Ausstellung

Entgrenzung ist Trumpf

„Produktive Räume“: Eine Ausstellung der Kunstmuseen Krefeld erschließt die vitale Kreativszene vor Ort

Krefeld feiert in diesem Jahr seinen 650. Geburtstag. Am Jubiläumsprogramm beteiligen sich die Kunstmuseen Krefeld mit der Ausstellung „Produktive Räume. Kunst und Design aus Krefeld“. In den benachbarten Außenposten Haus Lange und Haus Esters sind rund 50 Künstler und Designer mit ihren Arbeiten vertreten.

Er ist tipptopp gepflegt, der Garten von Haus Lange, das gemeinsam mit dem benachbarten Haus Esters einen idyllischen Außenposten der Kunstmuseen Krefeld bildet. Der Rasen, die Sträucher, die Bäume – alles zeugt von sorgsamer gärtnerischer Obhut. Umso mehr irritieren einige Maulwurfhügel, die den makellosen Museumsrasen verunstalten. Können die nicht weg? Nein, denn das ist Kunst – genauer sechs Bodenplastiken aus Gusseisen. Mathias Lanfer hat sie dort postiert, um wider den Stachel der grünen Idylle zu löcken.

Der Bildhauer, der in Heiligenhaus lebt und an der Krefelder Hochschule Niederrhein lehrt, gehört zu den Teilnehmern der Ausstellung „Produktive Räume. Kunst und Design aus Krefeld“. Eine Bestandsaufnahme der Kreativszene vor Ort, mit der sich die Krefelder Kunstmuseen am Jubiläumsprogramm zum 650. Geburtstag von Krefeld beteiligen: Die „Samt- und Seidenstadt“, wie sie aufgrund der im 18. und 19. Jahrhundert florierenden Textilindustrie genannt wird, erhielt 1373 Stadtrechte. In den (und außerhalb der) Zwillingsbauten, die Mies van der Rohe Ende der 1920er-Jahre errichtet hat, zeigen bis September rund 50 Künstler und Designer ihre Arbeiten. Während Malerei, Skulptur, Fotografie und Performance in Haus Lange eine Heimstatt gefunden haben, gastiert das Design nebenan – in Haus Esters findet man Produkt-Design, aber auch Kommunikations-Design oder Keramik.

Über tausend Bewerbungen seien bei einer Ausschreibung im Vorfeld der Präsentation eingegangen, erklärt Katia Baudin, Direktorin der Kunstmuseen Krefeld. „Das zeigt, wie vielfältig in den Ateliers, Studios und Werkstätten dieser Stadt sowie an der Hochschule Niederrhein gearbeitet wird.“ Nicht nur mit der Resonanz auf ihre Ausstellungsidee darf Baudin zufrieden sein. Von der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbands AICA erhielt die Französin so etwas wie den Ritterschlag des hiesigen Kunstbetriebs: Im März wählten die AICA-Kritiker die Kunstmuseen Krefeld zum „Museum des Jahres 2022“. Angetan zeigten sich die in der AICA zusammengeschlossenen Kunstjournalisten vor allem vom spartenübergreifenden Charakter der Institution. So heißt es in der  AICA-Begründung unter anderem: „Ging es in der Gründungsphase des Krefelder ,Bürgermuseums‘ darum, stilbildend einen ,guten Geschmack‘ zu kultivieren, so lebt in dem seit 2016 von Katia Baudin geleiteten Krefelder Museum der Gedanke weiter, über Kunst und Design die Vielfalt der Erfahrungen im Alltag zu verdeutlichen.“

