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Sheela Gowda im Lenbachhaus München

Sie arbeitet mit Fäden und Steinen, Abdeckplanen und Teerfässern, aber auch mit Kokosfasern, Haaren, Kumkum-Pulver und Kuhdung: Für ihre raumfüllenden Installationen verwendet Sheela Gowda (*1957 in Bhadravati, Indien) landesspezifische Materialien, die durch ihre Beschaffenheit, ihre Farbe oder ihren Geruch eine narrative Atmosphäre erzeugen und zugleich metaphorische Kraft entfalten.

So verbinden sich Vorstellungen von Handwerk und Alltagsgebrauch mit poetischer Aufladung und beziehen sich ebenso auf das städtische wie auf das ländliche Leben in Indien. Das Lenbachhaus in München zeigt derzeit die erste museale Einzelausstellung von Sheela Gowda in Deutschland unter dem Titel „Sheela gowda. It.. matters“. Sie ist bis zum 18. Oktober 2020 zu sehen und findet in Verbindung mit dem Maria-Lassnig-Preis statt, der der Künstlerin im Jahr 2019 verliehen wurde.

Arbeitsbedingungen, Produktionskreisläufe, urbane Infrastruktur, traditionelles und modernes Leben sind Themen in Sheela Gowdas Kunst. Sie spürt die Materialien auf, die diese Themen repräsentieren, und setzt sie in Werke mit narrativem und assoziativem Bezug um. Dabei erzählen die Materialien und ihr gestalterischer Einsatz Geschichten, die mit kultisch-spirituellem Gebrauch einerseits und mit dem wirtschaftlich-funktionalen Nutzen ihrer Verwertung anderseits zusammenhängen. Fragen nach Arbeitsleistung sind den Werken ebenso eingeschrieben wie die Rituale des täglichen Lebens in vorindustriellen und heutigen Traditionen.

Sheela Gowda studierte in den Jahren 1974 bis 1982 Malerei an verschiedenen Hochschulen in Bengaluru, Baroda und Santiniketan und schließlich von 1984 bis 1986 am Royal College of Art in London, das sie mit dem Master of Arts abschloss. Als sie Ende der 1980er-Jahre nach Indien zurückkehrte, hatte sich die Politik ihrer Heimat zu einem konservativen Nationalismus gewandelt, in dessen Folge gesellschaftliche und religiöse Auseinandersetzungen schärfer wurden. In den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren arbeitete Sheela Gowda mit Ölmalerei, die ihre späteren Themen bereits enthielt: Das Alltagsleben der indischen Mittelschicht, Konflikte von Frauen im Arbeits- wie privaten Leben sowie über die Medien vermittelte Bilder politischer und sozialer Spannungen waren früh Gegenstand ihres gesellschaftskritischen Denkens. Als sie die figürliche Ölmalerei zunehmend als unzureichend empfand, begann ihre Suche nach Mitteln und Materialien, die ihren Aussagen deutlicher entsprachen. Ab 1992 setzte sie Kuhdung als gestalterisches Mittel zunächst für Bilder, dann auch räumlich-installativ ein, bevor sie sich anschließend neuen Materialien zuwendete.

Kuhdung als künstlerisches Material geht für Sheela Gowda mit politischem Bewusstsein einher: Die im hinduistischen Indien als heilig verehrte Kuh wird von der derzeitigen Regierung als Mittel instrumentalisiert, um einem Hindu-Nationalismus neue Nahrung zu geben, der in den frühen 1990er-Jahren die politische Bühne betrat. Gowda verleiht dem allgegenwärtigen Dung von Kühen durch ihren künstlerischen Einsatz neue Brisanz. „Seit ihrer Kindheit auf dem Land waren ihr Kühe und der Umgang mit Kuhdung vertraut und sie machte das Material nun selbst zum Inhalt ihrer Kunst“, erläutert der Text im Begleitheft zur Ausstellung. „Zunächst blieb sie der zweidimensionalen Leinwand treu und trug den feuchten Dung wie Farbe auf den Juteträger auf. Es lag darin für sie keinerlei Provokation, sondern sie erkannte im Gegenteil die Nützlichkeit für ihre künstlerische Aussageabsicht. Der Dung vereint in sich Material und Inhalt, als Synthese der realen Präsenz des plastischen Materials mit gedanklicher Symbolik in einem einzigen Wahrnehmungsvorgang.“

