Ausstellung

Faszination Papier

Die Möglichkeiten des Materials von Rembrandt bis Kiefer

Die Albertina in Wien beherbergt die weltweit größte Sammlung an Handzeichnungen, Druckgrafiken und künstlerischen Arbeiten auf Papier. Mit der außergewöhnlichen Ausstellung „Faszination Papier“ in der Basteihalle widmet sich das traditionsreiche Haus derzeit jenem Medium, das ihre Sammlung wie kein anderes auszeichnet: „Faszination Papier“ rückt erstmals das Material selbst ins Zentrum und beleuchtet anhand von rund 150 Exponaten seine vielfältigen künstlerischen Bearbeitungsweisen und Erscheinungsformen.

Birgit Knoechl OUT OF CONTROL_REVISITED - THE AUTONOMY OF GROWTH_0IV, 2006-2008/2020 355 × 458 × 155 cm, Tusche auf Papier ALBERTINA, Wien – Erwerbung aus Mitteln der Galerienförderung des BMUKK 2012 © Birgit Knoechl Foto: Thomas Gorisek / Bildrecht, Wien 2025

Birgit Knoechl, OUT OF CONTROL_REVISITED - THE AUTONOMY OF GROWTH_0IV, 2006-2008/2020 355 × 458 × 155 cm, Tusche auf Papier
ALBERTINA, Wien – Erwerbung aus Mitteln der Galerienförderung des BMUKK 2012 © Birgit Knoechl Foto: Thomas Gorisek / Bildrecht, Wien 2025

Papier eröffnet eine Fülle an Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung: Es lässt sich reißen, schneiden, prägen, falten, schneiden oder entfaltet sich im Raum.

Seit jeher haben die visuellen, haptischen oder strukturellen Eigenschaften von Papier zur künstlerischen Auseinandersetzung angeregt. Dabei ist Papier, das vor rund 2.000 Jahren in China erfunden wurde, nicht nur ein zweidimensionaler Bildträger für Zeichnungen und Druckgrafiken, sondern eröffnet selbst eine Fülle von Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung – es lässt sich schneiden, reißen, prägen, falten, schichten oder entfaltet sich im Raum. Die Ausstellung schöpft ausschließlich aus den reichen eigenen Beständen und zeigt in einem epochen- und sammlungsübergreifenden Dialog das Medium Papier in seiner Wandelbarkeit, seinen vielfältigen Qualitäten und Dimensionen. Über die Grenzen der Jahrhunderte hinweg begegnen sich historische und zeitgenössische Positionen: Bekannte Meisterwerke treten in Beziehung mit neu entdeckten, selten oder noch nie gezeigten Arbeiten und eröffnen neue Perspektiven auf die Sammlung. In zehn technischen und thematischen Kapiteln, die wie ein Parcours angelegt sind, lädt die Ausstellung zum Entdecken dieser faszinierenden Welt aus Papier ein.

Die Ausstellung beginnt mit dem Kapitel „Aus Schnitt“ mit verschiedensten Objekten aus geschnittenem Papier. Ein spätmittelalterliches Andachtsbild mit der Darstellung des Herz Jesu ist neben einem ebenso kleinen Werk von Lucio Fontana zu sehen: Beide eint der Schnitt ins Papier, der das Material körperlich auffasst bzw. räumlich erweitert. Japanische Katagami, die der Übertragung filigraner Muster auf Stoffe dienten, werden verschiedenen Scherenschnitten gegenübergestellt. Birgit Knoechl schneidet mit dieser Technik Papier zu eindrucksvollen großen dreidimensionalen Objekten, die scheinbar aus der Wand wuchern.

Das Kapitel „Eindrücklich und einprägsam“ präsentiert Objekte, bei denen das Papier durch Abdruck von einer beschlagenen oder perforierten Metallplatte oder mit Werkzeugen reliefartig geprägt worden ist. Spätmittelalterliche Schrotschnitte und jüngere Werke von Hans Bischoffshausen, Lucio Fontana, Alena Kučerová, Antoni Starczewski, Rebecca Salter und Günther Uecker veranschaulichen jene Techniken.

In der Albertina begegnen sich historische und zeitgenössische Positionen über die Grenzen der Jahrhunderte hinweg. Das Medium Papier in seiner Wandelbarkeit, mit seinen vielfältigen Qualitäten und Dimensionen tritt in einen sammlungsübergreifenden Dialog.

