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Hintergrund

In der Bewegung

Der Düsseldorfer Künstler Aljoscha

Es schneite beim Ateliergespräch in Düsseldorf-Pempelfort. Schneeflocke für Schneeflocke rieselte in den Innenhof vor dem Atelier. Zumal in der einbrechenden Dunkelheit entschleunigte das ruhige Herabsinken jedes Zeitgefühl. Die weißen Kristalle selbst waren eine einzige Pracht … Die Beschäftigung mit Aljoschas Objekten, Installationen und Zeichnungen lässt genauer, feiner sehen. Die Oberflächen seiner Werke wirken unruhig, geradezu pulsierend und aufgeladen mit einer still vibrierenden Energie. Die verzweigenden Glieder signalisieren eine mögliche Fortsetzung und vollführen behutsame und abrupte Richtungswechsel. Dazu arbeitet Aljoscha mit Acrylfarbe, Silikon und, bei den teils vielteiligen Installationen, mit Acrylglas.

Für die kleinen, mitunter winzigen Objekte häuft er die körnige Farbsubstanz mit dem Pinsel als Tupfen auf- und zueinander. Das Drahtgerüst verschwindet unter der monochromen Materie, die in tastenden Fühlern endet. Das wird erst recht im Atelier deutlich: Hier lagern die Objekte dicht beieinander, sie sind ineinander verschränkt und halten sich im Ausgreifenden ihrer Glieder in der Balance. Aber – Aljoscha lächelt milde –, die langgestreckten Elemente sind mitnichten ruhende Stelzen, sondern sie ragen in höherer Position in den Raum hinein. Vielleicht denkt man an Lebewesen in der Tiefsee, dann wieder an Korallen oder an Kakteen – „Was wir nicht kennen, beunruhigt uns: Sofort versuchen wir es Bekanntem zuzuordnen“, sagt Aljoscha. Und er ergänzt, es gehe ihm darum, etwas Neues zu entwickeln. „Alles, was es schon gibt, interessiert mich als Künstler nicht“. Wie eng Aljoscha die visuellen Phänomene dabei mit naturwissenschaftlichen Kontexten verknüpft, bestätigen dann die Werke, bei denen sich ein Objekt auf einem eigens dafür gefertigten Sockel unter einem Laborglas befindet: als Kostbarkeit und als seltene, vielleicht sogar gezüchtete Spezies.

Geschwindigkeitsbeschleunigung der Evolution, 2019, Polymethylacrylat transparent, pigmentiert, Größe variabel © und Foto: Aljoscha

Geschwindigkeitsbeschleunigung der Evolution, 2019, Polymethylacrylat transparent, pigmentiert, Größe variabel
© und Foto: Aljoscha

Die Feingliedrigkeit der Strukturen im additiven Zueinander kennzeichnet auch die Bleistift-Zeichnungen, die Aljoscha mit hoher Konzentration und Hingabe im Laufe von Wochen anfertigt. Er fügt Häkchen für Häkchen aneinander, wechselt zeichnerisch immer wieder die Fließrichtung, staucht und verschiebt teils geometrisch angelegte Schichten, wobei Stabilität und zugleich Brüchigkeit und Durchlässigkeit zum Ausdruck kommen. Im leeren Blatt scheinen diese Geflechte wie in Bewegung begriffen; sie erinnern vielleicht an Netze. Und sie haben mit den großen, wie schwebenden transparenten Acrylglas-Objekten aus verformten und parzellierten Kunststoffoberflächen zu tun, mit denen Aljoscha mittlerweile vor allem bekannt ist.

Aljoscha wurde 1974 in Glukhov in der Ukraine geboren. Er war an der Düsseldorfer Kunstakademie Gaststudent in der Malkasse von Konrad Klapheck und hat an der Internationalen Sommerakademie Salzburg bei Shirin Neshat studiert; seit Mitte der 2000er-Jahre tritt er mit Ausstellungen in Erscheinung. Heute wird er vor allem von der Galerie Beck & Eggeling in Düsseldorf und Wien vertreten. Seine Installationen und großen Objekten in öffentlichen Innen- und Außenräumen sorgen für Aufsehen. Sie wirken wie Eisblumen. Oft im Raum hängend, dehnen sie sich aus wie Nebelfetzen, die der Wind auseinandertreibt. Im Sommer 2017 hat Aljoscha eine solche Arbeit im Park des Schlosses Benrath errichtet. Am Ende des axialen Beckens in einem transparenten, unregelmäßig aufgetragenen Rot aus dem Wasser aufsteigend, wirkte das Benrather Objekt erst recht wie eine Blüte. Der Eindruck der Entfaltung wurde durch die Spiegelung auf der Wasserfläche gesteigert.

P-Landscape #35“, 2019, Öl, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 110 cm x 5 cm, © und Foto: Aljoscha

P-Landscape #35“, 2019, Öl, Acryl auf Leinwand, 100 cm x 110 cm x 5 cm
© und Foto: Aljoscha

Eine ähnliche Anmutung zwischen Vegetation und Architektur kennzeichnet nun Aljoschas neueste installative Arbeit, die bis März 2019 im Goethe-Museum in Düsseldorf zu sehen war. Im Italien-Oval im ersten Obergeschoss hingen miteinander verbundene, stufenweise mäandernde Glieder von der Decke und wuchsen zugleich neben einem Abguss der römischen Marmorstatue des Torso des Ilioneus vom Boden in die Höhe. Inmitten dieser glitzernden Transparenz, die wie erstarrtes Wasser wirkte, fanden sich einzelne Farbpartikel und sogar kleinere Objekte, die der Inszenierung eine erzählerische Ebene verliehen. Zugleich nahm die Installation nach draußen hin die Sichtachse zum Hofgarten auf.

