Ausstellung

Was heißt hier schön?

Nachdenken über ein skandalöses Phänomen

Der Auftakt der Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist überraschend: Er wird markiert durch einen leibhaftigen (ok, ausgestopften) Pfau, der im Halbrund des Treppenaufgangs Wache hält, das Schweifrad zu voller Pracht entfaltet. Und oben angelangt, sieht man in einer animierten Projektion (eine Arbeit von Jill Fantauzza) große Vogelschwärme über die Wandfläche ziehen. Aber: Was machen die Tiere in einem Haus für Kunst und angewandte Gestaltung? Das Kuratorenteam Stefan Sagmeister und Jessica Walsh aus New York hat sich ein wahrhaft ausuferndes Thema vorgenommen: nichts weniger als die Schönheit! Sie scheuen dabei vor Provokationen nicht zurück und wählen einen essayistischen und locker assoziierenden Aufbau für ihr Projekt Beauty.

Es verdankt sich einer Kooperation des Hamburger MKG mit dem Frankfurter Museum für Angewandte Kunst und dem österreichischen Museum für Angewandte Kunst/Gegenwartskunst, Wien (MAK) und geht weit in die Geistesgeschichte zurück, ins Zeitalter der Wunderkammern. Diese Kabinette versammelten in Renaissance und Barock Objekte aus den Bereichen der Kunstschönheit, der Wissenschaften und eben auch der Natur. Von den Naturphänomenen aus ließ sich Schönheit erst definieren, denn die dabei zentralen Parameter der Ordnung ließen sich aus der quasi-natürlichen Mathematik ableiten. Die Kategorie der Schönheit freilich ist aus dem Diskurs der Moderne weitgehend verschwunden.

Sagmeister, als Grafikdesigner berufsbedingt buchaffin, und seine Mitstreiterin haben am Anfang des eigentlichen Ausstellungsparcours im Obergeschoss des Hauses Bücher aufgeschichtet: Stapel von Leerbänden zeigen, wie oft in Texten der Begriff „Schönheit“ auftaucht. In Zwanzigjahresschritten über die letzten beiden Jahrhunderte bis heute ergeben sich bemerkenswerte Ergebnisse: Um 1800 findet sich die maximale Häufung, um bis zur nächsten Jahrhundertwende allmählich abzuflachen. Dann aber zeigt die Häufigkeitskurve steil nach unten, der Tiefpunkt wird in den 1980er-Jahren erreicht. „Schönheit ist nicht in Mode“, konstatieren Sagmeister/Walsh im Katalogtext und fahren fort: „In der aktuellen Designszene versichert uns ein Großteil der angesehenen Gestalterinnen und Gestalter, nicht an Schönheit interessiert zu sein. Künstler vermeiden sie, um nicht in der Schublade ‚dekorativ‘ oder ‚kommerziell‘ zu landen.“ Das Fazit lautet denn auch: „Einst eine universelle Sehnsucht, endete das Streben nach Schönheit (…) in einer Bruchlandung“ (Ausstellungskatalog S. 5). Bei diesem deprimierenden Stand der Dinge möchte es Beauty aber nun keineswegs bewenden lassen. In einer lockeren Abfolge von Objekten, Texttafeln, Schaubildern, Rauminstallationen und interaktiven Stationen wird den Besuchern (und den Gestaltern!) nahegelegt, sich dem Schönen (wieder) zuzuwenden.

Und das heißt, erst einmal zu schauen, was überhaupt unser Urteil über schön und nicht-schön bestimmt. Anhand von drei Fotos, die einen palmengesäumten Strandabschnitt, eine Wiese im Gebirge und eine Savanne zeigen, werden Besucher (mithilfe kleiner Marken, Beigabe zur Eintrittskarte) zur Abstimmung aufgefordert: Welche Landschaft ist die schönste? Anschließend gibt es die Rückmeldung, dass die meisten Menschen eine bergige Landschaft bevorzugen, der Strand liegt überraschenderweise weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. Das deckt sich offenkundig nicht mit den für die Urlaubsreise mehrheitlich bevorzugten Zielen, wie tatsächlich besagte Vorlieben die von Erwachsenen sind. Kinder fühlen sich nämlich mehrheitlich von der savannenartigen Landschaft angezogen, eine Vorliebe, die offenbar evolutionspsychologisch erklärbar ist. Unsere prähistorischen Vorfahren sahen hier den Landschaftstypus, der die besten Überlebenschancen bot. Später wird das Urteil kulturell überformt.

