Hintergrund

Erinnerung und Zukunft

Die Berliner Malerin Katrin Kampmann

Das Atelier befindet sich mitten in Berlin. Zehn Fußminuten vom Alexanderplatz entfernt, zwei Minuten zur Spree. Der Lastenaufzug fährt in eines der oberen Stockwerke. Aus der Fensterfront am Ende des langgestreckten Raumes blickt man auf das – von hier aus lautlose – ununterbrochene, gleichmäßige Strömen der Autos auf der Stadtautobahn: ein bisschen wie in Andrej Tarkovskijs „Solaris“, dem genialen Science-Fiction-Film.

Im riesigen Gebäude selbst ist es still. Katrin Kampmann berichtet, dass sich hier zu DDR-Zeiten die Telefonzentrale von Ostberlin befand. Nach der Wiedervereinigung stand das weitläufige Gebäude lange leer, ehe Künstler darauf aufmerksam wurden. Katrin Kampmann gehörte 2009 zu den ersten. Aber seit das Gebäude an einen privaten Investor verkauft wurde, sind die Mieten rasant gestiegen: Zeit, die Zelte abzubrechen …

Längst zählt Katrin Kampmann zu den etablierten Malern ihrer Generation in Deutschland. Geboren 1979 in Bonn, hat sie bei Karl Horst Hödicke an der UdK Berlin studiert und bei ihm 2006 als Meisterschülerin abgeschlossen. Seitdem wird sie regelmäßig zu Einzelausstellungen eingeladen. Ihre Bilder sind bei aller Klarheit hoch komplex. Flächige Fetzen und Bahnen in leuchtend bunten Farben überschneiden sich, und zwischen den abstrakten Verläufen tauchen Figuren und in ihrer Mimik differenzierte Gesichter wie Silhouetten auf – und all das bleibt atemberaubend erstaunlich und erschöpft sich auch im ausgiebigen Schauen nicht. Ja, sagt Katrin Kampmann und nickt. Das sei ihr wichtig: Dass das Sehen ihrer Bilder nie an ein Ende kommt und jeder Betrachter sie mit seinen Erfahrungen weiterdenkt.

Hui – Patupaiarehe

Hui – Patupaiarehe, 2015, Tusche, Acryl, Linoldruck und Öl auf Leinwand, 250 x 400 cm (Diptychon)
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Ihre Malerei beruht auf der Kombination verschiedener technischer Verfahren. So verbindet sie von Mal zu Mal Acrylfarbe, Tusche und Aquarell mit der Druckgrafik. Dazu wechselt sie die oft großformatigen Gemälde während des Entstehungsprozesses vom Boden in die Schräge und an die Wand. Häufig beginnt sie inmitten der Bildfläche mit einem – eigentlich gegenständlichen, mitunter landschaftlichen – Holz- oder Linolschnitt. Anschließend malt sie mit dem Pinsel weiter und sie schüttet zudem die verdünnte Farbe vorsichtig auf die Leinwand: Die Flüssigkeit fließt in der gesteuerten Bewegung, die immer noch den Zufall zulässt. Einzelne Partien hat sie dabei abgeklebt, so dass glatte Ränder und Aussparungen entstehen. Die Druckgrafik als althergebrachte Technik interagiert also mit der farbbezogenen freien Malerei, die sich vielleicht auf den Tachismus beziehen lässt. Die buntfarbigen Bahnen wiederum lassen an die Pop Art und das Psychedelische der Beat-Generation denken. Die Geschehnisse im Bild wirken leichthin, manchmal wie Luftschlangen und Konfetti – und wenn sich die Turbulenzen gelegt haben, treten die Motive umso klarer vor Augen. Der weiße Grund, der einen Umschlag von Positiv und Negativ initiiert, entschleunigt das Sehen. Immer wieder andere Partien treten in den Vordergrund, erst recht mit der Laufbewegung von der Distanz in die Nähe. Die Malschichten beschreiben ein Drunter und Drüber und initiieren dadurch eine Räumlichkeit, die mitunter etwas Labyrinthisches besitzt. Die Farbfetzen selbst sind im konturlosen Verwehen durchsichtig, als wären sie ein Nachbild auf der Netzhaut, nun aber ins Helle gewandt. Das berührt sich mit den Themen, die häufig von der Erinnerung und dem Unterbewusstsein motiviert sind. Wichtig für die Malerei von Katrin Kampmann ist die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit dem Fin de Siècle und dem Schauerroman, neben dem das Erblühen der Psychologie steht. Die tanzenden weiblichen Silhouetten ihrer Malerei lassen an den Jugendstil mit dem Ausdruckstanz denken. Natürlich weisen der Holz- und der Linolschnitt mit den Rillen und den brüchigen Farbstrukturen auf den Expressionismus. Aber wie lange dauert die Vergangenheit, und wann hat die Zukunft begonnen?

© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, 2017, Tusche, Acryl, Öl und Linoldruck auf Leinwand, 180 x 220 cm
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Mein Werwolf, 2017, Tusche, Acryl, Öl und Linoldruck auf Leinwand, 180 x 220 cm
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Herr Stefenson, 2017, Tusche, Acryl, Öl und Linoldruck auf Leinwand, 76 x 56 cm
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Grin, 2017, Tusche, Acryl, Öl und Linoldruck auf Leinwand, 18 x 24 cm
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Eden, 2017, Tusche, Acryl, Öl und Linoldruck auf Leinwand, 180 x 200 cm
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Haka, 2015, Aquarell auf Büttenpapier, 61 x 46 cm
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Lou, 2017, Aquarell auf Büttenpapier, 92 x 70 cm
© Katrin Kampmann, Foto: Jacob Zoche

Auf dem Atelierboden hat Katrin Kampmann die ganz neuen, in den letzten Wochen entstandenen Aquarelle auf Bütten ausgelegt, mit 2,20 m Höhe ihre größten derartigen Blätter. Das hochoblonge Format nimmt die Ausrichtung der Figurinen auf. Diese sind mit „Nähten“ zusammengesetzt, welche beim wässrigen Aufeinandertreffen der einzelnen Farbflächen entstanden sind. Zugleich wirkt die transparente Helligkeit, als handle es sich um die Organe eines Körpers unterm Röntgenschirm. Feingliedrig, mit ihren langgestreckten Beinen, Armen und Fingern, lassen die Figuren mitunter an Marionetten denken. Oder doch an die todbringende Gottesanbeterin, wie sie die Bildhauerin Germaine Richier dargestellt hat? Auch wenn diese Idee in das Konzept von Katrin Kampmann passen könnte, in dem Werwölfe und Vampire als Motive vorkommen: Die Werkgruppe als solche handelt von Robotern als mittlerweile historischem, aber mehr denn je aktuellem Phänomen. Katrin Kampmann nennt Fritz Langs „Metropolis“ – mit dem Menschen, der wiederum wie ein Roboter „funktioniert“ – als ein frühes Beispiel und sie verweist darauf, wie die Maschinen auf die Zukunft hin immer weiter entwickelt werden: hin zur perfekten Haushaltshilfe, aber auch mit der bedrohlichen Vision der Verselbständigung der Roboter wie in Ridley Scotts „Blade Runner“ … Wie prekär die Situation des Menschen in seiner Vergänglichkeit mit dem Versuch ist, sich in der Zivilisation einzurichten, unterstreicht dann ein weiterer, ebenfalls noch nicht abgeschlossener Leinwand-Zyklus. Zwischen den Farbschleiern sind Skelette zu sehen, Motiv ist der Totentanz auf der Grundlage mittelalterlicher Darstellungen. Aberglaube und Märchen sind in eine nüchterne, spielerische Präsenz transformiert. „Ferien vom Über-Ich“ hat Katrin Kampmann vor einem Jahr eine Ausstellung im Kunstraum Nestroyhof in Wien betitelt: Schließlich ist ihre Malerei in ihrer Bewusstheit doch ganz bodenständig. Die Bilder von Katrin Kampmann spielen eben in der Gegenwart mit all ihren Klischees, Fallstricken und Fragwürdigkeiten.

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Profile

Katrin Kampmann wurde 1979 in Bonn geboren und lebt und arbeitet seit 2000 in Berlin. Von 2001 bis 2006 studierte sie hier an der Universität der Künste (UdK) Malerei bei Prof. K.H. Hödicke, und wurde nach ihrem Meisterschüler-Abschluss im Jahr 2006 als Gewinnerin des Meisterschülerpreises geehrt. Seither wurden ihre Arbeiten in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt, unter anderem in Mailand, Seoul, Ludwigsburg, München, Wien, Wiesbaden und Los Angeles, um nur einige zu nennen. 2010 gewann sie das Dorothea Konwiarz Stipendium und war 2011 Finalistin des Phönix Kunstpreises. Darüber hinaus wurden Kampmanns Arbeiten ebenfalls bereits im Museum of Art Wuhan in China, in der Kunsthalle Dresden sowie der Kunsthalle Rostock ausgestellt. Ihr Werk ist unter anderem in folgenden großen Sammlungen vertreten: Deichtorhallen, Hamburg | Sammlung Hans Grothe, Duisburg | Sammlung Kunsthaus Taunusstein, Taunusstein | Sammlung de Knecht, Salzburg | Sammlung Andrea von Goetz und Schwanenfließ, Hamburg | Sammlung Stiftung Guenther Benedict, Wien | Sammlung Sperling, Mainburg | Sammlung Heinrich, Maulbronn | Vitesse Collection, Berlin | Sammlung Ingrid Roosen-Trinks, Hamburg. Am 06. Oktober 2018 wird Katrin Kampmanns nächste Einzelausstellung „Wir sind die Roboter“ in der Galerie Lukas Feichtner (http://www.feichtnergallery.com) in Wien eröffnet.

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