Ausstellung

Jetzt!

Eine Reise durch die aktuelle junge Malerei in Deutschland

Mit dem Ausstellungsprojekt Jetzt! Junge Malerei in Deutschland unternehmen das Kunstmuseum Bonn, das Museum Wiesbaden und die Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser den Versuch, den aktuellen Stand des Mediums zu bestimmen. Ziel ist es, einen gültigen Querschnitt durch die junge, in Deutschland entstandene Malerei zu geben und dabei alle Erscheinungsformen des Mediums ohne konzeptuelle oder ideologische Einschränkungen zu berücksichtigen. Gezeigt werden rund 500 Werke von 53 Künstler_innen. Jeder der drei Ausstellungsorte zeigt alle teilnehmenden Künstler_innen mit jeweils bis zu vier Arbeiten.

Die Kuratoren Stephan Berg, Frédéric Bußmann, Alexander Klar und Dirk Luckow haben das Ausstellungskonzept in ihrem Vorwort zum Katalog eindrucksvoll zusammengefasst: „Kein künstlerisches Medium hat so viele positive wie negative Zuschreibungen erlebt wie die Malerei. Der Reigen der Erwartungen und Zumutungen, mit denen man das gemalte Bild konfrontierte, reicht vom Jubel über die unbestrittene »Königsdisziplin«, die jederzeit in der Lage ist, die Wirklichkeit adäquat künstlerisch zu transformieren, bis hin zum demoralisierenden Befund einer kommerziell korrumpierten Flachware, die sich ästhetisch und inhaltlich überlebt habe. Dieser Negativbefund resultiert zum einen aus der gewaltigen Tradition des Mediums, innerhalb derer so viel schon gedacht und getan wurde, dass es in der Tat nicht einfach scheint, diesem Malgebirge noch Neues zu entlocken. Andererseits hat man der Malerei vor allem im 20. Jahrhundert ihre unkomplizierte Handelbarkeit vorgeworfen und darin ein grundsätzliches Defizit des Mediums vermutet.

Dabei taugt die Flachheit und Begrenztheit des Leinwand- bzw. Bildfeldes eben nicht nur als wohlfeiler Marktbeschleuniger, sondern liefert zugleich eine Begründung dafür, warum Malerei allen Grabreden zum Trotz ein hochattraktives Medium ist: Immer wieder erweist sich die strukturelle Zweidimensionalität des Bildfeldes als perfektes dialektisches Widerlager für das, was mit malerischen Mitteln auf der Bildfläche passiert. Verkürzt gesagt ließe sich behaupten, dass jedes Bild von der produktiven Paradoxie lebt, aus einer ausschnitthaften, raumlosen Flächigkeit des Bildträgers einen eigenen Raum zu schaffen. Diese grundlose Dialektik sorgt dafür, dass Malerei in gewisser Hinsicht als erstes und bis heute gültiges virtuelles Medium zu betrachten ist, wobei die Wirkkraft ihrer virtuellen Wirklichkeit insoweit noch höher einzuschätzen ist, als sie eben nicht total und immersiv funktioniert, sondern sich – soweit sie sich im Rahmen des Bildgevierts bewegt immer selbst nur als Ausschnitt definiert.

Genau dieser Zusammenstoß zwischen dem eigenen, malerisch erzeugten Raum und dem Kontext einer davon völlig verschiedenen Wirklichkeit bildet die Grundlage für das Ausstellungsprojekt Jetzt! Junge Malerei in Deutschland, mit dem das Kunstmuseum Bonn, das Museum Wiesbaden und die Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz den Versuch unternehmen, den aktuellen Stand dieses Mediums zu bestimmen. Ziel aller drei Häuser sowie der Deichtorhallen in Hamburg, die sich entschlossen haben, diese Gemeinschaftsausstellung im Anschluss zu übernehmen, ist es, einen gültigen Querschnitt durch die junge Malerei zu geben, die in den letzten Jahren in Deutschland produziert wurde, und dabei alle Erscheinungsformen des Mediums ohne konzeptuelle oder ideologische Einschränkungen zu berücksichtigen.

Drei zentrale Prämissen leiten dieses Projekt: Erstens und in Bezug auf das oben Gesagte beschränkt sich die Auswahl auf Positionen, die ihre Auseinandersetzung mit dem Medium tatsächlich auf der begrenzten Fläche des Bildgevierts austragen. In der Konsequenz bedeutet das einen bewussten Verzicht auf alle Spielarten des erweiterten Bildes, auf malerisch angelegte rauminstallative Interventionen oder multimediale Malerei-ohne-Malerei-Explorationen. Diese Konzentration ist essenziell, um tatsächlich zu belastbaren Aussagen darüber zu kommen, welche Möglichkeiten das gemalte Bild – gerade vor dem Hintergrund einer umfassenden Digitalisierung – heute noch hat. Mehr noch: Angesichts einer noch nie dagewesenen Ausweitung künstlerischer Praxis in alle Lebensbereiche stellt sich grundsätzlich die Frage, ob eine ebenso konsequent betriebene Expansion der Malerei dem Medium aktuell überhaupt die entscheidenden neuen Impulse vermitteln kann oder ob nicht die eigentlich konzeptuell virulente Stelle der Malerei tatsächlich heute eher wiederdort zu suchen ist, wo sich die Malerei mit ihrer strukturellen Begrenztheit auf den flachen Bildträger auseinandersetzen muss?

