Buchtipp

Über Skulptur

Der britische Künstler Anthony Gormley gehört zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart. Eine aktuelle Publikation liefert erhellende Einblicke in seine Arbeitsweise und macht seine Gedanken zum Wesen und zur Geschichte der Skulptur nachvollziehbar.

Erst kürzlich machte Antony Gormley mit seiner Installation „Event Horizon“ (Ereignishorizont) in Hongkong auf sich aufmerksam. Mit 31 Figuren, die er auf verschiedenen Dächern in der Metropole platziert hat, möchte der Bildhauer die Wahrnehmung verändern und den Betrachter zum Nachdenken anregen – zum Nachdenken über die Welt, die wir durch den Bau von Städten geschaffen haben, und über unsere Beziehung zu dieser Welt mit ihrem Horizont, von dem wir meistens getrennt sind. „Es ist eigentlich eine Kleinigkeit, die ich gemacht habe. Es ist die Unterbrechung des Horizonts durch die relativ dunklen menschlichen Silhouetten“, erklärte er seine Arbeit gegenüber der Zeitung „Die Welt“. „Die Skulpturen bilden einen Kontrast zum erleuchteten Himmel. Sie erscheinen wie dunkle Löcher in Menschenform.“

Gormley arbeitet konzeptionell. Im Mittelpunkt seines künstlerischen Anliegens steht der menschliche Körper, der als Medium für Raum- und Welterfahrung in ein Koordinatensystem sozialer und ästhetischer Beziehungen eingebunden wird. In dem Buch „Anthony Gormley. Über Skulptur“ vermittelt der Künstler erstmals persönliche Gedanken über die Geschichte, die Idee und den Arbeitsprozess seiner Bildwerke. Es beruht auf einer Reihe von Vorträgen und Fernsehsendungen aus den Jahren 2009–2014. Am Beispiel von frühen Installationen wie „Re-arranged Desert“ (1979) bis hin zu aktuelleren Arbeiten, etwa „Expansion Field“ (2014), zeigt Gormley seinen Weg als Künstler. Der Leser erfährt, welche Fragen ihn trieben und treiben. Etwa wie er sich anfangs mit dem Problem auseinandersetzte, welchen Einfluss die Aktion (Handlung) eines menschlichen Körpers potenziell auf andere Körper nimmt, welche Art von Raum sie geistig, körperlich und schöpferisch auf andere überträgt. Oder warum Gormley den kaum bekannten Künstler Jacob Epstein für einen der radikalsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts hält. Er legt den Einfluss fernöstlicher Religionen auf sein Werk offen und erläutert, wie die Praxis der Meditation seine Arbeiten beeinflusst hat. Auf den Aspekt von Zeit und Raum in seinen größeren Arbeiten wie „European Field“ und „Still Standing“ geht er in der Publikation ebenso ein wie auf die Werke anderer Künstler – darunter Constantin Brâncuşis „Colonne sans fin“, Alberto Giacomettis „La Place“ und Joseph Beuys’ „Plight“ –, die er als besonders wichtig erachtet. Skulpturen aus der jüngeren Schaffensphase werden ausführlich beschrieben.

Ein tiefgründiges, informatives Buch mit intimen Einblicken in die Gedanken- und Arbeitswelt eines der bedeutendsten Künstler unserer Zeit.

Über den Künstler:

Antony Gormley (*1950 in London) genießt international hohes Ansehen als Bildhauer und gilt als einer der intellektuell anspruchsvollsten Vertreter seiner Kunstrichtung. Durch seine radikale Untersuchung des Körpers als einen Ort des Gedächtnisses und der Verwandlung hat er die menschliche Figur für die Bildhauerei wieder belebt. Von 1968–71 studierte Gormley Archäologie, Anthropologie und Kunstgeschichte in Cambridge. Im Anschluss an das Examen zog es ihn für drei Jahre nach Indien und Sri Lanka, wo er die Vipassana-Meditation erlernte. Anschließend studierte er von 1974–77 in London Bildhauerei und begann Skulpturen nach seinen eigenen Körpermaßen zu formen. Seither dient der eigene Körper dem documenta-Teilnehmer immer wieder als Subjet, Werkzeug und Material. Seine Skulpturen und Installationen, die häufig für den öffentlichen Raum hergestellt werden, wurden u.a. mit dem Turner-Preis (1994), dem Bernhard-Heiliger-Preis für Skulptur 2007 und mit dem Praemium Imperiale (2013) ausgezeichnet.

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