Ausstellung

Der Sturm der Geschichte, die Kraft der Zeichnung

William Kentridge in den Hamburger Deichtorhallen

Ausgerechnet in Rom mit einem Kunstwerk im Stadtraum aufzufallen, ist wirklich schwer: Angesichts von antiken Ruinen, barocken Fassaden und prächtigen Plätzen geht eigentlich fast alles unter, was Künstler so machen können … William Kentridge aber hat sich getraut. Auf den haushohen Ufermauern des Tiber hat er 2016 über eine Länge von fünfhundert Metern und eine Höhe von gut zehn Metern eine Bilderzählung laufen lassen: Triumphs and Laments. Ein Zug von Siegesgöttinnen und Kaisern, Päpsten und der Kuss-Szene mit Marcello Mastroianni und Anita Ekberg im Trevi-Brunnen – und ebenso von gekreuzigten Heiligen, von Diktatoren hoch zu Ross, von Geschlagenen und Versinkenden in den Katastrophen der Geschichte, die die Rückseite der strahlenden Siege bilden. Ganz große Geste und bitteres Elend, was hätte wohl Roma Aeterna angemessener sein können?

Vom Tiber nun an die Elbe: Die Deichtorhallen unweit des Hamburger Hauptbahnhofs präsentieren Kentridge bis zum kommenden Frühjahr in einer groß angelegten Ausstellung. Sie wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler erarbeitet und kuratiert vom Zeitz Museum of Contemporary Art (Zeitz MOCAA) in Kapstadt. Kentridge arbeitet in einer beeindruckenden Breite von Medien. Dazu zählt auch die Tätigkeit als Theater- und Opernregisseur, Gattungen mithin, die darauf angelegt sind, Geschichten zu erzählen. Genau das ist es, was den Künstler in seinen angestammten bildkünstlerischen Feldern auch interessiert. Es sind Themen wie soziale und politische Ungerechtigkeiten, zerstörerische Gewalterfahrungen in Krieg und Vertreibung. Das persönliche Erlebnis einer gespaltenen Gesellschaft war hier sicher das prägende Erlebnis: William Kentridge wurde 1955 in Johannesburg geboren; solange die Apartheid Bestand hatte, vertraten seine Eltern, beide Rechtsanwälte, vor Gericht vorwiegend schwarze Mitbürger. Ihr politisches Interesse hatte sich auf den Sohn vererbt, der entsprechend zunächst Politik und Afrikanistik im heimischen Johannesburg belegte, bevor er dann in den späten 1970er-Jahren sein Studium fortsetzte an der dortigen Art Foundation.

Neben Gesellschaftswissenschaft und bildender Kunst waren es schon früh die performativen Gattungen, die ihn anzogen: Nach der Ausbildung an einer Pariser Theaterschule in den 1980ern war der vielseitig begabte Kentridge in der Folge als Schauspieler, Bühnenbildner und Theaterregisseur tätig. Als ob es damit nicht genug gewesen wäre, vertiefte er sich auch in den Film. Dabei entwickelte er ein eigenwilliges Verfahren, das dieses ansonsten so hochtechnische Medium zurückführte auf seine handgemachten Anfänge. Mittlerweile ist der Künstler nach Johannesburg zurückgekehrt, in eine Stadt, die nun nicht zu den typischen Hotspots der internationalen Kunstszene zählt. Das stand seinem weltweiten Erfolg aber nicht im Wege: Er vertrat Südafrika mehrmals bei den Biennalen in Venedig, auch bei der Documenta war er wiederholt eingeladen. In der Vita finden sich in zahlreiche Ausstellungen in renommierten Museen weltweit – so im MOMA oder der Wiener Albertina, um nur zwei zu nennen.

Zeichnung als Leitmedium

Was ist der Wesenskern dieses so vielschichtigen Werks? Neben der zutiefst humanistisch geprägten Grundhaltung des Künstlers ist das innere, pulsierende Zentrum wohl die Zeichnung. Der Titel der Hamburger Ausstellung fragt rhetorisch, Kentridge zitierend: Why should I hesitate: Putting Drawings to Work. Wirklich, warum sollte er da zögern, vereint doch das Medium der Zeichnung seit je kühle Konstruktion mit seismografischer Empfindsamkeit. Kentridges Zeichenkunst bedient sich mit Vorliebe der Kohle wie auch der Tusche: beide strikt schwarzweiß, markiert die Kohle in ausdrucksstarke, raschem Strich das Motiv, die Tusche fügt atmosphärische Werte lavierend hinzu. Die Deichtorhallen zeigen in ihrer Schau, einer der größten, sagt der Künstler, die es je zu seinem Werk gegeben habe, Arbeiten aus über 40 Jahren. Dabei beeindruckt, mit welcher Hartnäckigkeit gewisse Konstanten durchlaufen, aber auch, welch immer wieder überraschende Erfindungskraft Kentridge besitzt.

