Ausstellung

„Vom Auf- und Abstieg“

Im Sommer 2018 dreht sich im Ruhrgebiet alles um den Ausstieg aus der Steinkohlenförderung. Mit der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop wird im Dezember die letzte deutsche Steinkohlen-Zeche geschlossen und eine über 200-jährige Geschichte geht zu Ende. Das Ruhrgebiet ist maßgeblich durch die Steinkohleförderung sowie die sich parallel entwickelnde Stahlindustrie geprägt: von den Veränderungen der Landschaft, dem Wachstum der Städte, aus deren Silhouetten die Fördergerüste und Schornsteine nicht wegzudenken sind, bis hin zum Alltagsleben und den Klischees vom Ruhrgebietskumpel, den Trinkhallen und der Currywurst.

Auch die vielfältige Kunst- und Kulturszene in der Region ist eng verbunden mit der wirtschaftlichen Stärke der Montanindustrie und dem Mäzenatentum der Bürgerschaft und Großindustriellen. Schon 1902 eröffnete Karl Ernst Osthaus das Folkwang-Museum in Hagen, dessen Konzept allen Menschen den Zugang zur Kunst ermöglichen sollte. Mit den sogenannten Wirtschaftswunderjahren ab den 1950er-Jahren kam es auch zu einem wiedererstarkten Interesse an Kunst und Kultur im Ruhrgebiet und viele der heutigen 20 RuhrKunstMuseen wurden in diesen Jahren gegründet (z. B. Museum Ostwall in Dortmund 1947; Kunsthalle Recklinghausen und Kunstmuseum Gelsenkirchen 1950; Kunstmuseum Bochum 1960).

Der Verbund der RuhrKunstMuseen nimmt das Ende der Steinkohleförderung zum Anlass für das große städteübergreifende Ausstellungsprojekt „Kunst & Kohle“. In 17 Museen in 13 Städten der Metropole Ruhr werden von Mai bis September 2018 zeitgleich künstlerische Positionen gezeigt, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema „Kohle“ auseinandersetzen. Auch das Märkische Museum Witten – welches schon 1911 als historisches Heimatmuseum vom Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark, Witten e.V. eröffnet wurde, im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden durch einen Bombenangriff 1944 erfahren hat und 1952 mit Schwerpunkt als Kunstmuseum wiedereröffnet wurde – ist Teil des Ausstellungsprojektes „Kunst & Kohle“. Im Gegensatz zu anderen Ausstellungen des Projektes, die sich dem Material Kohle selbst oder der Farbe Schwarz widmen, hat das Museum in Witten drei ganz unterschiedliche Künstler eingeladen, sich mit dem Thema Bergbau, dem damit einhergehenden sozialen und gesellschaftlichen Wandel und den globalen Problematiken auseinanderzusetzen. In den sechs Wechselausstellungräumen des Museums sind Skulpturen und Installationen der beiden Bildhauer Olaf Metzel (geb. 1952) und Clemens Botho Goldbach (geb. 1979) sowie Fotografien des Ukrainers Alexander Chekmenev (geb. 1969) zu sehen.