Sheela Gowda Untitled, 1992, Ausstellungsansicht / Installation view Lenbachhaus, 2020, Foto / photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer © Sheela Gowda

Sheela Gowda, Untitled, 1992, Ausstellungsansicht / Installation view Lenbachhaus, 2020
Foto / photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer, © Sheela Gowda

Sheela Gowda Making of

Sheela Gowda, Making of "And ...", 2007
© Sheela Gowda

Sheela Gowda Untitled, 1992, Ausstellungsansicht / Installation view Lenbachhaus, 2020, Foto / photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer © Sheela Gowda

Sheela Gowda, Untitled, 1992, Ausstellungsansicht / Installation view Lenbachhaus, 2020
Foto / photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer © Sheela Gowda

Sheela Gowda Darkroom, 2006, Ausstellungsansicht / Installation view Lenbachhaus, 2020, Foto / photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer © Sheela Gowda

Sheela Gowda, Darkroom, 2006, Ausstellungsansicht / Installation view Lenbachhaus, 2020,
Foto / photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer, © Sheela Gowda

Die Ausstellung zeigt mehrere Werkphasen: Am Beginn stehen die ersten Kuhdung-Gemälde von 1992. Sie werden hier erstmals in Europa gezeigt und wurden im Vorfeld aufwendig restauriert. Installationen aus Teerfässern, Gewürzmahlsteinen, Haar, Holz sowie Medienbilder führen Gowdas künstlerischen Weg fort. Ihre neueste, eigens für das Lenbachhaus geschaffene Arbeit aus Kuhdung bedeutet eine Wiederkehr von dessen Relevanz in der aktuellen innenpolitischen Konfliktsituation.

„Man lernt in der Ausstellung eine indische Künstlerin kennen und durch sie einiges über unsere Welt. Vieles, was in ihren Kunstwerken und den von ihr verwendeten Materialien steckt, betrifft nicht nur Indien – aber ihr Land und dessen Alltagsmaterialien sind der Ausgangspunkt für Sheela Gowda“, erläutert Eva Huttenlauch, Ausstellungskuratorin im Lenbachhaus. „Ihre Fragen sind weltumspannend und betreffen uns alle. Die globale Wirtschaft, die globale Industrie, das Verschwinden von kleinem Handwerk und von Werkstätten, die Umstellung auf riesige Produktionswege und -mechanismen und dadurch auch die Zerstörung bisheriger Infrastruktur – all das kommt in ihren Arbeiten zum Tragen (…). Sheela Gowda übersetzt diese Themen in eine abstrakte visuelle Sprache. Insofern ist diese Ausstellung nicht nur für ein Publikum aufschlussreich, das sich für Indien interessiert. Im Gegenteil: Gowdas Arbeiten sprechen eine internationale Sprache.“

Sheela Gowda war vertreten bei den Biennalen in São Paulo 2014, Gwangju 2014, Kochi 2012, Venedig 2009, Sharjah 2009, Lyon 2007 sowie bei der documenta 12, 2007. Einzelausstellungen fanden u.a. statt: 2019 im BombasGens, Valencia, und im HangarBicocca, Mailand; 2017 in der Ikon Gallery, Birmingham; 2015 im Para Site, Hongkong; 2014 in der daad Galerie, Berlin, im IMMA, Dublin, und im Centre international d’Art et du Paysage, Vassivière; 2013 in der Lunds Konsthall, Lund, und im Van Abbemuseum, Eindhoven, und 2010 im Office for Contemporary Art, Oslo. Die Ausstellung im Lenbachhaus kuratierte Eva Huttenlauch.

Ausstellung
Bis 18. Oktober 2020
Sheela Gowda. It.. Matters

Künstlerbuch
Sheela Gowda. It.. Matters
Eva Huttenlauch, Matthias Mühling (Hrsg.)
Texte von Evan Huttenlauch und Janaki Nair, geb., engl./dtsch., 184 S., 147 Abb., 21,5 x 26,4 cm, Steidl Verlag
ISBN 9783958297050

Kontakt

Städtische Galerie im Lenbachhaus
Luisenstraße 33
80333 München
Tel. +49-(0)89-23396933
www.lenbachhaus.de

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