Ausstellung

Vision und Spektakel

Brisante Träume: Die Künste auf den Weltausstellungen

Ein großer Auftritt: In dramatischer Schräglage sprengt Robert Delaunays Gemälde mit den gewaltigen Ausmaßen von zehn mal fünfzehn Metern beinah den zentralen Dom des Marta Herford, des nicht minder dramatischen Museumsbaus von Frank Gehry. Die typischen Motive des Künstlers in strahlenden Pastellfarben: konzentrische Kreissegmente, einander überlagernd und überschneidend, leuchtende Aureolen, ein gegenständliche Referenz in Form eines Flaschenstilllebens, eine organisch aufblühende Rundform, bei der man an den Schirm einer Qualle oder – an einen herabschwebenden Fallschirm denken mag.

Und weiter gegenständlich: Von rechts schnaubt, in die Rasanz betonender Untersicht, eine Dampflokomotive heran. Über allem spannt sich ein Ausschnitt des Eiffelturms. Die technische Bogenform antwortet den abstrakten Kreisen (oder umgekehrt), die Symmetrieachse gespiegelter Halbkreise entspringt dem Schornstein der Lokomotive und, beide, Bauwerk und Maschine, kulminieren in einer gemeinsamen Pyramidenform. Zerfall und schnelle Bewegung, simultane Ereignisse, die sich überstürzen: Der hektische Atem der technischen Moderne klingt, summt, brodelt aus diesem Werk – das aber nicht für ein Museum oder einen anderen Kunstort geschaffen wurde. Nein, Delaunay konzipierte sein Riesengemälde Air, fer, eau für die Weltausstellung, die in Paris 1937 stattfand, zu Füßen des darauf dargestellten Eiffelturms (seinerseits ein Relikt der Weltausstellung von 1899). Montiert war das Bild an der Stirnseite der „Halle der Verkehrsnetze“. Der Künstler und seine Ehefrau Sonia gestalteten gemeinsam die Pavillons der Eisenbahn und der Luftfahrt. Die Inszenierung mit realen Lokomotiven und Flugzeugen (teilweise an Seilen von der Decke schwebend und mit kurvigen Laufstegen umwunden) verband Wandbilder und die technischen Objekte zu einer Feier des Fortschritts: Kunst und Technik als zwei Aspekte eines optimistischen Zukunftsglaubens. Dieser Optimismus ist schal geworden – Delaunays Gemälde, aufgerollt in muffigen Archiven, hat die Jahrzehnte seither mehr schlecht als recht im Dornröschenschlaf überstanden. Der aber ist nun beendet, denn das frisch restaurierte – und tatsächlich seit 1937 nie wieder gezeigte – Riesenbild markiert den furiosen Auftakt eines Ausstellungsprojekts, das sich die Weltausstellungen unter dem Blickwinkel der dort gezeigten Kunst vorgenommen hat.

Installation im Palais de l’Air, entworfen von Félix Aublet und Robert Delaunay, Paris 1937; S/W-Fotografie
© Centre Pompidou, Bibliothèque Kandinsky, Fond Delaunay, Paris; bpk/CNAC-MNAM, für Aublet: © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Bruno Descout