„Entfaltung im Raum“ vereint übergroße sowie dreidimensionale Arbeiten, darunter beeindruckende monumentale Druckgrafiken, die aus mehreren Einzelblättern zusammengesetzt sind, Dürers Ehrenpforte und Tizians Untergang des Pharaos im Roten Meer sowie eines der wenigen erhaltenen originalen Modelle aus dem Atelier von Adolf Loos. Ein sensationeller Neufund sind äußerst seltene „Modellbaubögen“ des Dürer-Zeitgenossen Georg Hartmann, der das Potenzial des Papiers entdeckte und Netze für Astrolabien, Taschensonnenuhren und Globen schuf, die als federleichte und preisgünstige Papierobjekte ihren Pendants aus Metall Konkurrenz gemacht hätten. Ein japanisches Leporello, dass in farbprächtigen Holzschnitten die berühmte, japanische Geschichte des Prinzen Genji erzählt, breitet sich auf 26 Meter Länge im Raum aus. Liddy Scheffknechts Pop-up-Konstruktion Living Room oder Angela Glajcars beeindruckende schwebende Terforation zählen zu den zeitgenössischen Werken, die gezielt zur Vertiefung der einzelnen Kapitel erworben werden konnten. Peter Sandbichler hat eigens für die Ausstellung seine raumgreifende Intervention Ornamentale Verschränkung entwickelt.

Rembrandt Harmensz. van Rijn Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen, 1630 5,3 × 4,7 cm, Radierung und Kaltnadel ALBERTINA, Wien

Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen, 1630 5,3 × 4,7 cm, Radierung und Kaltnadel
ALBERTINA, Wien

Das Kapitel „Die Welt im Überblick“ spannt den Bogen von historischen Karten wie dem Plan de Turgot von Paris oder einer neu entdeckten Karte von Hallstatt bis zur künstlerischen Aneignung von aeronautischen Karten durch Henriette Leinfellner. „Die Ferne ganz nah“ öffnet den Blick ins Weltall und reflektiert die jahrhundertealte Faszination für das Universum. Neben den beeindruckenden Sternkarten von Albrecht Dürer, Jean-Dominique Cassinis Monddarstellung, Anselm Kiefers großformatigem Holzschnitt Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir lädt ein aus Karton gebauter Apparat von Wendelin Pressl zur Betrachtung der Oberfläche des Mondes ein.

In den Kapiteln „Viele Teile – ein Ganzes und Anders, als es scheint“ ist genaues Hinschauen gefragt. Das Alphabet des Meisters E.S. setzt sich wie der Schriftzug von Payer Gabriel aus vielen Figuren zusammen, bei der kolumbianischen Künstlerin Johanna Calle ist es genau umgekehrt: Die gedruckten Buch – staben bilden das Motiv eines Baums. Augentäuschungen wie Peter Flötners Vexierbilder, Wenzel Hollars Landschaftskopf oder Thomas Demands Fotografien nach Papiermodellen scheinbar realer Räume prüfen unsere Wahrnehmung und stellen deren Zuverlässigkeit infrage.

Die Ausstellung weckt eine neue Faszination für das künstlerische Potenzial des vielfältigen Mediums Papier.

Im Kapitel „Kein Tag ohne Linie“ steht die künstlerische Disziplin und Leidenschaft für die Linie im Vordergrund. Claude Mellans Darstellungen mit nur einer Linie oder Martina Krestas Kreise verdeutlichen das zeitliche Moment künstlerischen Schaffens. Das Kapitel „Ich im Papier“ begreift das Medium als Ausdruck von Identität und Selbstreferenzialität. Rembrandts Selbstbildnisse, körperliche sowie autobiografische Spuren und Zeichen wie Yves Kleins ANT 88 oder Anna Barriballs Mirror machen das Papier zum Ort der Selbsterfahrung.

In „Papier in Bewegung“ laden schließlich faszinierende Objekte zum Interagieren ein – von seltenen moralischen oder anatomischen Klappbildern bis hin zu einem rotierbaren Spottbild auf die Kirche. Nachbildungen dürfen von den Besucher*innen ausprobiert werden. Nachgebaute Zoetrope, drehbare Trommeln mit Sichtschlitzen, können in Bewegung versetzt werden – eine Vorform des Films aus dem 19. Jahrhundert.