Frühe Bilder zeigen sich in ihrer Figurencharakterisierung von der Darstellungsweise der Karikatur beeinflusst. Man könnte aber ebenso gut an Sittenbilder eines modernen Hogarth denken: Die genaue historische Verortung durch Accessoires, beispielsweise die Kunststoffsessel, fällt auf … Später treten bildkünstlerisches Denken und bühnenkünstlerische Tätigkeit in Dialog: Ubu tells the truth gewährt der totenschädelhaften Fratze des tyrannischen Herrschers aus Alfred Jarrys prä-absurdem Theaterstück (immerhin schon 1896 entstanden!) den großen Auftritt, verwendet aber eine Technik (als hinterleuchtetes Transparent), die man sich ebenso gut als einfachen Holzschnitt vorstellen könnte, genauer, in der Umkehrung als Weißlinienschnitt. Ein schönes Beispiel für die Souveränität und die historische Bewusstheit, mit welcher der Künstler scheinbar simple Medien einsetzt. Man könnte auch sagen: Er jongliert mit ihnen! Nirgendwo wird das deutlicher als bei Kentridges Animationsfilmen. Der animierte Film, vulgo Trickfilm, entstand historisch aus der Zeichnung: Er ist, wenn man so will, ein Comic, der das Laufen gelernt hat. Damit dieses Laufen überzeugend wirkt, ist eine gewisse Mindestzahl von Darstellungen per Zeiteinheit nötig, die, Stück für Stück gezeichnet, einzeln abfotografiert und dann kontinuierlich projiziert werden. Dank der Trägheit des menschlichen Auges entsteht so der Eindruck lebendiger Bewegung. Der Trickfilm war in seinen Anfängen eine überaus mühselige Handarbeit (ein einstündiger Film erfordert etwa 100.000 Einzelbilder!); kein Wunder, dass der Animationsfilm, wie man heute sagt, als erste filmische Kategorie sich mit Enthusiasmus der Digitalisierung in die Arme geworfen hat … Kentridge aber geht ganz andere Wege. Er ist keineswegs auf einen perfekten Bewegungsfluss aus. Im Gegenteil, ausradierte Stellen bleiben schemenhaft sichtbar, Anschlüsse passen nicht genau. Die Abläufe der Filme ruckeln und bekommen so etwas seltsam Mechanisches. Das verleiht auf bezwingende Weise den bizarren Geschöpfen, die wir dort sehen, ein automatenhaftes Halbleben: überdimensionale Gasmasken, die auf gitterförmigen Beinen durch verwüstete Landstriche staksen oder Flugzeuge, die ihre todbringende Bombenladung mit dem Flattern eines Vogels abwerfen. Bittere Kommentare zu konkreten zeitgeschichtlichen oder historischen Ereignissen oder, philosophisch gesehen, Bilder der Entfremdung: Menschengemachte Objekte verselbstständigen sich und treten ihren ohnmächtig gewordenen Verfertigern als verhängnisbringende Schicksalsmächte gegenüber.

Film und Geschichte

Thematische Stränge durchziehen Kentridges Werk: Die eben erwähnte Zeichnung Drawing for Il Sole 24 Ore – Anlass ist hier der italienischen Kolonialkrieg in Abessinien in den 1930ern mit seinem Giftgaseinsatz – entstand im Vorfeld eines Films, für den der Künstler einmal mehr in mediale Frühgeschichte zurückgreift. Sein Animationsfilm wird in quasi neo-barocker Manier als anamorphotische Projektion gezeigt, als verzerrt gezeichnete Darstellung, die erst in einem passend gebogenen Spiegel lesbar wird. Die Tatsache jedoch, dass die unmittelbare, „reale“ Bildfläche, auf der die Darstellung in Rückprojektion sichtbar (wenn auch nicht verstehbar) wird, eine sich drehende Scheibe ist und die auflösende Spiegelfläche die Außenwandung eines Zylinders, das ist nicht nur formaler Gag. Es ist vielmehr schlagende Vergegenwärtigung der fortwährenden Wiederkehr geschichtlicher Strukturen. Der Kreislauf der Gewalt ist unauflöslich: What will come (has already come) (2007) kommentiert der Titel einigermaßen verzweiflungshaltig.

