragen auf, die noch durch den Titel weiter konkretisiert sein können. Da ist zum Beispiel auch dieses fantastische Bild, das tatsächlich Fracking (2015) heißt und den Blick aus einem Flugzeug beschreibt. Zu sehen ist eine unabsehbar weite Landschaft aus Schneisen, die mit ihren durch Schatten betonten Stufungen vom Menschen geformt sind und durch die ein Fluss oder ein Kanal zu fließen scheint. Die wechselnden grauen Töne sind im Wechsel des Duktus, der Anhöhen, Aufwerfungen, als Geschwindigkeit und Innehalten hin zu einer fleckenhaften Verdichtung vorgetragen.

O.T., 2016, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 70 x 80 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2022/ Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

O.T., 2016, Öl und Enkaustik auf Leinwand, 70 x 80 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Uta Schotten, Foto: Uta Schotten

Uta Schotten greift wiederholt auf die überschauende räumliche Perspektive zurück. Hier schaut der Betrachter wie ein außenstehender Beobachter auf die Geschehnisse, die in ihrer Distanziertheit und Kleinheit wie ein Modell einen surrealen Klang tragen können. Etwa ein Fußballplatz aus einer malerisch expressiven Oberfläche, der sich, mit kantigen Bahnen umrissen, in die Tiefe einer kargen Landschaft ausstreckt und dadurch wie auf einen Tisch versetzt wirkt. Im minutiös abschreitenden Überblick zeichnet sich eine Position des Beherrschens ab, die vielleicht sogar auf Besitz- und Dominanzstrukturen weisen könnte, auf das Funktionieren der Gesellschaft und, erneut, den Umgang dabei mit der Erde.

Nach einer längeren Phase des Suchens und Experimentierens, entstehen ab 2017/18 medial und formal ganz andere Werke. So erstellt Uta Schotten Siebdrucke von zwei Sieben, die zueinander minimal versetzt sind und dadurch eine flirrende Unschärfe erzeugen. Die Bilder zeigen, in geringer Auflage gedruckt, Laubbäume mit ihren ausgebreiteten Ästen in frontaler Ansicht – ausgestellt waren sie erstmals im Rahmen der Sommerausstellung in der Royal Academy am Piccadilly Circus in London. In ihren filigranen Abweichungen kaum zu erfassen und gedruckt in Goldfarbe, sind sie Ausdruck für Uta Schottens Skepsis gegenüber der Weise, wie die Sensationen unserer Welt vereinnahmt werden, und für den Umgang mit Klischees und Traditionen. Zu ihrem Werk ohne Malerei gehören auch, basierend auf den Ressourcen der Natur, skulptural anmutende hölzerne Verwachsungen, abgegossen in Bronze. Danach sind skizzenhafte Zeichnungen eines Frauenkörpers entstanden, aufgetragen mit menschlichem Blut, die ihre Bewunderung für Joseph Beuys andeuten. Aber erst seit Sommer letzten Jahres entstehen, angeregt von einem längeren Aufenthalt in Italien, wieder Malereien. Die Beobachtung der Natur, das Draußen-Sein, das die Landschaft und die Urbanität zugleich einfängt, wird zum Impuls, Ausgangspunkt ist der Monte Castello in Tremosine sul Garda. Nun sind die Darstellungen stabil. Sie führen die Konkretheit der Natur mit der Abstraktion als Form der Vergegenwärtigung zusammen, erst recht bei ihrem zweiten, längeren Aufenthalt in Tremosine, bei dem sie vor Ort gemalt hat. Diese Bilder, die meist in moderatem Querformat entstanden sind, transzendieren die dortige Umgebung in ihrer Ursprünglichkeit mit den Formen des Berges und dem Sonnenlicht, das dahinter aufsteigt.

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Profile

Uta Schotten, geboren 1972 in Haarlem (NL), ist Absolventin der Kunstakademie Düsseldorf und ist Meisterschülerin von Prof. Siegfried Anzinger. Sie studierte zuvor von 1991–1992 an der Städelschule in Frankfurt/Main und 1992-1996 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Seit dem Studienabschluss 1999 ist Uta Schotten freiberuflich als Künstlerin tätig und bestreitet seit 1991 internationale und nationale Ausstellungen. Von 2003 bis 2005 war sie zudem Bildhauerin im Atelier von Tony Cragg in Wuppertal.

Foto: Dan Hummel

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