Ein besserer Beleg hierfür als die aktuelle Übersicht „Produktive Räume“ lässt sich kaum denken. Krefelds Kreative zeigen Flagge, versuchen, ein Stück weit aus dem Schatten der ebenso nahen wie übermächtigen Kunstmetropole Düsseldorf herauszutreten. Dabei sind die Bauhaus-Villen Lange und Esters mehr als bloß Kulisse. Was Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) 1927–1930 als Behausung der beiden Seidenfabrikanten Hermann Lange und Josef Esters entwarf, darf als Musterbeispiel für „Produktive Räume“ gelten. Die schnörkellosen, zur Straßenseite hin blockhaft geschlossenen Klinker-Bauten öffnen sich auf der Gartenseite mit großzügigen Fensterpartien und offenen Loggien, dergestalt die Natur ins Innere holend. Dort verwirklichte Mies seine Vision vom Raum als Kontinuum: Nicht länger sollten die einzelnen Funktionsbereiche des Wohnens durch Türen und Wände streng voneinander geschieden werden. Entgrenzung und Synthese, das waren die Prinzipien, mit denen der Moderne-Papst den Innenraum zu einer offenen Zone machte. Für Akzentuierung und Untergliederung sorgte das Mobiliar.

Inspiriert vom entgrenzenden Geiste des legendären Architekten, schlägt die Krefelder Doppelschau eine Brücke zwischen Kunst und Design und bindet zudem den Museumspark ein. Unweit von Mathias Lanfers Maulwurfhügeln zieht eine große goldfarbene Plastik von Thomas Klegin die Blicke auf sich: Mit seinem Werk #Fountain_KLEGIN stellt sich der Professor an der Hochschule Niederrhein selbstbewusst in die Ahnenreihe von Marcel Duchamp, einem der Gründerväter der Moderne. Klegin zitiert Duchamps Ready-made eines Urinals, erweitert das Gebilde jedoch um eine soziale Komponente. Sein Brunnen weist Münzschlitze auf: Wer hier investiert, hofft nicht nur – wie beim berühmten römischen Wunschbrunnen Fontana di Trevi – auf mehr Glück, sondern hilft dem Krefelder stups KINDERZENTRUM. Das erhält am Ende die Erlöse der Charity-Plastik.

Typisch für die Gegenwartskunst, die es meist nicht dabei bewenden lässt, dass man sie mit interesselosem Wohlgefallen betrachtet, die vielmehr etwas bewirken will. Wie von selbst ergeben sich da Berührungspunkte mit dem Design. Ein Beispiel: Wolfgang Hahns Werkgruppe mit Sitzen und Bänken aus Stein, ebenfalls auf der Terrasse von Haus Lange zu finden, ist der Kunstabteilung zugeordnet. Doch könnten die nach dem Baukastenprinzip entworfenen Sitzelemente aus Basalt-Lava nicht ebenso gut als Produktdesign figurieren? Schwierig bis unmöglich, hier eindeutige Grenzen zu ziehen. Zumal nebenan, auf der Terrasse von Haus Esters, das Sitzmöbelmotiv durch Hermann Beckers Palaverplatz eine weitere originelle Interpretation erfährt – diesmal aber aus der Warte des Designers. Der Krefelder Gestalter, geboren 1956, variiert in den um einen runden Tisch gruppierten Stahlrohrhockern das für ihn zentrale Motiv des „bodennahen Sitzens“.

Leichter fällt die Zuordnung als Kunstwerk bei den meisten Exponaten im Inneren von Haus Lange. Beispielsweise bei Barbara Adameks Bild Asra. Nicht auf Leinwand hat die Krefelder Künstlerin ihre geometrische Komposition gemalt; vielmehr besteht der Bildträger aus Edelstahl, und das zweidimensionale Tafelbild mutiert auf diese Weise zum dreidimensionalen Objekt. Fühlt man sich vor Adameks kühl-nüchterner Darstellung an die amerikanische Hard-Edge-Malerei erinnert, so schlägt Setsuko Fukushima ganz andere, geradezu lyrische Töne an. Die 1958 in Tokio geborene Künstlerin, die in Krefeld und Meerbusch lebt, hat eine fragile, beinahe körperlose Säule aus Papierstreifen installiert. Beschriftet sind die Papierschnitzel mit Texten, die für Fukushima in jüngster Zeit besondere Bedeutung gewonnen haben. Das können Zeilen aus Gedichten sein oder Romanzitate oder auch eigene Texte. Lesen und Schauen, bei Setsuko Fukushima geht beides Hand in Hand.