Gleich im ersten Raum stößt der Besucher auf die Arbeit „Plattenbau“ (2016) von Olaf Metzel. Stahlträger und bedruckte Aluminium-Platten türmen sich hier zu einem Werk auf, das auf beeindruckende Weise von brachialer Gewalt und Zerstörung geprägt ist. Die Stahlträger sind verbogen, geknickt und abgebrochen, in die Grundstruktur hinein sind gefaltete Aluminiumbleche gezwängt, bedruckt mit Fotografien von modernistischer Wohnarchitektur (= Plattenbauten). Metzel setzt sich mit der steigenden Wohnungsbauproblematik auseinander. In vielen Städten – so auch im Ruhrgebiet – herrscht ein Mangel an bezahlbaren Wohnraum und die Immobilienspekulationen nehmen zu. In der zweiten Arbeit, die Olaf Metzel direkt für die Ausstellung in Witten konzipierte, steht ebenso ein aktuelles Thema im Mittelpunkt: In der Installation „Tafelrunde“ (2018) wird Bezug auf den Skandal um die „Essener Tafel“ im Frühjahr 2018 genommen, bei dem der Vereinsvorsitzende verkündete, einen Aufnahmestopp für Ausländer zu verhängen. Metzel ließ Zeitungsartikel darüber und Ausschnitte von Werbeprospekten auf Aluminiumbleche drucken, die er zu großen Einkaufstüten faltete. Diesen Tüten gruppiert er um zwei Stehtische, die mit einer glänzenden Decke aus Aluminium überzogen sind, was an Arrangements bei teuren Empfängen erinnert. Mit der Arbeit „Tafelrunde“ will der Künstler den Betrachter auf die Diskrepanzen zwischen unserer Konsumgesellschaft, in der wir ständig dazu angeregt werden, immer mehr zu kaufen, und den sozial abgehängten Teilen der Gesellschaft aufmerksam machen. Auch die Debatte um die „Essener Tafel“ ist nur ein Symptom dieser ungleichen Verteilung in unserer Gesellschaft. In seiner typischen radikalen Weise stößt Olaf Metzel die Besucher auf die sozialen Missverhältnisse, gibt ihnen aber keine Lösungsvorschläge vor, sondern entlässt sie mit ihren eigenen Gedanken aus der Kunstwelt ins reale Leben zurück.

Der Düsseldorfer Künstler Clemens Botho Goldbach hat sich mit der Architektur des Steinkohlenbergbaus über und unter Tage auseinandergesetzt. Begonnen hat alles mit einer Grubenfahrt im September 2017 in die letzte noch in Betrieb befindliche Steinkohlenzeche Prosper-Haniel in Bottrop. Beim Gang durch die Stollen angesichts der großen Abbaumaschinen, die sich Stück für Stück ihren Weg durch das Gestein fräsen und der unglaublichen Infrastruktur, die die Kohleförderung erst möglich machte, kam ihm die Idee, sich intensiver mit der Architektur des Bergbaus und der dort vorgefundenen Ästhetik auseinanderzusetzen. Insbesondere die Konstruktion der Stollenarchitektur mit ihren skulpturalen Eigenschaften, die Symbiose der rohen Kraft der Natur mit dem kühlen Charakter der Maschinen, die klimatischen Verhältnisse über 1000 Meter in der Tiefe und der schwarze Kohlestaub, der sich wie eine Decke über alles legt, haben ihn nachhaltig beeindruckt. Den Ausgangspunkt für jede Arbeit von Clemens Botho Goldbach bildet eine intensive Recherche. In Büchern, Zeitschriften und im Internet sucht er nach Bild- und Textmaterial, welches er auf schwarzen Siebdruckplatten präsentiert. Die Arbeit „ARCHIV KOHLE“ zeigt ein Konglomerat aus Fotos, historischen Stichen aus einem alten Bergbaulehrbuch, Plänen und Büchern rund um den Bergbau. Eine der zwei Tafeln behandelt die Welt unter Tage, die andere die Bergbauarchitektur über Tage. Mit der Installation „AUSBAU“ bringt Goldbach die Welt unter Tage in den Ausstellungsraum. Grundlage sind die Stützkonstruktionen im Grubenausbau (auch einfach „Ausbau“ genannt), die im Bergbau das Absichern und Offenhalten von Räumen gewährleisten. Goldbach faszinieren die skulpturalen Eigenschaften dieser Konstruktionen, die für den Bergbau existenzieller Bestandteil sind und in denen auch heute noch das Naturmaterial Holz eine wichtige Rolle spielt. Für seine Arbeit „AUSBAU“ hat er eine eigene Konstruktion in den Ausstellungsraum eingesetzt. Ein halber Rundbogen aus Holz nimmt fast komplett einen der sechs Wechselausstellungsräume des Märkischen Museums Witten ein. Bei seinen Bauten geht es dem Künstler nicht um einen exakten Nachbau, sondern um eine referenzielle Annäherung an das, was die Stollenbauten ausmacht. Die Installation im Museum ist jeglicher Funktionalität enthoben.

