Buchtipp

Eine Schule des Sehens

Ruskins „Grundlagen des Zeichnens“

Er ließ kaum einen Tag verstreichen, ohne zu zeichnen oder zu aquarellieren: John Ruskin (1819–1900) war Universalgelehrter, Schriftsteller, Sozialreformer, Kunstkritiker und Maler – ein Kunstenthusiast in Theorie und Praxis. Freund und großer Förderer von William Turner, schrieb er unter anderem eine Geschichte der modernen Malerei, und seine „Stones of Venice“ gehörten früher ins Reisegepäck eines jeden englischen Venedig-Reisenden. Im letzten Jahr jährte sich Ruskins Geburtstag zum 200. Mal – Anlass für Museen, Universitäten und kulturelle Einrichtungen in aller Welt, sich seinem Werk und dessen frappierender Aktualität zu widmen.

In der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung sind kürzlich seine „Grundlagen des Zeichnens“ (Elements of Drawing, erstmals veröffentlicht 1857) erschienen: Ruskin wendet sich in seiner Zeichenlehre mit drei Briefen mit vielen Übungsbeispielen an Menschen jeden Alters und entwickelt das Zeichnen durch die Schulung des Auges. Dabei wendet er sich direkt an seine Leser: „…welchen Gewinn du aus diesem Buch ziehen wirst, hängt ganz davon ab, warum du zeichnen lernen willst. Wenn du es lernen willst, um Dinge klar und sichtbar fixieren zu können, die nicht mit Worten zu beschreiben sind, sei es, um deiner eigenen Erinnerung auf die Sprünge zu helfen oder anderen eine genaue Vorstellung davon zu geben; wenn dir an einer lebendigen Wahrnehmung der Naturschönheiten liegt und du so etwas wie ein wahrhaftes Bild von flüchtigen schönen Dingen zu bewahren wünscht, oder Dingen, von welchen du selbst dich trennen musst; wenn du dazu den Geist großer Maler verstehen und mit deinen eigenen Augen Einsicht in ihr Werk gewinnen willst, um es tatsächlich lieben zu können, ohne nur die Meinung von anderen John zu übernehmen; ja dann kann ich dir helfen oder, besser noch, dir zeigen, wie du selbst weiter vorankommen kannst.“

Innenansicht John Ruskin Grundlagen des Zeichnens

Die präzise Wahrnehmung der Natur und das detaillierte Verständnis großer Kunstwerke sollen geschärft und ausgebildet werden. Seine stilistisch virtuos vorgetragene Schule vom Zeichnen und Sehen begriff Ruskin zugleich als eine Anleitung zur drawing cure, zur Stärkung und Belebung von Seele und Geist durch die künstlerische Praxis.

Die auch ins Französische und Italienische übersetzten „Grundlagen des Zeichens“ sind ein klassisches Einführungswerk, das von angehenden Künstlern und generell denjenigen Menschen, die zeichnen lernen möchten, über Jahrzehnte erfolgreich genutzt wurde. Im englischen Sprachraum wird es bis heute in zahlreichen Ausgaben aufgelegt; ihm ist eine eigene Website der Universität Oxford gewidmet. Nach über hundert Jahren ist es nun in neuer deutscher Übersetzung erhältlich.

Die Autoren

John Ruskin (geb. 1819 in London, gest. 1900 in Brantwood, Lake District) war ein Universalgelehrter, Schriftsteller, Sozialreformer, Kunstkritiker und Maler.

Wolfgang Kemp (geb. 1946 in Frankfurt a.M.) hatte bis 2011 einen Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg inne. 2018 wurde er als „glänzender Essayist“ mit dem Siegmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet. 1983 verfasste Kemp die erste Ruskin-Biografie in deutscher Sprache.

Helmut Moysich (geb. 1952 in Lingen) ist Komparatist und literarischer Übersetzer.

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Der große englische Universalgelehrte, Sozialreformer, Kunstkritiker und Maler John Ruskin wendet sich in seinen Grundlagen des Zeichnens an alle, die durch die Schulung zeichnerischer Fähigkeiten ihre Wahrnehmung für Natur und Kunst schärfen wollen. Seine Lehre des genauen Blicks begriff er zugleich als Anleitung zur ›drawing cure‹, zur Stärkung und Belebung von Seele und Geist durch die künstlerische Praxis.

272 S. m. zahlr. Abb., 11 x 17,6 cm, Leinen, dt., Dieterich‘sche Verlagsbuchhandlung 2019

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