Buchtipp

Ausschnitte der sichtbaren Welt

Eine Käseecke, ein Bücherregal, die Alpen – das, was sich auf Ralph Flecks Leinwänden farbenmächtig aus Farbmassen auftürmt, zeugt von einer puren Freude an der Malerei. Dass dies schon lange so ist, belegt die gerade erschienene Monografie „Ralph Fleck. Malerei – Painting – Pintura“, die einen umfassenden Einblick in sein Werk von den 1980er-Jahren bis zu aktuellen, 2018 entstandenen Arbeiten bietet.

Bereits Ende der 1970er-Jahre setzte der Künstler seinen Pinsel breitflächig auf den Bildgrund und türmte die Farbe opulent zu gewaltigen Erhebungen auf. Fahrzeuge aller Art waren zu dieser Zeit ein Thema, doch damals wie heute ging es dem Künstler nicht um die realistische Wiedergabe seiner Motive und schon gar nicht um die Übermittlung einer Bildbotschaft. Ob Figur, Landschaft oder Stillleben – wirklich real ist auf seinen Bildern in erster Linie die Materialität der Farbe. Ralph Fleck „lädt dazu ein, dabei zu sein“ – zuzugreifen, wenn er Kuchenstücke serviert, der Stille zu lauschen, wenn er zu Schneelandschaften aufbricht oder in den Jubel eines Stadionpublikums einzustimmen, beschreibt Tilman Allert in seinem einleitenden Textbeitrag die Arbeiten des Künstlers. Aber, so fragt er gleich im Anschluss, ist es nicht gerade die  atemberaubende Frische in Flecks Arbeiten, die „den Zugang zur gedanklichen Anstrengung, die dem Pinselstrich unterlegt ist“, verstellt? In der umfassenden Publikation wird dieser Frage in Wort und Bild nachgegangen.

Sozialpalast (WM 2006) 2016 Öl/Lwd. 200 x 200 cm

Sozialpalast (WM 2006), 2016
© Bonn 2019, Ralph Fleck, modo Verlag, 2018, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Meia Praia 19 / II, 2000
© Bonn 2019, Ralph Fleck, modo Verlag, 2018, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Seestück 30/XI 1995 Öl/P. 25 x 25 cm

Seestück 30 / XI, 1995
© Bonn 2019, Ralph Fleck, modo Verlag, 2018, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Radicchio 10/XII 1998 Öl/Lwd. 150 x 150 cm

Radicchio 10 / XII, 1998
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Ralph Fleck, modo Verlag, 2018

Vor dem Start 31/VII 2012 Öl/Lwd. 180 x 160 cm

Vor dem Start 31 / VII, 2012
© Ralph Fleck, modo Verlag, 2018, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Mit seinem expressiven Gestus der realistischen Malerei gelingt Ralph Fleck ein dreidimensionaler malerischer Zugriff, der impressionistischen Vorbildern folgt und in der Tradition des „Informel“ steht, indem die Arbeiten weder motivisch noch in Format und Pinselstrich steril festgelegt sind. Vor diesen Bildern erlebt der Betrachter „eine Unruhe, die uns packt, ein Ergriffensein, dessen Spuren noch in der Freude über den Rausch nachklingt, in den uns seine Bilder versetzen. Ein Maler, der den Betrachter ermuntert, sich auf die Architektur der Oberfläche einzulassen und gerade in der dargestellten Räumlichkeit dem Gesehenen eine Gegenwärtigkeit verleiht, ein Aufscheinen von Lebendigkeit, eine Wiedergeburt der Welt, die man schon zu kennen glaubte“ (Tilman Allert). Dieser neue Blick auf bereits Bekanntes entsteht, weil sich in Ralph Flecks Bildern die Wirklichkeit, wie er sie sieht, selbst spielt, „und sie spiegelt sich in ihrer eigenen Farbigkeit“, stellt Günter Baumann in seinem Text zu dem retrospektiv angelegten Buch fest. „Der Betrachter realisiert gar nicht mehr, dass er von einer ganz eigenen Realität angezogen wird – und er glaubt zu sehen, was jeder sieht, und lernt beim Sehen, dass seine Betrachtung singulär ist.“ Das liegt an dem besonderen Blick, den Ralph Fleck seinen Motiven widmet. Alle Dinge sind bei ihm gleichwertig. Es sind Ausschnitte der sichtbaren Welt, übersetzt in Bilder. „Das Gefühlte, Gedachte, Geahnte – das kommt nicht vor in seinem Werk. Sein Antrieb und sein eigentliches Thema ist das scannende, aufsammelnde Sehen, dieser unendliche Sehstreifzug, auf dem ein waches Leben seine ewige Neugier stillt“, beschreibt es Hans-Joachim Müller in seinem Essay.

Sehen und Malen fallen bei Ralph Fleck in eins. Er „malt mit der Selbstverständlichkeit des alltäglichen Sehens, das aus den ungezählten Weltbegegnungen immer nur eine Handvoll im Gedächtnis speichert“ (Hans-Joachim Müller). In den Werken von Ralph Fleck entsteht so eine eigene, über den Moment hinausgehende, dauerhafte Bildwahrheit, die den Betrachter über die Welt staunen lässt. Das lässt sich mithilfe der großformatigen und detailreichen Reproduktionen in „Ralph Fleck. Malerei – Painting – Pintura“ überprüfen, die gleichzeitig einen umfassenden Einblick in dessen Werk vermitteln.

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Eine Käseecke, ein Bücherregal, die Alpen – was sich auf Ralph Flecks Leinwänden farbenmächtig aus Farbmassen auftürmt, zeugt von einer puren, unbändigen Lust an der Malerei. Ob Figur, Landschaft oder Stillleben – auf seinen Bildern ist in erster Linie die Materialität der Farbe real. Aus ihr entsteht die dauerhafte Bildwahrheit, die den Betrachter über die Welt staunen lässt.

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