Günther Uecker Ohne Titel, 1989 69 × 50 cm, Prägedruck ALBERTINA, Wien / Bildrecht, Wien 2025

Günther Uecker, Ohne Titel, 1989 69 × 50 cm, Prägedruck
ALBERTINA, Wien / Bildrecht, Wien 2025

Der Ausstellungskatalog ist wie die Ausstellung in zehn Kapitel gegliedert. Jedes Kapitel wird durch einen kurzen Text eingeleitet, der die Perspektive auf die Objekte erläutert und verbindende Aspekte der jeweiligen Gruppen hervorhebt. In kurzen Beiträgen von den drei Kuratorinnen sowie weiteren Kurator*innen und Mitarbeiterinnen der Albertina werden die einzelnen Werke vertiefend behandelt. Die reiche Ausstattung beindruckt mit vielen bisher unpublizierten Kunstwerken und Spezialeffekten wie Seiten zum Ausklappen, einer Drehscheibe oder Katagami, deren filigraner und haptischer Qualität als Reproduktion in Laser-Cut nachgespürt werden darf. Avish Khebrehzadehs mehrschichtige Videoinstallation wird durch die Darstellung auf Transparentpapier im Katalog nachvollziehbar, ein Modellbaubogen einer spätmittelalterlichen Papiersonnenuhr kann als Beilage nachgebaut und dadurch verwendet werden. Somit vermittelt auch die Kataloggestaltung neue Perspektiven auf das Material Papier und möchte wie die Ausstellung dazu beitragen, den Blick auf die Sammlung zu erweitern und die Faszination der Besucher*innen und Leser*innen nicht nur für Papier als Trägermaterial von Zeichnung und Druckgrafik zu wecken, sondern auch für das künstlerisch vielfältige Material Papier.

Tizian Der Untergang des Pharao im Roten Meer, 1549 121 × 220 cm (zusammengesetzt aus 12 Blattern), Holzschnitt von 12 Platten ALBERTINA, Wien

Tizian, Der Untergang des Pharao im Roten Meer, 1549 121 × 220 cm (zusammengesetzt aus 12 Blattern), Holzschnitt von 12 Platten
ALBERTINA, Wien

Die Ausstellung der Albertina Wien vereint epochenübergreifend Werke aus der Grafischen Sammlung, der Architektursammlung und der Sammlung zeitgenössischer Kunst und schöpft aus diesem faszinierend reichhaltigen Fundus: Durch überraschende Gegenüberstellungen wird die Vielseitigkeit des Mediums Papier in Szene gesetzt.

Angela Glajcar 2014-061 Terforation, 2014 160 × 120 × 600 cm, Papier, gerissen, Halterung aus Metall und Kunststoff ALBERTINA, Wien. Schenkung Sasa Hanten, Köln/Wien, (a) Angela Glajcar Foto: Max Brucker
Angela Glajcar, 2014-061 Terforation, 2014 160 × 120 × 600 cm, Papier, gerissen, Halterung aus Metall und Kunststoff ALBERTINA, Wien. Schenkung Sasa Hanten, Köln/Wien, (a) Angela Glajcar Foto: Max Brucker
Anselm Kiefer Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir, 1997 268 × 398 cm, Holzschnitt, Emulsion, Acryl und Schellack auf Papier, Collage auf Leinwand ALBERTINA, Wien Foto: © Ulrich Ghezzi / Bildrecht, Wien 2025
Anselm Kiefer, Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir, 1997 268 × 398 cm, Holzschnitt, Emulsion, Acryl und Schellack auf Papier, Collage auf Leinwand ALBERTINA, Wien Foto: © Ulrich Ghezzi / Bildrecht, Wien 2025
Georg Hartmann Sonnenuhr in Kreuzform, 1529 45,9 × 19,2 cm, Holzschnitt ALBERTINA, Wien
Georg Hartmann, Sonnenuhr in Kreuzform, 1529 45,9 × 19,2 cm, Holzschnitt ALBERTINA, Wien

Auf einen Blick

Ausstellung
Faszination Papier – Rembrandt bis Kiefer
Bis 22. März 2026

Kontakt
Albertina
Albertinaplatz 1, 1010 Wien
Tel. +43-1-534830
www.albertina.at

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Profile

1776 gründete Herzog Albert von Sachsen-Teschen eine Grafiksammlung, die zusammen mit dem sie beherbergenden Palais 1919 als Museum für die Kunst von der Renaissance bis zur Gegenwart verstaatlicht wurde.

Die ALBERTINA ist heute bewusst als janusköpfiges Haus positioniert: Auf der einen Seite repräsentieren die renovierten und wieder mit Originalmöbeln ausgestatteten Prunkräume den fürstlichen Wohnstil der ehemaligen Habsburgerresidenz. Andererseits ist die ALBERTINA mit ihren großen Wechselausstellungen wie mit ihrer Dauerausstellung – Malerei der Moderne und der Gegenwart – ein modernes Museum.

© Albertina, Wien (Foto: Alexander Ch. Wulz)

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