Die Frage, ob die Schönheit Eigenschaft einer Sache ist (eines Objekts, einer Landschaft, eines Kunstwerks) oder ob sie im sprichwörtlichen Auge des Betrachters liegt, hat die Theoretiker der Ästhetik seit der Antike beschäftigt. Im ersten Fall müsste sie als quasi zeitlose Größe einfach nur wahrgenommen werden, im zweiten Fall aber würde sich die Bewertung mit den sich durch bestimmte Faktoren wandelnden Kriterien gleichfalls verändern. Die zweite Ansicht scheint eher der Wahrheit zu entsprechen, denn so sehr Sagmeister und Walsh auch bemüht sind, dem Besucher der didaktisch ambitionierten Schau objektive Kriterien an die Hand zu geben, so sehr fällt bei der ans Theoretische anschließenden Beispielsammlung aus den Beständen des Hauses – dem Schönheitsarchiv – auf, dass die ausgewählten Exponate, beispielsweise aus der Mode, unvermeidlich mit den sich im Laufe der Zeiten wandelnden Geschmäckern zusammenhängen.

Das gilt schon für die menschliche Figur selbst. Zwar ist bekanntlich Attraktivität ein entscheidendes Kriterium bei der Partnerwahl. Aber: Gilt schlank als idealschön (in Epochen des Überflusses) oder wird (in wirtschaftlichen Krisenzeiten etwa) mollig bevorzugt? Das jeweilige Schönheitsideal sagt also etwas aus, das von ihm selbst verschieden ist: Die gebräunte Haut kann vom Zwang erzählen, bei jedem Wetter draußen arbeiten zu müssen oder vom Luxus, sich ohne Zeitdruck um den eigenen Körper kümmern zu können. Entsprechend wird die Bewertung ausfallen. Ein Möbel kann kommunizieren, dass die Abstufung von sozialem Rang und entsprechender Körperhaltung wichtig ist oder dass es als erstrebenswert gilt, sich hinsacken zu lassen (vulgo chillen). Ein Auto kann suggerieren, dass ich am liebsten mit der (oder dem) Liebsten elegant gekleidet auf Grand Tour unterwegs bin (im leider nur als Maßstabsmodell gezeigten Jaguar E-Type beispielsweise) oder dass ich mit einem möglichst massiven Gefährt alle Widersacher in einer feindlichen Welt aus dem Weg schieben möchte – die Kriterien des jeweils Schönen werden sich entsprechend drastisch unterscheiden (falls man nicht gleich der dem eigenen Empfinden entgegengesetzten Option den Rang möglicher Schönheit ganz absprechen will …).