Die zweite Prämisse betrifft das Alter der Teilnehmer_innen, das im Wesentlichen die Jahrgänge ab 1979 und damit ein Altersspektrum zwischen dreißig und vierzig umfasst. Damit bewegt man sich innerhalb der ersten Generation, die weitgehend ohne die Erfahrung eines geteilten Deutschlands aufgewachsen ist. Auch das bedeutet eine wichtige Weichenstellung für Jetzt!. Ganz ausdrücklich wollen wir mit dieser Ausstellung kein historisches Panorama aufspannen und noch einmal die verschiedenen Stränge benennen, innerhalb derer sich die Entwicklung des Mediums in den beiden Teilen Deutschlands vollzogen hat. In diesem Sinne ist der Titel der Ausstellung programmatisch zu verstehen: Das Feld, das hier sichtbar wird, legitimiert sich also nicht durch seine Einbettung in den historisch gewachsenen Kontext, sondern behauptet sich als Blick auf die gegenwärtige Situation, die wiederum eigene Fragen und eigene Lösungen für das Thema des gemalten Bildes fordert.

Die dritte Voraussetzung betrifft den geografischen Rahmen unseres Untersuchungsgebiets. Dass wir uns dabei auf Deutschland beschränken, ist nicht als Hinweis auf eine gemeinsame malerische Nationalsprache zu verstehen, die wir in den ausgewählten Positionen vermuten. Diese Entscheidung hat vielmehr rein pragmatische Gründe und resultiert aus der Notwendigkeit, das Gebiet wenigstens so weit einzugrenzen, dass die Auswahl nicht uferlos und damit beliebig wird. Zugute kommt uns dabei die in den letzten zwanzig Jahren – auch durch die Attraktivität Berlins – enorm gewachsene Internationalität der in Deutschland lebenden Künstler_innen, die hier zudem auf einer der dichtesten institutionellen Kunstlandschaften der Welt und ein großes Förderspektrum zurückgreifen können. Innerhalb dieses Rahmens haben wir unsere Recherche so umfassend wie möglich angelegt und dabei nicht nur der eigenen Kompetenz vertraut, sondern uns darüber hinaus von arrivierten Maler_innen, Kolleg_innen, Kunsthochschulen, Kunstkritiker_innen etc. mit wertvollen Hinweisen versorgen lassen.

Aus dem auf diese Weise entstandenen Gesamtfeld von rund 150 Positionen wurden etwas mehr als hundert ausgewählt, die wir als so relevant empfanden, dass wir unser Erstinteresse durch einen Atelierbesuch vertiefen wollten. Zwischen Herbst 2017 und Frühjahr 2019 sind wir in wechselnden Teams durch ganz Deutschland gereist und haben Ateliers unter anderem in Bremen, Berlin, Dresden, Hamburg, München, Stuttgart, Karlsruhe, Frankfurt, Leipzig, Köln, Düsseldorf, aber auch in Orten weitab von den Metropolen besucht. Diese Reisen waren für sich genommen schon ein eigenes, ungemein lohnendes Projekt: eine tour d’horizon, bei der fast jeder Besuch eine Entdeckung und ein Erlebnis war. Schon die Größe und Lage der jeweiligen Ateliers hätte genügend Stoff für eine eigene soziologische Untersuchung geliefert. Das Spektrum reichte von 600 Quadratmeter großen Schauräumen mit Großkünstlerflair bis hin zu winzigen Besenkammern in beengten Zweizimmerwohnungen.

Der zunehmende Druck auf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt und die damit einhergehenden explosiven Preissteigerungen der letzten Jahre haben viele Künstler_innen an den Rand der Städte verdrängt. Umso mehr müsste man erwarten, dass die Kommunen mit entsprechend subventionierten Atelierprogrammen gegensteuern. Die Erfahrungen vor Ort waren aber eher ernüchternd. Natürlich gibt es in jeder großen deutschen Stadt kommunale, bezahlbare Atelierangebote. Aber diese sind bei weitem nicht ausreichend, allen voran in Berlin, das sich so gern mit seinen internationalen Künstler_innen brüstet.

Nach langen, lustvollen, bisweilen kontroversen, immer aber fruchtbaren Diskussionen haben wir aus diesem bereits reduzierten Feld nun 53 Positionen ausgewählt, die jeweils mit mindestens drei Arbeiten pro Ausstellungsort in Jetzt! vertreten sein werden. Da wir die Ausstellungen in Bonn, Wiesbaden und Chemnitz gemeinsam eröffnen, ergibt sich daraus ein Konvolut von insgesamt rund 500 Arbeiten, die an drei Orten für die Dauer von vier Monaten gleichzeitig zu sehen sein werden, bevor die Ausstellung im Anschluss an die Deichtorhallen nach Hamburg wandert, wo es dann eine, wiederum alle 53 Positionen umfassende Auswahl aus dem Gesamtkonvolut der 500 Arbeiten zu sehen gibt. Damit wird nicht nur der Anspruch einer echten Überblicksausstellung eingelöst, die sowohl im Westen als auch im Osten und Norden des Landes zu sehen ist. Die Entscheidung, jede der ausgewählten Positionen mit mehreren Arbeiten zu zeigen, sorgt auch dafür, dass die jeweiligen Werkansätze vertieft sichtbar werden.“


Auf einen Blick

Ausstellung: Jetzt! Junge Malerei in Deutschland

Zeitraum: 19.09.2019 – 19.01.2020

Ort:

14.02.2020 – 17.05.2020

Website: www.malerei.jetzt

 

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