Buchtipp

„Große Ideen lassen sich nicht erzwingen“

Der Zeichner und Illustrator Christoph Niemann ist weltweit gefragt. Insbesondere in Deutschland und den USA sind seine humorvoll verbildlichten Alltagskommentare regelmäßig in namhaften Zeitschriften und Magazinen zu bewundern. „Sunday Sketching“ heißt sein aktuelles Buch, in dem er sich auf die Suche nach den Wurzel seiner Kreativität macht.

 

Wie schafft es ein Zeichner, einen Gedanken bildnerisch so auszudrücken, dass der Betrachter innehält und die Idee versteht? Noch dazu in einer Zeit, in der Bilder allgegenwärtig sind? Christoph Niemann gehört zu jenen, die sich auf diese Kunst verstehen. Mit seinen scharfsinnigen und einfallsreichen Beobachtungen führt er die Vielfalt der Welt und ihren Widersinn vor Augen. Sein Rezept: „Du nimmst, was du kennst, und lässt es auf etwas los, das du nicht kennst, und dann beobachtest du, was passiert.“ In diesem neuen Kontext erkennt Christoph Niemann dann jene unerwarteten Effekte, die einem scheinbar beiläufigen Augenblick oder einem banalen Alltagsgegenstand Hintersinn verleihen, und setzt sie mit humorvollem, manchmal ironischem Blick in seinen Arbeiten um.

 

In „Sunday Sketching“ erzählt der Illustrator anhand von nahezu 350 Zeichnungen, Reiseberichten, Zeitungsbeiträgen, hintergründigen Bilderserien und geistreichen Kombination aus Illustration und Fotografie, wie er seinen Einstieg in die Kunst fand, Karriere machte und als Kreativschaffender innere und äußere Hindernisse überwand. Der Humor, mit dem er dem Geheimnis seiner Kreativität nachspürt und die Einblicke, die er in seine Schaffensprozesse gibt, wirken so nachhaltig, dass man kein Gummibärchen mehr essen kann, ohne an Niemanns Chronik des Verzehrs zu denken, kein Mohnbrötchen mehr betrachten, ohne darin ein Kinn mit Dreitagebart zu erkennen, keinen Edding-Stift mehr verwenden, der nicht als Bein mit schwarzer Socke herhalten könnte. Niemanns Einfallsreichtum scheint grenzenlos. Wie er zu seinen Ideen findet, resümiert er selbst am Ende des Buches: „Meiner Meinung nach kommen die wirklich brauchbaren neuen Ideen immer während des Arbeitsprozesses. (…) Große Ideen lassen sich nicht erzwingen. Ich kann mich nur auf mein Handwerk konzentrieren, für eine angstfreie Umgebung sorgen und mir Zeit nehmen, um nachzudenken und zu experimentieren.“

Das Buch versammelt einen repräsentativen Querschnitt durch die unterschiedlichen Arbeitszyklen, die auf diese Weise entstanden sind. Es ist eine inspirierende Sammlung, die Bestandsaufnahme und Biografie zugleich ist.

Der Künstler:

Christoph Niemann (*1970) zog im Anschluss an sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart 1997 nach New York. Hier etablierte er sich als Illustrator, Designer und Autor. Für seine Arbeiten wurde er u.a. vom ADC, von AIGA und der Lead Academy ausgezeichnet. Seine Illustrationen waren auf den Titelseiten des „New Yorker“, von „Time“, „Wired“ und „The New York Times Magazine“, in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und im „Süddeutsche Zeitung Magazin“ zu sehen. Seit 2008 lebt und arbeitet Christoph Niemann in Berlin. Er ist bei Facebook und Instagram aktiv, hat Kinderbücher illustriert und Apps für Kinder entwickelt. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt. Das Museum für angewandte Kunst in Wien und das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg widmeten ihm umfangreiche Werkschauen. In deutscher Sprache erschienen bisher die Publikationen „I LEGO New York“ (2010) und „Abstract City“ (2012).

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