Zwei Museen kooperieren dabei: Das Marta in Herford und das Kunstmuseum in Ahlen. Weltausstellung: Das hieß seit 1851 zunächst einmal Industrieprodukte, zu denen sich aber sehr bald Kunsthandwerk und auch Kunst gesellten. Darauf zielt das Konzept der Doppelausstellung. Der im Dom des Marta errichtete Aussichtsturm ermöglicht den besseren Blick auf Delaunays gewaltiges Gemälde, aber er ist vielleicht auch ein Aussichtspunkt im übertragenen Sinne, denn die Geschichte aller bis heute etwa 50 Weltausstellungen würde den Rahmen sprengen. Die Westfalen erzählen bildgewaltig mit fünf Weltausstellungen – kurz: Expos – eine spannende Geschichte: Paris 1937, New York 1939/40, Brüssel 1958, Montreal 1967 und schließlich Osaka 1970. Die Daten sind gespiegelt um den Zweiten Weltkrieg, der drastisch zeigte, dass die mit den Weltausstellungen bis dahin stets verbundene technologiegestützte Zukunftsfreudigkeit Risse bekommen hatte: Das Flugzeug, das Delaunay 1937 noch hymnisch mit seiner Kunst feierte, wurde mit dem Luftkrieg zum Instrument der Zerstörung schlechthin. Über die betrachtete Zeitspanne von gut dreißig Jahren veränderte sich die Welt in technologischer, politischer und kultureller Hinsicht – und das lässt sich ablesen an den im Zusammenhang der Expos gezeigten Kunstwerke. Dokumentarische Filmabschnitte reizen unsere (auch mal amüsierte) Schaulust und versetzen uns in diese längst vergangenen Spektakel. Themen wie Technik und Utopie, Atom und Kosmos oder Menschenbild und Demokratie zeigen sich in Fotografien, Filmausschnitten, und Kunstwerken. Und nicht zuletzt in Souvenirs wie einem Spazierstock (Brüssel 1958), dessen Schaft mit den Flaggen der teilnehmenden Nationen dekoriert und dessen Griff abschraubbar ist: Zum Vorschein kommt ein eingebauter Kugelschreiber, mit dem der Besucher seine neuen Eindrücke notieren mochte … Die beiden Häuser setzten ihre Schwerpunkte unterschiedlich. Das Herforder Marta lässt die historischen Ausstellungen kommentieren von Werken unserer Tage und ermutigt so den kritischen Blick. Im Kunstmuseum Ahlen hingegen hat man eher die kulturgeschichtliche Aufarbeitung der Expos im Auge.

Eric Schaal, Salvador Dalí and Gala in the ticket office of the "Dream of Venus" pavilion at the New York World Fair of 1939
© Salvador Dali, Fundacio Gala Salvador Dali/Foto: Eric Schaal/© VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Le Corbusier, Philips Pavillon, Weltausstellung, Brüssel 1958
© Fondation Le Corbusier, Paris, VG Bild-Kunst Bonn 2018, Foto: Ralf Alberto

Kolbe, Georg, Verkündigung P85, 1934/35, Bronzeplastik, 65 cm hoch, Georg Kolbe Museum Berlin
Foto: Markus Hilbich, Berlin

Verblüffend zu beobachten, dass die Autonomie der Kunst, ihre Unabhängigkeit von Auftraggebern, die konstitutiv für das Selbstverständnis der künstlerischen Moderne war, auf den Weltausstellungen stillschweigend ausgehebelt wird. Noch einmal Paris 1937: Die Einbettung von Delaunays Gemälde in die Flugzeugschau wurde schon erwähnt, während Picasso sein Kriegsbild Guernica mit explizit politischer Zielrichtung im baskischen Pavillon zeigt. Die Konfrontation des deutschen und des sowjetischen Pavillons in der Architektur wiederholt sich in den gezeigten Kunstwerken: das einschüchternd wirkende Ensemble Kameradschaft von Josef Thorak hier, die gigantische Gruppe eines Arbeiters (mit Hammer) und einer Kolchosbäuerin (mit der Sichel) von Wera Muchina dort. In beiden Fällen begegnet uns ein ideologisch überhöhtes Menschenbild: Kunst ist Bestandteil staatlicher Propaganda. Dann ein erstaunlicher Widerspruch: Gleich bei zwei direkt aufeinander folgenden Expos, derjenigen von Barcelona 1929 und der von Paris 1937, stehen an prominenter Stelle in den deutschen Pavillons Plastiken von Georg Kolbe, trotz des in der Zwischenzeit stattgehabten Bruch zwischen der Weimarer Republik und Nazi-Deutschland. Die Ausstellung in Ahlen zeigt beeindruckend viele Originale, Kolbe beispielsweise, während bei Guernica (heute in Madrid) und Muchinas Edelstahlplastik Fotos genügen müssen (kürzlich restauriert, stürmt das seinerzeit auf 24 Eisenbahnwaggons verteilte Heldenpaar heute in Moskau voran in eine glorreiche Zukunft).

