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Hintergrund

Der verlängerte Augenblick

André Krigar malt en plein air

Er formt Unübersichtliches, führt Widersprüche zusammen und ordnet bisweilen das Chaos – André Krigar malt den Alltag en plein air. Seine Motive findet er an vielen Orten: Mit Farben, Pinsel und Staffelei steht er morgens auf dem Wochenmarkt, bei Nacht vor hell erleuchteten Theatern, im Vorweihnachtstrubel am Berliner Kaufhaus des Westens oder abends im jüdischen Viertel Roms. Als Freilichtmaler sieht er sich bei jedem Wetter wechselnden Lichtstimmungen gegenüber, und jede Situation formiert sich noch während des Malens neu: Der Verkehr fließt, Menschen eilen über Plätze und Trottoirs, der Bildgegenstand verändert sich.

Krigars Sicht auf das Geschehen ist geprägt durch Momentaufnahmen, besondere Blickwinkel und sich stetig wandelnde Eindrücke. Die Lebendigkeit seiner Sujets fordert den Künstler heraus: Für ihn ist dies wie „eine Zusammenschau eines aus vielen Einzelbildern bestehenden Films, der während des Malens vor dem geistigen Auge des Künstlers und in seinem Unterbewusstsein abläuft“, so Axel Feuß, der die Arbeit Krigars in dessen 2016 erschienenem Buch „Die Farben der Stadt“ (ars momentum Kunstverlag) würdigt. Eine familiäre Prägung dieses „filmischen“ Blicks liegt nahe: Sein Vater Kurt Krigar war Dokumentarfilmer, seine Mutter arbeitete für die Deutsche Film-AG in Potsdam-Babelsberg als Schnittmeisterin. „Wenn wir ähnliche ‚Bildeinstellungen‘ und Kompositionsprinzipien in der Malerei von André Krigar finden, so kommt das nicht von ungefähr. […] Auch das dokumentarische Interesse hat der Maler vom Vater geerbt.“ 1952 wurde André Krigar in Berlin geboren; dort studierte er in den Jahren von 1972 bis 1979 Malerei an der Hochschule der Künste (HdK) und Gräzistik an der Freien Universität. Danach wurde er zum Maler der Stadt und so auch zu ihrem Chronisten.

Für seine Kunst trotzt Krigar Wind und Wetter – er malt im Regen, bei Schnee und Eiseskälte, aber gern natürlich auch im milden Licht des Frühlings. Widrige Umstände benötigen Durchhaltevermögen, und so schafft es der Berliner, in seinen Bildern selbst dem Nieselregen etwas abzugewinnen.

„Wer Sonnenlicht darstellen will, muss sich eben intensiv mit der Farbe der Schatten beschäftigen“, sagt er. Krigars Bilder entlocken dem Alltagstreiben einen ganz besonderen Charme und dafür arbeitet er daran, den so flüchtigen Augenblick wenigstens ein bisschen zu verlängern. „Vielleicht ist es ja gerade das Alltägliche, was das Leben interessant macht“, betont Krigar. „Zumindest, wenn man es aus einer gewissen Distanz betrachtet.“

 

Den mitunter überraschenden Lichtstimmungen, die Farben und Motive von einem Augenblick zum anderen subtil verändern können, gilt sein besonderes künstlerisches Interesse. Der Künstler müsse allein seiner Wahrnehmung folgen, so sein Credo, und akademische Lehre und Theorien mitunter über Bord werfen. Bei genauem Hinsehen sei etwa das Sonnenlicht in den Mittagsstunden eher weiß und kühl, nicht etwa gelblich, wie gern postuliert. Das künstliche Licht bei Nacht hingegen sei oft für ihn das reizvollste, wenngleich auch das schwierigste Problem: Reizvoll deshalb, weil künstliche Beleuchtung und ihre Reflexionen leicht zu erkennen und wirkungsvoll wiederzugeben seien. Schwierig sei das Malen nächtlicher Szenen vor allem wegen des fehlenden Lichts: Wie beleuchtet man seine Leinwand? Und wie, natürlich, die Palette? Am besten gar nicht, meint Krigar – es gelte vielmehr, das vorhandene Licht bestmöglich auszunutzen, und: „Reicht es nicht aus, ist auch das schönste Motiv für mich ungeeignet.“ Unwirtliches Wetter mit Schnee und Regen ließen hingegen mitunter fröstelnd erkennen, welcher Reiz in der Reduktion und der Konzentration auf das Wesentliche liege … „Leben und Leinwand dringen ineinander“, sagt er, und: „Ein gutes Bild will wohl oftmals erkämpft werden.“

Nur ein kleiner Teil seines Gesamtwerks ist im Atelier entstanden; die Malerei vor Ort ist ihm unabdingbar: „Hier reagiere ich direkt auf die Welt. Neben den optischen Reizen bin ich en plein air auch einer Vielzahl anderer Eindrücke ausgesetzt, die meine Spontaneität fordern“, sagt er, und dabei seien synästhetisch alle Sinne im Spiel – in seinen Bildern empfindet man den Lärm der Straße ebenso wie die nächtliche Stille gleich mit. „Übrigens werden dabei scheinbare Störungen bisweilen zu wichtigen Hilfen; das gilt insbesondere für mein Hauptthema, die Stadtmalerei.“

