Vera Lossau im Märkischen Museum Witten
Die aktuelle Einzelausstellung im Märkischen Museum Witten mit der Düsseldorfer Künstlerin Vera Lossau lädt dazu ein, sich mit den Konzepten von Synchronizität und Simultanität auseinanderzusetzen. Schon der Ausstellungstitel spielt einerseits mit dem Zustand zwischen Wachsein und Schlafen (Hypnic), andererseits mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs „Jerk“, der im Englischen sowohl „Zuckung“ als auch „Idiot“ bedeuten kann. In sechs Räumen, die jeweils eine eigene Dramaturgie besitzen und gleichzeitig einer Gesamterzählung folgen, zeigt Lossau neben Plastiken und Skulpturen auch Collagen, Zeichnungen und Lichtobjekte. Durch die Raumfolge gelingt es ihr in der Ausstellung immer, Platz für eigene Wahrnehmungen und Interpretationen zu schaffen, ohne dabei festgelegte Antworten vorzugeben.
Einschläge und Rekonstruktionen
Im ersten Raum der Ausstellung zeigt Lossau eine kraftvolle Auseinandersetzung mit den Themen Trauma und Heilung. „Calamity Jane“ (2015) – ein Abguss einer militärischen Beschussplatte – verdeutlicht die Zerstörungskraft von Waffen. Das Werk friert den Moment des Einschlags als Symbol für die Verletzlichkeit und das Trauma, das etwa Kriegserfahrungen hervorrufen können, für immer ein. Parallel dazu werden Abgüsse der Einschusslöcher gezeigt. Diese teilweise farbenfrohen Objekte, aus Porzellan und Keramik gegossen, wirken wie Wunden, die in ihrer Zerbrechlichkeit die Beziehung zwischen Zerstörung und Heilung thematisieren. Die Fragilität des Materials verstärkt die Spannung zwischen der Härte des Stahls und der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers.
In „o.T. (pinturas negras)“ (2009) setzt Lossau mit Abgüssen von aus Wut zerschnittenen Malereien einen weiteren, stark emotionalisierten Aspekt der Zerstörung und Rekonstruktion um.
Zufälle und Absurditäten
Im anschließenden Ausstellungsbereich begegnen die Besucher*innen einer Serie von Collagen, die während Lossaus Schwangerschaft entstanden sind. Sie sind eine Reaktion auf ihre temporäre Unfähigkeit, bildhauerisch zu arbeiten, und zeigen eine andere Seite der Künstlerin. Mit Fragmenten aus Zeitschriften, die sie nachts am Küchentisch zusammensetzte, schafft sie Bilder, die von Zufall und Absurdität geprägt sind. Ebenso wie das einzige plastische Werk im Raum: „I lost an eye, but it does not matter“ (2018) zeigt Abgüsse zweier Basketbälle, die im selben Moment den Korb treffen – ein humorvolles, aber auch nachdenklich stimmendes Bild der Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit.
Loslassen und Neubeginn
Der dritte Raum ist geprägt von Fragen nach Resilienz, Identität und dem Neuanfang. Im Mittelpunkt steht dabei die 2025 entstandene Werkgruppe „o.T. (Feuerwerk)“. Im ersten Augenblick erscheinen die in Bronze gegossenen Überbleibsel einer Silvesternacht wie ein modernes Vanitas-Stillleben. Wie kaum ein anderes Ereignis steht Silvester für ein Ende und einen Neuanfang. Diesen flüchtigen Moment hält die Künstlerin nicht nur für die Ewigkeit fest, sondern wählt dafür zudem ein Material, das wie kein anderes für Beständigkeit steht und dem Gezeigten Denkmalcharakter verleiht.
An der Wand angebrachte Masken werfen hingegen Fragen zur Identität auf und stellen das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft infrage.
Wahrnehmungen
Der vierte Raum wird von vier großformatigen Collagen beherrscht, die zwischen 2023 und 2025 entstanden sind und zur Serie „Rorschach“ gehören. Unzählige Einzelbilder, die ausnahmslos aus Publikationen zu Kunst und Kultur stammen, bilden dabei jeweils ein neues Hauptmotiv, das an die aus der Psychoanalyse bekannten Abklatschbilder erinnert. Hermann Rorschach versuchte mit den nach ihm benannten Tests, Aufschluss über Persönlichkeitsmerkmale seiner Patientinnen und Patienten zu erlangen. Die Methode ist heute teilweise umstritten. Doch dient das angewandte Material zahlreichen Kunstschaffenden noch immer als Quelle der Inspiration. Während beim klassischen Rorschach-Bild die äußere Form im Vordergrund steht, spielen bei Lossaus Collagen auch die Details eine wichtige Rolle. Das Auge ist gezwungen, die einzelnen Teile sowie deren Summe immer wieder neu zu entdecken. Dadurch eröffnet sich Raum für ständige Neuinterpretationen und fordert dazu auf, die eigenen Wahrnehmungsprozesse zu hinterfragen.
Sarkasmus
Neben weiteren Collagen aus der Zeit ihrer Schwangerschaft, deren Schwerpunkt auf skurrilen und sarkastischen Motiven liegt, präsentiert die Künstlerin inmitten des fünften Raumes plastische Arbeiten: strahlend weiße, körperlose Köpfe, die ausdrucks- und bewegungslos in die Welt zu blicken scheinen. Einer der Köpfe ist in einem Einkaufswagen positioniert, der wie eine Prothese den Körper ersetzt – ein starkes, humorvoll-bissiges Bild für die Entfremdung und den pragmatischen Kapitalismus.
Hoffnungen
Der letzte Raum der Ausstellung bietet einen Ausblick auf die Zukunft, in der vermeintlich alles besser wird. Hier nutzt Lossau das Motiv des Regenbogens als universelles Symbol der Hoffnung. Dieser ist bei ihr nicht nur ein Bogen, sondern ein Kreis, was den unaufhörlichen Zyklus von Hoffnung und Erneuerung betont. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass das Farbspektrum verschoben ist – eine Art subtile Erinnerung daran, dass die Realität oft komplexer ist, als sie zunächst scheint, und Hoffnungen nicht immer in Erfüllung gehen. Das Neonobjekt „Lost Threads“ (2008) thematisiert den Raum zwischen den Worten und die Bedeutungslosigkeit des Versuchs, die Welt ausschließlich mit Sprache zu begreifen. Die Installation ist eine Einladung, den Blick über die Worte hinaus auf das Unsichtbare zu richten.
Auf einen Blick
Ausstellung
Vera Lossau: Hypnic Jerk – Von der Gleichzeitigkeit
Bis 22. Februar 2026
Öffnungszeiten
Mittwoch bis Sonntag 12.00–18.00 Uhr
Kontakt
Märkisches Museum Witten
Husemannstraße 12, 58452 Witten
Telefon: +49-2302-5812550
https://www.kulturforum-witten.de/de/maerkischesmuseumwitten/