In Osaka 1970, der letzten der in der Doppelausstellung behandelten Expos, haben sich die Künste gelöst vom offiziellen Feierprogramm. Ungeachtet des Mottos Fortschritt und Harmonie für die Menschheit hatten sich viele Künstler vom Optimismus dieser Ansage entfernt und vermittelten ein kritischeres Menschenbild. Umweltzerstörung, Krieg und Armut fanden ihren Weg in die Hochglanzschau. Noch ein neues Phänomen: Die klassischen Bildkünste traten in den Hintergrund zugunsten multimedialer Techniken. Ein bemerkenswerter Vorläufer war der Pavillon der Firma Philips in Brüssel 1958. Unter dem Atomium (auch heute noch an Ort und Stelle) hatte Le Corbusier ein metallisch glänzendes, zeltförmiges Bauwerk entworfen. Drinnen umschloss ein „elektronisches Gedicht“, eine Multimediaschau aus Licht, Farben und Klängen, den Besucher. Die Idee eines immersiven Kunstwerks, so innovativ sie war, bediente freilich auch den jahrmarktsmäßigen Aspekt, der diesen aufwendigen Inszenierungen der „Welt an einem Ort“ stets eigen war.

Die Kunst auf den Weltausstellungen ist zumeist Teil einer nationalen Selbstdarstellung (offenbar ohne dass die Künstler mit dieser Vereinnahmung Probleme hatten) und dient ebenso kommerziell-werblichen Interessen. Der Philips-Konzern war einer der Marktführer auf dem Gebiet der immer wichtiger werdenden Unterhaltungselektronik, der mit Corbusiers Bau und der medialen Performance darinnen hochkulturelle Weihe zuteil wurde. 1939 in New York stellte der Pavillon des Auto- und Technologiekonzerns General Motors den US-amerikanischen Nationalpavillon an Größe und formaler Schlagkraft weit in den Schatten.

GM‘s Highways and Horizons war eine Zukunftsvision Amerikas. Die Autobauer hatten dafür alle Register gezogen und ließen die Besucher auf beweglichen Sitzen über das riesige (teilweise animierte) Modell einer Stadt im fernen Jahre 1960 schweben. Die World of Tomorrow (im zentralen Kuppelbau Perisphere) versprach ganz ähnlich das hedonistische Glück einer Konsumgesellschaft. Bequemlichkeit offerierten die im finnischen Pavillon gezeigten Sperrholzmöbel von Alvar Aalto. Sie wurden in der Folge zu Inkunabeln der Designgeschichte, wohingegen der skurrile Pavillon Traum der Venus, den der Surrealist Salvadore Dali entworfen hatte, ästhetisch sich irgendwo zwischen Erotikschau und Geisterbahn bewegte: „Tretet ein, tretet ein, Menschen jedweder Herkunft und Rasse, Opfer der Realität! Ihr, die ihr nach Träumen dürstet.“ Sicher amüsant, aber doch auch ein Zeichen dafür, dass sich die freien Künste für gesellschaftliche Utopien nicht mehr zuständig fühlten.

Der Blick auf die aktuellen Beiträge im Marta macht deutlich, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat.

Auf einen Blick

Kooperationsausstellung: Brisante Träume – Die Kunst der Weltausstellung
Dauer: Bis 10. Februar 2019
Ort: Marta Herford, Goebenstraße 2–10, 32052 Herford

www.marta-herford.de

 

Kooperationsausstellung: Brisante Träume – Die Kunst der Weltausstellung
Dauer: Bis 10. Februar 2019
Ort: Kunstmuseum Ahlen gGmbH, Museumsplatz 1, 59227 Ahlen

www.kunstmuseum-ahlen.de

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Profile

Das Marta Herford ist ein international ausgerichtetes Museum für zeitgenössische Kunst mit besonderem Blick auf die Bezüge zu Architektur und Design. Frank Gehrys Museumsbau wurde unter Gründungsdirektor Jan Hoet im Mai 2005 eröffnet. Mit seinen fließenden und kippenden Wänden gilt das Marta im ostwestfälischen Herford eines der ungewöhnlichsten Museumsbauwerke weltweit. Seit 2009 präsentiert Museumsdirektor Roland Nachtigäller mit seinem Team ein abwechslungsreiches Programm aus zeitgenössischer Kunst, architektonischer Spurensuche und grundsätzlichen Fragen an das Design.

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