Interview

Die Renaissance der Illustration

Ein gemeinsames Projekt von boesner Berlin und Studenten der BTK – Hochschule für Gestaltung beleuchtet die Vielfalt zeitgenössischer Illustration. Im Interview mit dem Kunstportal wirft Hans Baltzer, Illustrator, Grafikdesigner und Professor für Illustration an der BTK, einen Blick auf Ausbildungswege, Trends und Entwicklungen.

boesner: „Berlin Unsichtbare Stadt“ war das Thema, zu dem die Studenten des Studiengangs Illustration der BTK – Hochschule für Gestaltung ihre Ideen zu den verborgenen, unerwarteten Seiten der Großstadt umsetzen sollten. Die 12 besten Arbeiten schafften es in den gleichnamigen Kalender, von dem wir inzwischen mehr als 600 Stück verkauft haben. Haben Sie mit Ihren Studenten darauf angestoßen, Herr Baltzer?

Hans Baltzer: Das war ein toller Erfolg! Es hat mich darin bestärkt, wie wichtig solche Kooperationen sind. Gerade für die Studierenden ist es eine gute Erfahrung, schon während der Studienzeit im Rahmen eines angewandten Projektes arbeiten und veröffentlichen zu können.

boesner: Wie geht es den Illustratoren in Deutschland?

Hans Baltzer: Sehr unterschiedlich. Wenn man sich für einen künstlerischen Beruf entscheidet, muss man mit einem gewissen Risiko rechnen. Ich habe als Illustrator gut leben können, das ist aber nicht selbstverständlich. Nach einer aktuellen Befragung der Illustratoren Organisation e.V., dem Berufsverband der deutschsprachigen Illustratoren, liegen knapp 40 % der Kollegen mit ihrem aus künstlerischer Arbeit erzielten Einkommen nahe oder sogar unterhalb der Armutsgrenze. Wir sprechen hier von gut ausgebildeten, meist studierten Leuten. Dabei bilden die Frauen in der Kategorie „Schlechtverdiener“ eine deutliche Dreiviertelmehrheit. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass viele Illustratorinnen besonders im Kinder- und Jugendbuchbereich tätig sind, einem zwar boomenden, aber auch relativ schwierigen Marktsegment. Im Vergleich zu den frühen Neunzigerjahren hat sich die Anzahl der Neuerscheinungen hier vervielfacht, die Zahl der Käufer hingegen ist gleich geblieben. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Verlagserlöse und damit auf die Honorare und Tantiemen der daran beteiligten Künstler. Zudem gibt es viele andere Medien, mit denen das Kinderbuch heute konkurrieren muss. Tatsache ist aber auch, dass jemand der Autos oder Versicherungen verkauft, in der Regel ein höheres Einkommen erzielt als ein Illustrator auf dem Buchmarkt. Das sagt etwas über den Stand der Kultur in unserer Gesellschaft aus. Ich habe nichts gegen die erstgenannten Berufe, finde aber, dass kreative Arbeit eine höhere Wertschätzung verdient hat, die sich eben auch wirtschaftlich niederschlagen sollte.

Und doch gibt es gute Nachrichten: Die vor 15 Jahren in den USA begonnene Renaissance der Illustration ist längst auch in Deutschland angekommen. Das Spektrum hat sich deutlich erweitert, sowohl was die Einsatzgebiete als auch neue künstlerische Handschriften betrifft.

boesner: Wie gestaltet sich die Arbeit von professionellen Illustratoren heute?

Hans Baltzer: Professionelle Illustratoren arbeiten heute in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen und mit allen verfügbaren Techniken für einen globalen Markt. Das reicht vom Storyboard bis zum interaktiven Sachbuch und vom Bleistift bis zur 3-D-Software. Ich denke, dass dieser Trend in Zukunft noch wachsen wird. Das Wichtigste ist aber immer noch der Kopf, und nicht der Stift.

boesner: Auf welche Weise sind Sie zu Ihrer Professur gekommen?

Hans Baltzer: Das ist mir sozusagen „passiert“. Eine Kollegin hat mich auf die Stellenanzeige hingewiesen, ich habe eine Bewerbung als „Testballon“ gestartet und bin glatt genommen worden. Rückblickend betrachtet ein Zusammenspiel von Zufall und Glück. Ich habe aber schon vorher regelmäßig unterrichtet, z.B. am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald und an der Jugendkunstschule Pankow hier in Berlin.

boesner: Wie ist der Studiengang aufgebaut?

Hans Baltzer: Der Studiengang Illustration an der BTK ist ein Bachelor-Programm, das auf sieben Semester angelegt ist und mit dem international anerkannten Bachelor of Arts abschließt. Eine relativ kurze Zeitspanne, in der wir versuchen, so viel Wissen und Handwerk wie möglich zu vermitteln. Das Studium an der BTK gliedert sich in Grundlagen, Theorie, Projektstudium und Ergänzungen und ist interdisziplinär angelegt. Die Studierenden können auch Module in anderen Studiengängen der BTK belegen, sie haben damit die Möglichkeit, ihr Studium individuell nach unterschiedlichen Schwerpunkten zu gestalten.

boesner: Liegt Ihnen etwas besonders am Herzen, was Sie Ihren Studenten unbedingt vermitteln möchten?

