Buchtipp

Materieller Beleg ewiger Vitalität

Eine Monografie entdeckt das bildhauerische Werk Alessandro Twomblys

Das unübersehbare Merkmal, das den Objekten des Bildhauers Alessandro Twombly innewohnt, sind die Fingerspuren. Sie zeichnen an der Oberfläche der einzelnen Plastiken die Arbeits weise des Formens ab und machen die Prozesse und Entwicklungen sichtbar, die sich in das Material eingeschrieben haben.

Für Alessandro Twomby ist das Innere der Natur eine Energie, die sich im Zustand stetigen Wandels befindet. Er aktiviert den materiellen Kern des von ihm verwendeten Materials durch seine plastische Intervention, erweckt ihn mit den Händen. Als Kommunikationsmittel treten sie mit der zu bearbeitenden Materie in Kontakt, tauschen sich mit ihr aus und legen mit jeder Schicht, die sie aus dem Material schälen, weitere Energie frei.

Die Fingerspuren „offenbaren die Intensität und die Leidenschaft, mit der die Finger des Künstlers versuchten, von dem Material so viel zu subtrahieren, dass die jeweilige Form der Werke zum Vorschein kommen konnte“, heißt es in dem Text von Demosthenes Davvetas, der das Überblickswerk „Alessandro Twombly. Sculptures“ einleitet. „Zugleich ist es bei diesem Prozess der Subtraktion aber nicht Ziel, gegenständ liche Formen zu schaffen. Im Gegenteil, die Subtraktion widersetzt sich der gegenständlichen Darstellung und ist hier eher als Abstraktion zu verstehen.“

Es sind einzigartige organische Formen, die daraus entstehen. Sie erinnern an versteinerte Korallen, ausgehärtete Lavaströme, an Strand-Fundstücke, an Standbilder archaischer Gottheiten oder an verwitterte Ornamente antiker Bauwerke. Sie kauern schwergewichtig und bodenverhaftet im Raum oder sind so zart, dass sie zu entschweben scheinen, manche wiederum wirken vergessen und wie hingeworfen, aber immer bereit, ihre Position zu verändern. Ihre unebenen Oberflächen scheinen lebendig, denn so verschiedenartig sie in ihrem Aussehen auch sind, sie appellieren doch stets an die elementaren Mächte der Natur. Ihre dynamischen Formen visualisieren die Idee der Metamorphose, der ewigen Verwandlung, die dem Wachstum zugrunde liegt.

Anders als die Plastiken seines Vaters Cy Twombly, die dieser aus Fundstücken collagierte, sind Alessandro Twomblys Skulpturen aus einem Stück geformt, das von der Gips- oder Tonform in den Bronze- oder Harzguss übertragen wird. In Deutschland sind diese eindrucksvollen Arbeiten bisher kaum zu sehen. Die bei Hatje Cantz erschienene Publikation bietet nun die Gelegenheit, das eindrucksvolle plastische Werk des Künstlers aus den Jahren 1986 bis 2016 zu erschließen.

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