Die abstrakten Formen erhoben sich aus der gekrümmten Körperhaftigkeit heraus, gewannen frei flottierend an Höhe, durchmaßen kantig den Raum und schlossen in langgestreckten Achsen. In ihrer leuchtenden Intensität erweckten sie noch August von Krelings Ölgrisaillen zu Goethes „Faust I“ (1872/73) im Nebensaal zum Leben. Überhaupt: Goethe – hier, im Goethe-Museum in Schloss Jägerhof! Natürlich war dies ein zentraler Anknüpfungspunkt für Aljoscha bei der Konzeption seiner Arbeit. Ohnehin findet er sich hier wieder mit seinen eigenen theoretischen Konzepten. Und so wendet er sich nun ganz konkret Goethes botanischen Studien und seinem morphologischen Entwurf einer fiktiven „Urpflanze“ zu, den er 1794 im Gespräch mit Schiller in einigen Zeichnungen skizziert hat.

Aljoscha seinerseits hat eine Morphologie entwickelt, die seine eigenen Konzepte des Bioism (der utopischen Verlebendigung uns umgebender tagtäglicher Materie) und des Bio-Futurismus (als Anliegen der Bioethik) weiterführt. – Bevor wir hier aber weiter einsteigen, relativiert Aljoscha, der Aleksey Alekseevich Potupin heißt, dass man das nicht unbedingt wissen muss. Die reine Schönheit mit ihren Abweichungen, Brüchen, Überraschungen reicht als Ereignis, das einen nachdenklichen, auch kritischen Moment bewahrt.

Hadaikum-II, 2019, Silikon, Öl, Polymethylacrylat Größe variabel © und Foto: Aljoscha

Hadaikum-II, 2019, Silikon, Öl, Polymethylacrylat Größe variabel
© und Foto: Aljoscha

Object 251a, 2018, Acryl, 27 cm x 47 cm x 18 cm © und Foto: Aljoscha

Object 251a, 2018, Acryl, 27 cm x 47 cm x 18 cm
© und Foto: Aljoscha

Object 263, 2018, Polymethylacrylat, pigmentiert, 180 cm x 90 cm 120 cm © und Foto: Aljoscha

Object 263, 2018, Polymethylacrylat, pigmentiert, 180 cm x 90 cm 120 cm
© und Foto: Aljoscha

Object 82, 2008, weiße Bronze, 18 cm x 181 cm x 15 cm
© und Foto: Aljoscha

Object 226, 2016, Acryl, Sandstein, 23 cm x 52 cm x 15 cm
© und Foto: Aljoscha

Zeichnung #8 (Mandrem / Indien), 2012, Bleistift auf Papier, 55,8 cm x 41,7 cm © und Foto: Aljoscha

Zeichnung #8 (Mandrem / Indien), 2012, Bleistift auf Papier, 55,8 cm x 41,7 cm
© und Foto: Aljoscha

Painting #8 aus der Purple Serie, 2018, Öl, Silikon, Polymethylacrylat, Acryl auf Pappe, 63,5 cm x 83,4 cm x 9 cm © und Foto: Aljoscha

Painting #8 aus der Purple Serie, 2018, Öl, Silikon, Polymethylacrylat, Acryl auf Pappe, 63,5 cm x 83,4 cm x 9 cm
© und Foto: Aljoscha

Painting #2 aus der Paradise Engineering Serie, 2016, Silikon, Öl, Polymethylacrylat auf Holzfaserplatte
© und Foto: Aljoscha

„P-Landscape #21", 2016, Öl auf Holzfaserplatte, 63 cm x 72 cm
© und Foto: Aljoscha

P-Landscape #26, 2016, Öl auf Holzfaserplatte, 65 cm x 74 cm
© und Foto: Aljoscha

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Profile

Aljoscha wurde 1974 in Glukhov in der Ukraine geboren. Er hat 2001 bis 2002 bei dem Maler Konrad Klapheck als Gasthörer an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf und 2006 bei Shirin Neshat und Shoja Azari auf der Internationalen Sommerakademie Salzburg studiert. Nach Anfängen in der Malerei und Zeichnung hat er sich Mitte der 2000er-Jahre auch der Objektkunst zugewandt. 2008 hat er den Ersten Preis für Skulptur beim Premia Bancaja in Valencia/Spanien und 2009 den Skulpturenpreis „Schlosspark 2009“ in Köln erhalten. Seit 2008 wird Aljoscha von der Galerie Beck & Eggeling in Düsseldorf und Wien vertreten. Darüberhinaus fanden Einzelausstellungen im Museo di Palazzo Poggi in Bologna, im Krefelder Kunstverein (beide 2009), im Kunstverein APEX in Göttingen (2011), im Erarata Museum in St. Petersburg (2014) und im Nationalen Naturkundemuseum Sofia (2015) statt. Aljoscha lebt und arbeitet seit 2003 in Düsseldorf.

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