Noch eine Verquickung von medienhistorisch-spielerischem Interesse und inhaltlicher Aufladung. Zu den Vorfahren des Films gehört das Daumenkino, das ein (scheinbar) bewegtes Bild erzeugt durch das rasche Durchblättern der Seiten eines Büchleins. Second-Hand Reading (2013), noch so ein beziehungsträchtiger Kentridge-Titel, schmuggelt ins Vergnügen am simplen Trick eine tiefere Botschaft hinein: Wir sehen hier den Künstler durch das Atelier tigern, augenscheinlich auf der Suche nach einer zündenden Idee. Aber ebenso wenig, wie Kopf und Geist einfach neutral offen sind, ohne vorgefasste, gar verfestigte Strukturen, ebenso wenig sind die Seiten des Bildgrundes leer. Als solcher dient nämlich ein gedrucktes Buch. Dessen fremder Text ist jedoch nicht wirklich unbefangen erfahrbar, denn immer turnt die eigene Figur durchs Bild: Mit anderen Worten, wir bleiben unvermeidlich Gefangene der eigenen Gedanken und Gefühle, die wir nicht überspringen können. Wir kommen nur mit größter Mühe aus vorgedachten Strukturen heraus, unsere Wahrnehmung der Welt um uns herum bleibt notwendig ein „second hand reading“…

Der Künstler William Kentridge ist unübersehbar ein kluger Kopf; er ist Träger der Ehrendoktorwürde gleich mehrerer Universitäten, darunter diejenigen von London und Yale; in Harvard hielt er Gastvorlesungen. Seine besondere Qualität besteht darin, dass er aus einem großen Fundus von Wissen über Politik, Literatur und die ganze Bandbreite der Künste schöpfen kann und dabei doch nie in bloßer Gelehrsamkeit (oder gar Belehrungspose) verharrt. Das Augenmerk des grandiosen Zeichners gilt stets den Widersprüchen und Ungewissheiten, die für ihn Lücken sind, an denen der Betrachter ansetzen kann: mit den eigenen Erfahrungen.

Seine berufene Muse wäre, wenn es denn nur eine wäre, die der Geschichte. Die römischen Triumphs and Laments verwandeln Geschichte in ein Spiegelkabinett mehrfacher Brechungen: Kentridge stellt geschichtliche Ereignisse dar (manche davon aus der allerjüngsten Vergangenheit), bedient sich dafür geschichtlicher oder medialer Quellen und – noch einer weiteren Dimension! Um die zu erklären, müssen wir noch einen Blick auf die eingesetzte Technik werfen: Der Künstler machte aus seinen Zeichnungen Schablonen in voller Größe, um die herum per Hochdruckreiniger die von der Patina der Zeit geschwärzten Travertinmauern freigelegt wurden. Also noch eine Art von Tonwertumkehrung: Dunkel vor hellem Grund, eine fantastische Prozession von Gestalten in rasendem Lauf oder mit tastenden Bewegungen vor dem brüchigen Hintergrund der Geschichte. Und auch dieser Zug wird seinerseits vergehen, wird Geschichte werden, wenn nämlich die Überflutungen des Tibers und die Abgase der Stadt das Mauerwerk erneut einschwärzen. In den fünf Jahren ihres Bestehens sind die Bilder schon deutlich verblasst oder vielmehr wieder eingesunken in den Hintergrund, aus dem sie für einen kurzen, allzu kurzen Moment auftauchen konnten.


Auf einen Blick

Ausstellung

William Kentridge. Why should I hesitate: Putting Drawings to Work

Ort: Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst, Deichtorstraße 1–2, 20095 Hamburg

Dauer: bis 1. August 2021

Internet: https://www.deichtorhallen.de/ausstellung/william-kentridge

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Profile

Die Deichtorhallen Hamburg in Hamburg-Altstadt zählen zu den großen Ausstellungshäusern für zeitgenössische Kunst und Fotografie in Europa. Die beiden historischen Hallen mit ihrer offenen Stahlglasarchitektur wurden von 1911 bis 1913 gebaut und stehen auf geschichtsträchtigem Boden: Ursprünglich lag dort der Berliner Bahnhof – das Gegenstück zum Hamburger Bahnhof in Berlin. In der Folge wurde dort der Deichtormarkt betrieben. Nach dem Umzug des Großmarktes wurden die Deichtorhallen von 1963 bis 1984 als Blumengroßmarkt genutzt. Anlässlich des 800. Hafengeburtstags 1988 wurden die durch die Finanzierung der Körber-Stiftung restaurierten Hallen der Stadt Hamburg übergeben. Seither werden sie von der Deichtorhallen Hamburg GmbH betrieben mit dem Zweck, die bildende Kunst insbesondere des 20. und 21. Jahrhunderts zu pflegen.

[Exterior view of the Hall for Contemporary Art.
Photo: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg
© Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg]

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