Hans Baltzer: Besonders wichtig ist mir die Vermittlung zeitloser analoger Techniken, wie z.B. der künstlerischen Druckgrafik. Dabei steht das experimentelle und prozesshafte Arbeiten ohne „Apfel Z“, also ohne schnelles Rückgängigmachen via Kurzbefehl, im Mittelpunkt: die Chance, Fehler zu machen und dabei das Improvisieren zu lernen. Für mich macht das den Kern kreativen Arbeitens aus. Außerdem ist das Zeichnen unverzichtbar – nicht nur als handwerkliche Grundlage, sondern auch als elementare Kulturtechnik zur Kommunikation und Ideenfindung – auch wenn Arbeitsweisen, Anforderungen, technische Workflows und Anwendungsspektren durch die Entwicklung der digitalen Medien einem ständigen Wandel unterliegen.

boesner: Ich habe kürzlich mit einer Illustratorin über einen „typischen Charakter von Illustratoren“ gesprochen, der Ihr bereits im Studium begegnete. Gibt es dieses typische Wesen des Illustrators tatsächlich?

Hans Baltzer: Das ist ein weit verbreitetes Klischee, aber eigentlich Quatsch. Es gibt hier so viele unterschiedliche Charaktere wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft auch. Gute Sachen zu machen erfordert Hingabe, Können und Konzentration – in diesen Phasen ist man eventuell etwas weniger gesprächig.

boesner: Gibt es Trends in der Verwendung von Materialien und ein Besinnen auf analoge Techniken oder ähnliche erkennbare Strömungen?

Hans Baltzer: Ja, der seit Jahren anhaltende DIY-Trend ist sicher ein Grund dafür. Viele Studierende sind begeistert vom Erlernen analoger Techniken, weil sich das gerade für Anfänger schwer kontrollieren lässt und ein bisschen anarchisch ist. Im Gegensatz zur digitalen Welt wird das als „echte“ Erfahrung wahrgenommen. Immer wieder sehe ich, dass viele Schüler an staatlichen Grundschulen und Gymnasien heute im Kunstunterricht kaum noch damit in Berührung kommen. Kein Wunder, wenn auch auf höherer Verwaltungsebene oftmals abfällig von „Tuschfächern“ gesprochen und der Kunstunterricht von nicht dafür ausgebildeten Lehrern vertreten wird – oder gleich ganz ausfällt.

boesner: Was macht eine gute Mappe aus?

Hans Baltzer: Eine häufig gestellte Frage – die sichtbare Begeisterung, der Spaß an der Sache. Eine Mappe sollte den Menschen vorstellen, der diese Arbeiten gemacht hat. Sie sollte nicht erlernt oder konditioniert wirken.

boesner: Welche Fächer kann man außerdem an der BTK/FH studieren?

Hans Baltzer: Ein breites Spektrum von ganz unterschiedlichen Disziplinen: Motion- und Filmdesign, Fotografie, Kommunikationsdesign, Interaction Design, Game Design und Mediale Räume. Einige Programme werden auch komplett auf Englisch angeboten, in den Studiengängen Fotografie und Mediale Räume gibt es Master-Programme.

boesner: Können Sie uns etwas über die Projekte erzählen, die bei Ihnen persönlich derzeit anstehen?

Hans Baltzer: Gerade habe ich ein neues Buch für den Ankerherz Verlag illustriert: „Sturmwarnung“, die spannende Lebensgeschichte von Käpt‘n Schwandt, einem echten Hamburger Original. Kann ich sehr empfehlen. Außerdem haben die Illustratorinnen Judith Drews, Kristina Brasseler und ich im letzten Jahr gemeinsam begonnen, originalgrafische Plakate im Linolschnitt mit alten Buchdruckschriften zu drucken. „Die Lettertypen“ sind hier unsere Partner. Die Druckerei ist einer der letzten Orte für den traditionellen Buchdruck in Deutschland, einige der dort zur Verfügung stehenden Lettern sind über hundert Jahre alt. Ein großer Schatz, den wir gern weiter nutzen wollen!

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Profile

Hans Baltzer, geboren 1972 in Berlin, hat Schriftsetzer gelernt, bevor er an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und in den USA Kommunikations-Design studierte. Er ist Mitbegründer des vielfach prämierten Berliner Studios milchhof : atelier.

Baltzers Arbeiten wurden bereits weltweit veröffentlicht. Sein Œuvre umfasst neben Designs für Bücher und Poster auch Illustrationen und Kunstwerke für Leporellos, Plattencover, Spielkarten, Magazine und Wandmalereien. Das Jugendsachbuch „Mit Pinsel & Palette“ wurde 2012 von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

Seit 2013 ist Baltzer Studiengangsleiter und Professor für Illustration an der BTK in Berlin.

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