Der dritte in der Ausstellung „Vom Auf- und Abstieg“ vorgestellte Künstler ist der ukrainische Fotograf Alexander Chekmenev. Seit Mitte der 1990er-Jahre dokumentiert und veranschaulicht Chekmenev Leben und Alltag der Kohlenarbeiter im Donbass, dem großen Steinkohlenabbaugebiet beiderseits der ukrainisch-russischen Grenze. Dort lebt er mit den Arbeiterinnen und Arbeitern und begleitet sie mit seiner Kamera bei ihrem illegalen und gefährlichen Broterwerb in den Minen oder über Tage. In zwei Ausstellungsräumen veranschaulichen eindringliche, analog fotografierte Schwarz-Weiß-Bilder die Härte der dortigen Lebensumstände, belegen aber auch die unterschwellige Schönheit und Außerordentlichkeit von Mensch und Landschaft. Zudem weist Chekmenev in seinen Fotografien auf Zusammenhalt und Lebensfreude hin: Es wird nicht nur gemeinsam gearbeitet, sondern auch gemeinsam gefeiert und in allen Lebenssituationen unterstützt man sich gegenseitig. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden mehr als die Hälfte der Zechen im Donbass geschlossen und die dort lebenden Menschen ihrem Schicksal überlassen. Viele Menschen verließen die Region, um anderswo ihr Glück zu suchen, einige Kohlearbeiter aber blieben und bauten in selbst gesicherten, illegalen Bergwerksgruben mit Hammer und Meißel weiterhin Steinkohle ab. Mit der Position von Alexander Chekmenev wird in der Ausstellung eine zeitliche und geografische Brücke vom historischen und gegenwärtigen Ruhrgebiet ins globale Geschehen geschlagen. Es wird deutlich, dass der Kohlenbergbau und die damit verbundenen Lebensbedingungen kein Phänomen des Ruhrgebietes allein sind. Weltweit sind unzählige Menschen von diesem Industriezweig abhängig und arbeiten unter prekären Bedingungen. Die globale Wirtschaft ist auf billige Kohle angewiesen, um den stetig wachsenden Energiebedarf zu decken. Leidtragende sind jedoch oft die Arbeiter, die mit ihrem Leben für den Reichtum der Industrienationen bezahlen.

Auf einen Blick

Ausstellung: Vom Auf- und Abstieg
Zeitraum: bis zum 16. September 2018

Ort/Adresse:
Märkisches Museum Witten
Husemannstraße 12, 58452 Witten
T +49 (0)2302 581-2550

Öffnungszeiten:
Mi, Fr, So 12.00–18.00 Uhr
Do 12.00–20.00 Uhr

E-Mail: maerkisches-museum@stadt-witten.de

Internet: www.maerkisches-museum-witten.de

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Das Märkische Museum Witten verfügt über eine Sammlung mit rund 5.000 Werken deutscher Malerei und Grafik des 20. Jahrhunderts. Einen Schwerpunkt bildet das deutsche Informel. Die wichtigsten Protagonisten, wie zum Beispiel K.O. Götz, Peter Brüning, Winfred Gaul, Gerhard Hoehme, Emil Schumacher, Fred Thieler und viele andere, sind in der Sammlung vertreten. Das Museum spiegelt die Entwicklungen der Abstraktion in der Kunst in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wider. Ein ausgesuchter Bestand an Werken der Expressionisten bildet den Grundstock der Sammlung. Neben den wechselnden Sammlungspräsentationen stellen die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst einen weiteren Schwerpunkt des Hauses dar. Hierbei werden aktuelle Entwicklungen der deutschen und internationalen Gegenwartskunst vorgestellt.

[Foto: Jörg Fruck]

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