Wechselt man mit wenigen Schritten ins derzeitige Design-Domizil Haus Esters, so stößt man auch hier allenthalben auf Arbeiten, die geprägt sind von Experimentierfreude und unorthodoxer Gestaltung. Das gilt beispielsweise für Michael Grandts Objekt Script: Den sogenannten Stummen Diener, wie der kompakte Kleiderständer genannt wird, reduzierte der Designer auf ein schlankes Konstrukt aus Stahlrohren. Immer für Überraschungsmomente gut sind die Objekte der Designgruppe Kunstflug: Heiko Bartels, Hardy Fischer, Charly Hüskes und Harald Hullmann studierten in den 1960er-Jahren an der Krefelder Werkkunstschule, dem späteren Fachbereich Design der Fachhochschule Niederrhein, Industrial Design. Das Quartett schloss sich 1980 zusammen. Mental und stilistisch zwischen Punk und Postmoderne angesiedelt, avancierte Kunstflug bald zu den Impulsgebern der Bewegung „Neues Deutsches Design“. Im Haus Esters ist der Gruppe ein ganzer Raum gewidmet. Von einer Bärenfell-Liege bis zum Bauernstuhl reicht das Spektrum der „antifunktionalistischen“ Entwürfe, in denen Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung eine treffliche Allianz eingehen.

In Zeiten von Energieknappheit und nachhaltigem Wirtschaften sind gute Ideen, die sich leicht umsetzen lassen, besonders gefragt. Mit ihrer Produktreihe USELESS trifft Nika Rams ins Schwarze der aktuellen Diskussion. Die in Erkrath lebende Designerin, die an der Hochschule Niederrhein ihren Master gemacht hat, präsentiert in der Krefelder Ausstellung Haushaltsgegenstände, die sorgsamen Umgang mit unseren Ressourcen erleichtern und Verschwendung erschweren. Da findet man beispielsweise eine Küchenpapier-Rolle mit Linien, die es ermöglichen, nur den markierten Teil abzureißen. Oder einen Stöpsel, der die Steckdose vorübergehend blockiert. Witzig ist auch ein Wasserhahn, der verhindert, dass Wasser in den Abfluss tropft. Obwohl Nika Rams ihre Alltagshelfer im Titel als „useless“ deklariert, sind sie alles andere als nutzlos. Gut aussehen tun sie ohnehin.

Auf einen Blick

Ausstellung: „Produktive Räume. Kunst und Design aus Krefeld“

Ort: Kunstmuseen Krefeld, Haus Lange | Haus Esters, Wilhelmshofallee 91–97, 47800 Krefeld

Dauer: bis 10. September 2023

Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag und Sonntag: 11.00 bis 17.00 Uhr, Freitag und Samstag 11.00 bis 18.00 Uhr

Internet: https://kunstmuseenkrefeld.de/de/Exhibitions/2023/Produktive-Raeume-Kunst-Und-Design-Aus-Krefeld

Im Laufe der Ausstellung entsteht eine Publikation, die an die Tradition der historischen Ringbücher der Kunstmuseen Krefeld anknüpft. Für die grafische Gestaltung zeichnet das Krefelder Designbüro Formkultur verantwortlich.

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Moderne und zeitgenössische Kunst markieren den Schwerpunkt der Kunstmuseen Krefeld. Stammhaus ist das 1899 eingeweihte Kaiser Wilhelm Museum in der Innenstadt. Flankiert wird es durch die beiden von Mies van der Rohe entworfenen Villen Haus Lange und Haus Esters im Wohngebiet Bockum. Die Sammlung des städtischen Museums umfasst rund 14.000 Werke aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Grafik, Angewandte Kunst, Fotografie und Neue Medien. Im März 2023 wurden die Kunstmuseen Krefeld von der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbands AICA zum „Museum des Jahres 2022“ gekürt.

Website der Kunstmuseen Krefeld: https://kunstmuseenkrefeld.de/de

Foto: Kunstmuseen Krefeld

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