Ausstellung

Künstlerinnen aus dem Depot geholt!

Die Ausstellung „ANDERS NORMAL!  Revision einer Sehschwäche“ im Märkischen Museum Witten macht auf die Unsichtbarkeit von Frauen in der bildenden Kunst aufmerksam

Gender Gap in der Kunst – diesem wichtigen Thema widmet sich das Märkische Museum Witten in der aktuellen Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“.

Dass weibliche Kunstschaffende auf dem Kunstmarkt und in der musealen Praxis in der Vergangenheit, aber auch noch in der Gegenwart eine untergeordnete Rolle spielten bzw. spielen, ist ein bekanntes Phänomen und spiegelt ein allgemeines, systematisches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern wider.

Geschlecht ist auf vielfältige Weise in unser Leben und unsere Gesellschaft eingewoben. Ob in Bildung, Beruf, Familie, Freizeitgestaltung, Medizin, Politik und Medien – immer noch spielen Differenzen, Ungleichheiten, Hierarchien, Benachteiligungen und Unterdrückung auf unterschiedlichen Ebenen eine zentrale Rolle. Seit 2015 haben die Vereinten Nationen deshalb „Geschlechtergleichheit (gender equality)“ als eines ihrer zentralen Nachhaltigkeitsziele innerhalb der Agenda 2030 festgelegt. Auch die geführten Diskussionen um Frauenquoten in Unternehmensvorständen oder politischen Parteien, die „MeToo“-Debatte der letzten Jahre, die vermehrte Bewusstwerdung um die als selbstverständlich angenommene, unbezahlte Care-Arbeit von Frauen innerhalb der Corona-Krise u.v.m. haben gezeigt, dass die geschlechterspezifischen Machtstrukturen in unserer Gesellschaft weiterhin zahlreiche Ungleichgewichte erzeugen. Um die unterschwelligen Machtverhältnisse und Marktstrategien aufzudecken und langfristig Veränderungen in Gang setzen zu können, müssen auch Museen sich ihrer unterschwelligen Strukturen bewusst werden und Veränderungen innerhalb der musealen Praxis vollziehen.

Das Märkische Museum Witten stellt sich mit der Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ dieser Herausforderung und hat in einem ersten Schritt die eigene Kunstsammlung in Bezug auf die Geschlechterverteilung genauer untersucht. Herausgekommen ist, dass  von insgesamt 726 künstlerischen Positionen 92 Künstlerinnen (= 12,7%) im Bestand vorhanden sind. Von diesen 92 Künstlerinnen besitzt das Museum 534 Werke, was rund 10% des gesamten Kunstbestandes umfasst. An diesem geringen Prozentsatz wird deutlich, dass in der Ankaufs- und Sammlungsstrategie des Märkischen Museums Witten weibliche Positionen zwar nicht ignoriert wurden, aber eine untergeordnete Rolle spielten. Viele der Kunstwerke wurden teilweise Jahrzehnte lang nicht gezeigt und sind im Depot in Vergessenheit geraten.

Die Ausstellung zeigt einen anderen Blick in die Sammlung des Museums und versucht, eine historische Sehschwäche aufzuarbeiten. Dafür wurden 50 Künstlerinnen von Beginn  des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ausgewählt. Die gezeigten Arbeiten decken fast die gesamte Historie des Museums ab: von seiner bürgerschaftlichen Gründung 1886 vom Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark zu Witten über die Anfangsjahre des Museumsbaus ab 1911, die bewegten Zeiten der 1920er- bis 1940er-Jahre, die spannungsreichen Nachkriegsjahrzehnte, die 1980er- und 1990er-Jahre mit der Erweiterung des Museums bis hin zu aktuellen Tendenzen des 21. Jahrhunderts. Zu sehen sind Gemälde, Grafiken und Objekte von bekannten Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker (1876-1907), Gabriele Münter (1877-1962) oder Käthe Kollwitz (1867-1945), aber auch viele regionale Künstlerinnen, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind bzw. in den letzten Jahren wiederentdeckt wurden. Dazu zählen unter anderem Ida Gerhardi (1862-1927), die um 1900 lange Zeit in Paris lebte und als Porträtmalerin große Erfolge feierte, aber auch die Hagener Künstlerinnen Lis Goebel (1884-1970) und Grete Penner (1892-1972), die zentrale Akteurinnen in der Kunstszene um Karl Ernst Osthaus waren. Auch Wittener Künstlerinnen wie Elisabeth Schmitz (1886-1954) bis zu aktuellen Malerinnen wie Susanne Stähli (*1959) sind vertreten. Im Sammlungsschwerpunkt des Märkischen Museums Witten – der deutschen informellen Malerei und Grafik seit den 1950er-Jahren – zeigt sich eine Besonderheit: Im Wittener Sammlungsbestand sind kaum Künstlerinnen vertreten, die sich dieser Kunstrichtung gewidmet haben. Die Künstlerinnen der 1960er- bis 1990er-Jahre waren eher im Bereich der konkreten Kunst, wie z. B. Gerlinde Beck (1930-2006), oder in der figurativen Malerei tätig, z. B. RISSA (*1938) und Maina-Miriam Munsky (1943-1999), und haben dort ganz eigenständige Positionen entwickelt. Die Vielfältigkeit der künstlerischen Themen und Ausdrucksmöglichkeiten wird auch anhand der unterschiedlichen zeitgenössischen Positionen wie Frauke Dannert (*1979), Anna Holzhauer (*1980) oder Kirsten Krüger (*1966) sichtbar.