Die beiden Kuratoren sind nicht unbedingt profunde Theoretiker, aber gewiefte Gestaltungsprofis: Der 1962 in Bregenz geborene Sagmeister hat sich einen Namen als Typograf gemacht und führt mit Partnerin Jessica Walsh (*1986) seit 2012 in New York ein erfolgreiches Designbüro. Als Praktiker wissen sie, dass Schönheit gut ankommt, weil sie als angenehm empfunden wird und überdies, aus antiken Zeiten überkommen, latent mit dem Wahren und Guten verbunden ist. Ebenso aber auch, dass sich je nach Objekt und Zielgruppe die Kriterien der Schönheit unter Umständen massiv unterscheiden können: Der Begriff hat also ungeachtet aller Objektivierungsbemühungen (Wahrnehmungspsychologie und -physiologie folgend) auch stets die Eigenschaften eines Jokers, den ich demjenigen zuschiebe, das meinen (von anderswo kommenden) Bewertungen entspricht. Normative und deskriptive Definitionen von Schönheit überlagern sich unvermeidlich (und das schon in der gesamten Begriffsgeschichte). Die Stärke der Ausstellung liegt also nicht unbedingt in einer ausgefeilten und widerspruchsfreien Theorie des Schönen (die haben seit zweieinhalb Jahrtausenden auch die besten Köpfe vergeblich gesucht …), sondern in der Anregung zum Hinschauen: Ist es nicht erstaunlich, dass sich bereits frühe Menschen enorme Mühe machten, ihren rudimentären Werkzeugen nicht nur funktionale, sondern auch formale Qualitäten zu verleihen, mit einem Wort, dass sie auf Schönheit aus waren? Der schnöde Funktionalismus (Das Bauhaus! Der Internationale Stil! Die Münchner U-Bahn!) sind also, wen überrascht es, die Lieblingsfeinde von Sagmeister und Walsh. Und wirklich, eines der stärksten Exponate der Schau stammt von Clemens Gritl: Der Gegenstand der mehrteiligen Videoarbeit sind Pläne, die Le Corbusier in den 1920er -Jahren für Paris entworfen hatte. Sein Plan Voisin sah vor, die bestehende (unregelmäßige) Bebauung nördlich von Louvre und Ȋle de la Cité großflächig zu planieren und durch 18 in strengem Raster aufragende gigantische Hochhäuser von kreuzförmigem Grundriss für jeweils ca. 20.000 Bewohner zu ersetzen. Gritl lässt die seinerzeit (leider/zum Glück) nur bis zum Modell gediehenen Pläne des Großmeisters der architektonischen Moderne digital erzeugte Wirklichkeit werden: Er überblendet Filmaufnahmen des heutigen Paris mit fotorealistischen Ansichten der geplanten Bauten Le Corbusiers, die monströs dräuend über der uns bekannten Stadtsilhouette aufragen und den kompletten Louvre zum pittoresken Gartenhäuschen reduzieren.

Ist es tatsächlich möglich, so bleibt zu fragen, unter Berücksichtigung der Grundlagen menschlicher Wahrnehmung, allgemeingültige Regeln für das Schöne zu schaffen? Ist Natur schön? Ist Harmonie tatsächlich Kulturen übergreifend eine Grundbedingung, dass etwas als schön empfunden wird? Oder müsste man nicht doch eher dem Dichter Charles Baudelaire das letzte Wort überlassen? In einem (rätselhaften) Diktum postulierte der nämlich: „Le Beau est toujours bizarre!“*

 

*“Das Schöne ist immer bizarr!“, enthält also ein Moment der Störung


Auf einen Blick

Ausstellung
Bis 26. April 2020: Sagmeister & Walsh: Beauty

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag: 10.00–18.00 Uhr, Donnerstag: 10.00–21.00 Uhr, Donnerstag an oder vor Feiertagen: 10.00–18.00 Uhr

Katalog
Stefan Sagmeister | Jessica Walsh: Sagmeister & Walsh: Beauty. Schönheit als Schlüsselkonzept für die Gestaltung der Zukunft, brosch. i. Schuber, dt., 284 S. mit 377 farb. Abb., 17,1 x 24,1 cm, 2. Aufl., Verlag Hermann Schmidt, ISBN 9783874399227

Kontakt
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
20099 Hamburg

Internet
www.mkg-hamburg.de

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Profile

Mit rund 500.000 Objekten aus 4.000 Jahren Menschheitsgeschichte gehört das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) zu den bedeutendsten Museen für Kunst und Design. 1877 eröffnet verfolgt das MKG die große Erzählung menschlicher Kreativität und greift in spektakulären Sonderausstellungen aktuelle und kulturhistorische Themen auf. Schauen über Tattoos, Comics oder Animation, über Plastikmüll oder die Schattenseiten der Textilindustrie, über Modeikonen wie Coco Chanel und Alexander McQueen, das Design großer Produktmarken, über das Verhältnis von Tier und Mensch oder über die Rolle der Medien in Revolutionen machen das MKG zu einem der beliebtesten Museen Hamburgs.

[Foto: Marcelo Hernandez]

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