Auf der Friedrichstraße, nachts, 2018, Öl auf Leinwand, 80 x 90 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Auf der Friedrichstraße, nachts, 2018, Öl auf Leinwand, 80 x 90 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Blick ins Verborgene, 2018, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Blick ins Verborgene, 2018, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Lange Reihe, 2017, Öl auf Leinwand, 70 x 80 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Lange Reihe, 2017, Öl auf Leinwand, 70 x 80 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Musikalische Improvisation, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Musikalische Improvisation, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Schlossgraben, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Schlossgraben, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Spätherbst, Kreuzberg, 2017, Öl auf Leinwand, 70 x 100 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Spätherbst, Kreuzberg, 2017, Öl auf Leinwand, 70 x 100 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Unter den Linden, abends, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Unter den Linden, abends, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Vor dem Portal, 2017, Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Vor dem Portal, 2017, Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Vor dem Thalia-Theater, nachts, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Vor dem Thalia-Theater, nachts, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Wäsche in Margreets Garten, 2016, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Wäsche in Margreets Garten, 2016, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Wieder auf dem Mainzer Markt, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Wieder auf dem Mainzer Markt, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ André Krigar, Foto: André Krigar

Die Freilichtmalerei ist in vielen Ländern zu Hause, und André Krigar ist bestens mit seinen europäischen Kollegen vernetzt. Seit 1992 gehört er der Künstlergruppe „Norddeutsche Realisten“ aus Schleswig-Holstein an, in den Niederlanden arbeitet er mit Kollegen im Rahmen der Malfestivals in Katwijk und Noordwijk. 2008 gründete der Berliner mit den finnischen Malern Heinrich Ilmari Rautio und Pekka Hepoluhta eine eigene Gruppe mit dem Namen „triumviratus“, und 2011 sowie 2013 kam er mit Malern aus ganz Europa nach Lamu Island in Kenia, um gemeinsam mit afrikanischen Malern zu arbeiten. Die Staffelei, die eigens selbst konstruierte Klapp-Palette, die dank eines ausgeklügelten Mechanismus die Farben schützt, und seine Ölfarbtuben begleiten ihn auf seinen Reisen. Er war artist in residence an verschiedenen Orten im In- und Ausland, malte in Amerika und Afrika, Frankreich, Italien, Holland, Griechenland und zuletzt in Polen – im Auftrag der Deutschen Botschaft. Seine Bilder betitelt er gern nach den Straßen und Plätzen, an denen sie entstanden – und neben der Jahreszahl findet sich für gewöhnlich noch zusätzlich der Name der jeweiligen Stadt.

Seiner Heimatstadt Berlin hat Krigar natürlich zahlreiche Ausstellungen und Kataloge gewidmet, ihr entlockt er immer neue Momentaufnahmen. Die Alt-Berliner Viertel faszinieren ihn mit ihrer historischen Architektur, am Mehringdamm steht ihm alljährlich zur Blütezeit ein japanischer Kirschbaum Modell, dem Savignyplatz weiß er stets aufs Neue Motive zu entlocken und die Theater- und Konzerthäuser der Stadt mit ihrem abendlichen Treiben sind ein Lieblingssujet. Und von seinen Mal-Orten weiß er manches zu erzählen, schmunzelnd, nachdenklich oder mit einem Augenzwinkern: Die gelangweilten Taxifahrer, die gute, weil schweigende Zuschauer sein können. Das Kind, das es dem Künstler gleichtun möchte und mit Kreiden auf den Asphalt malt. Oder das türkische Hochzeitspaar, das mit seinen Gästen in Kälte und Regen auf der Tauentzienstraße zu tanzen beginnt …

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Profile

André Krigar, geboren 1952 in Berlin, studierte an der Hochschule der Künste (HdK Berlin). Seit 1992 ist er Mitglied der Gruppe der Norddeutschen Realisten und gründete 2008 mit zwei finnischen Malern die Gruppe „triumviratus“. 2008 gewann Krigar den Rembrandt Painting Award, 2013 bekam er mit den Norddeutschen Realisten den Kunstpreis der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft. André Krigar wird vertreten von der Galerie Classico in Berlin und der Galerie Rose in Hamburg. Im Jahr 2020 plant André Krigar Ausstellungen in Ausstellungen diesen Galerien, im Ostholsteinischen Museum Eutin und in der Galerie Evénémentielle in Paris.

 

[Foto: Roland Klemp]

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André Krigar malt den Alltag unter freiem Himmel: in seiner Heimatstadt Berlin ebenso wie in den USA und Kenia, in Frankreich, Italien, Holland und Griechenland. Fotografische Impressionen und eine beigegebene DVD mit zwei Filmen begleiten den Pleinair-Maler in seinem Schaffen.

124 S. m. 63 farb. u. 20 S/W-Abb., 24 x 28 cm, geb., dt. ars momentum Kunstverlag 2015, m. DVD
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