Neben der Präsentation der eigenen Sammlung hat das Märkische Museum Witten die Kölner Multi-Media-Künstlerin Johanna Reich (*1977) mit ihrem Projekt „RESURFACE“ (dt. Wiederauftauchen) eingeladen. In diesem sich ständig erweiternden Projekt setzt sie sich  mit dem Verschwinden und Wiederentdecken von Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts auseinander. In ihren Arbeiten beschäftigt sich Johanna Reich mit verschiedenen Aspekten von Sichtbarkeit, der medialen Repräsentation von Bildern und der fortschreitenden Digitalisierung. Sie untersucht den Einfluss von Bildern, Medien und digitalen Algorithmen auf unser Denken, unsere Wahrnehmung und unser Rollenverständnis. In dem seit 2012 fortlaufendem Projekt „RESURFACE“ wirft sie einen Blick zurück auf die Vergangenheit von Frauen in der Kunst. Sie thematisiert damit nicht nur den systematischen Ausschluss von Künstlerinnen aus dem Kunstkanon, sondern setzt sich auch mit dem Rollenverständnis von Künstlerinnen in der Gegenwart auseinander. Dazu nutzt sie in Archiven gefundene Porträtfotos von internationalen Künstlerinnen. Diese werden als Polaroids abfotografiert und während des chemischen Entwicklungsprozesses gescannt. So entstehen Bilder, die das reale Verschwinden von Frauen aus dem Kunstkanon und ihr Wiederentdecken auch auf einer medialen Ebene sichtbar werden lassen. Das Projekt „RESURFACE“ ist vielschichtig und enthält unterschiedliche Foto-, Video- und Soundarbeiten. Ein wichtiger Bestandteil ist die erhöhte Sichtbarmachung der Künstlerinnen durch Erstellen von Wikipedia-Einträgen und damit eine Sichtbarmachung in dem heute größten digitalen Wissensspeicher.

Die Ausstellung „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“ macht anhand einer spezifischen Museumssammlung auf ein weltweites Phänomen aufmerksam. Neben den Kunstwerken bietet die Ausstellung auch ein umfangreiches Angebot an Informationen zu den Kunstwerken, Künstlerinnen und feministischen Themen. Neben klassischen Wandtexten bietet das Museum zu rund 25 Werken digitale Informationen über die Augmented Reality-App Artivive und NCF-Tags an. Im begleitenden Ausstellungskatalog (erschienen im Verlag Kettler, Museumsausgabe 20,- €) finden sich Hintergrundinformationen zum Thema Frauen in der Kunst, der Geschichte der Museumssammlung und den einzelnen Künstlerinnen.


Auf einen Blick

Ausstellung: „ANDERS NORMAL! Revision einer Sehschwäche“

Ort: Husemannstraße 12, 58452 Witten

Dauer: bis 20. Februar 2022

Internet: https://www.kulturforum-witten.de/maerkischesmuseumwitten/

Öffnungszeiten: Mi – So 12:00-18:00 Uhr

Eintritt frei!

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Das Märkische Museum Witten verfügt über eine Sammlung mit rund 5.000 Werken deutscher Malerei und Grafik des 20. Jahrhunderts. Einen Schwerpunkt bildet das deutsche Informel. Die wichtigsten Protagonisten, wie zum Beispiel K.O. Götz, Peter Brüning, Winfred Gaul, Gerhard Hoehme, Emil Schumacher, Fred Thieler und viele andere, sind in der Sammlung vertreten. Das Museum spiegelt die Entwicklungen der Abstraktion in der Kunst in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wider. Ein ausgesuchter Bestand an Werken der Expressionisten bildet den Grundstock der Sammlung. Neben den wechselnden Sammlungspräsentationen stellen die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst einen weiteren Schwerpunkt des Hauses dar. Hierbei werden aktuelle Entwicklungen der deutschen und internationalen Gegenwartskunst vorgestellt.

[Foto: Jörg Fruck]

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