Buchtipp

Der zeichnerische Duktus

Im Jahr 2015 wurde dem schweizerischen Musée Jenisch Vevey ein Grafikfundus von einzigartiger Qualität vererbt, der tausende Druckgrafiken und Zeichnungen u.a. von Eugène Delacroix, Auguste Rodin, Ferdinand Hodler, Félix Vallotton, Max Ernst und Hermann Hesse umfasst. Einen Teil der Kostbarkeiten aus diesem außerordentlichen Vermächtnis zeigt das „Kleine Handbuch der Zeichnungskunst“, das im letzten Jahr beim Verlag Scheidegger & Spiess erschienen ist.

Im Winter 2016/17 stellte das Museum die hochwertige Sammlung erstmals der Öffentlichkeit vor. Das aus diesem Anlass erschienene „Kleine Handbuch der Zeichnungskunst“ sprengt allerdings die Grenzen eines gewöhnlichen Ausstellungskatalogs.

Vielmehr nutzte man die Gelegenheit, Besucher und Leser an das Thema Zeichnung heranzuführen. So wurden aus dem Konvolut 158 Werke der Zeichnungskunst exemplarisch ausgewählt, anhand derer diese Disziplin in ihren unterschiedlichen Ausprägungen umfassend und anschaulich dargestellt wird.

In ihrem kurzen einleitenden Essay „Die Zeichnung und ihr Doppelgänger. Vom Denken zum Akt“ geht Julie Enckell Juillard den Fragen nach: Was ist eine Zeichnung? Welchen Platz nimmt sie im Werk eines Künstlers ein? Wie wird sie betrachtet? Darin schlägt sie den rezeptionsgeschichtlichen Bogen von Vasari bis in die Gegenwart und nimmt den Leser mit auf eine Reise zu den wichtigsten Zeichnungskunst-Debatten, die über die Jahrhunderte hinweg geführt wurden.

Im Anschluss vermittelt das wie ein Skizzenbuch angelegte, westentaschengroße Büchlein Details zu den mannigfaltigen Zeichentechniken und Instrumentarien – und entpuppt sich als wahrer Schatz! Trockene Techniken vom Metall- bis zum Buntstift, wässrige Techniken von Tinten bis zu Filzstiften, Trägermaterialien vom Pergament bis zu Tonpapier und Wasserzeichen, Verfahren vom Wischer bis zur Collage werden in Hinblick auf die jeweils vorgestellte Technik und die Geschichte derselben fachlich präzise und sachlich im Stil vorgestellt und an Bild-Beispielen verdeutlicht. Dabei werden auch kuriose Begriffe erläutert, wie etwa die „Schummelnudel“ und wozu eine solche benötigt wird; ein Glossar am Ende des Buches erklärt wichtige Zeichenmaterialien.

Für jede Technik werden in der Regel mindestens drei Bildbeispiele herangezogen, die in ihrer Gesamtheit einen fundierten Überblick über mehrere Jahrhunderte Zeichnungskunst liefern. Diese sorgfältig reproduzierten Werkabbildungen zeigen zahlreiche Arbeiten namhafter Künstler wie Barbieri, Ingres, Kokoschka oder Tiepolo, laden aber auch dazu ein, weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler kennenzulernen. Sie alle zelebrieren den perfekten Einsatz des zeichnerischen Duktus und die meisterhafte Darstellung der Bewegung.

Dem Musée Jenisch Vevey und dem Verlag Scheidegger & Spiess ist es gelungen, der hochwertigen Qualität der neuen Museumssammlung durch ein inhaltlich, gestalterisch und in der Materialauswahl und –verarbeitung angemessenes Buch zu würdigen: Das „Kleine Handbuch der Zeichnungskunst“ ist ein Handbuch für Zeichner, ein Kompendium für Kunsthistoriker und ein Kunstbuch für visuelle Genießer.

Die Autorinnen/Herausgeberinnen

Julie Enckell Juillard ist Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission und seit 2013 Direktorin des Musée Jenisch Vevey, Elisa de Halleux ist Kunsthistorikerin, ebenso wie Emmanuelle Neukomm, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Musée Jenisch in Vevey arbeitet.

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