Hintergrund

Global Player im Großstadtdschungel

In Berlin, Prenzlauerberg. Und zwar dort, wo die Hauptstadt gewaltig brodelt, sich versprengte Touristenströme mit der hier ansässigen Bevölkerung mischen. Über den Köpfen die U-Bahn, im Übergang zur Straßenbahn. Breite Bürgersteige, trotzdem zu wenig Platz, viel Autoverkehr in alle Richtungen, von der Kreuzung geht noch seitlich eine Verkehrsstraße ab. Ein Stück weiter die Max-Schmeling-Halle. Der Charme des Urbanen hat sich an der Eberswalder Straße über die Jahrzehnte erhalten.

Sandra Rauch, deren Atelier sich hier im obersten Stockwerk eines ehemaligen Verwaltungsbaus im Hof befindet, nimmt die kontinuierliche Unruhe am Rande wahr. Die überbordende Präsenz des Großstädtischen ist ein Merkmal ihrer Malerei mit den Mitteln des Siebdrucks. Sie arbeitet die Quintessenz des Beständigen und der Veränderung heraus. Gedruckt auf eine Scheibe aus Acrylglas und dadurch von dieser geschützt, sind die prominenten Fassaden der globalen Metropolen in einer Weise voreinander geschichtet, in der das Dokumentarische mitunter wie im Fotonegativ konserviert ist und als hauchdünne Schicht in komplementärer Farbigkeit stellenweise geradezu zerbröselt. Schriftzüge und Leuchtbänder verschwimmen im grellen Schimmer von Neon. Goldfarbenes Pigment drückt sich körnig gegen das Acrylglas. Luft scheint zu vibrieren. Die Häuserfronten staffeln sich bis an den Bildrand oder sind von einem Horizont umfangen, der sie ausschneidet. Und dann kippt mitten im Bildgeschehen die Fläche nach hinten, Straßenfluchten leiten als Schneisen wie im Sog in die Tiefe. Schon die Billboards signalisieren mit ihren unterschiedlichen Größen Nähe und Ferne. Mitunter liegen zwischen den Hausfassaden gegenstandsfreie Streifen oder Felder, die in den Vordergrund treten und das Bildgeschehen auf die Fläche zurückführen. Unwillkürlich läuft der Betrachter zum glühend farbigen Bild hin, staunend tritt er zur Seite, nimmt immer neue Blickpunkte ein und widmet sich den Einzelheiten. Er entdeckt Ordnungen im Bildgeschehen und stellt fest, wie präzise das Urbane hier gefügt ist: dass das, was hier als wuselnde Fülle auftritt, einer klaren Komposition folgt. Stadt wird als dynamisches Ereignis geschildert, und wir sind mittendrin. Wir schauen aus einem Auto auf den Straßenverkehr. Dann wieder poppen vor der Skyline Sprechblasen und Schriftzüge wie ein Feuerwerk auf. Die Anspielungen auf Comics wie auch auf Graffiti sind aus dem globalisierten Leben genommen. Abblätternde Hausreihen kollidieren mit den Lichterketten der Geschäftsstraßen. Und dann sind da die Hunderte Jahre alten Wahrzeichen, die Synonyme für Orte sind, die wir aus der eigenen Anschauung oder durch ihre Medialität kennen und die zum kollektiven Wissen unserer Zivilisation gehören. Sandra Rauchs Motive repräsentieren unsere realistischen Träume von der weiten Welt. Sie verdichten Erinnerungen an einen Urlaub und an das „Dabei-Sein“ etwa am Times Square in New York oder in Paris, Shanghai und Venedig. Mit solchen Werken, vorgetragen in einer ganz eigenen, von ihr selbst entwickelten Technik, hat Sandra Rauch seit etlichen Jahren großen Erfolg. Sie wird international vertreten von Lumas und zeigt ihre Bilder auf der Aida-Linie, welche die großen Städte mit dem Schiff verbindet.

Sandra Rauch bei der Arbeit in ihrem Atelier
© Raimar von Wienskowski

Sandra Rauch bei der Arbeit in ihrem Atelier
© Raimar von Wienskowski

Sandra Rauch bei der Arbeit in ihrem Atelier
© Jens Becker

Sandra Rauch bei der Arbeit in ihrem Atelier
© Jens Becker

Sandra Rauch empfängt uns am Fahrstuhl. Ein freundliches Lachen. Die Tür zum Atelier steht offen. Mitten im Raum ein Tisch mit Stühlen für das Gespräch, dort auch der Laptop. Wir haben Glück, draußen scheint die Sonne. Das Atelier mit der langgestreckten Fensterfront ist in helles Licht getaucht. Für die intensiven Arbeitsphasen bei jedem Wetter hängen Lichtschienen vom offenen Dachstuhl. An der Wand und den Pfeilern davor lehnen fertige Bilder aus unterschiedlichen Werkphasen, auch die jüngere Serie mit Cowboys, die wie auf Fahndungsplakaten gezeichnet sind. Auf dem Boden liegen mehrere Werke in verschiedenen Stadien mit dem „Gesicht“ auf der Acylglasscheibe, also nach unten gerichtet. Die gebrauchten Siebe sind zur Seite geschoben, Farbdosen stehen in Gruppen auf dem Boden. Das Atelier umfasst als Loft das gesamte Stockwerk. Eine Treppe führt auf eine weitere Etage, die zurückgesetzt ist. Sandra Rauch nickt: Von dort oben lassen sich die Bilder gut überprüfen. Der Herstellungsprozess selbst ist vielschichtig und hat eine Menge mit Erfahrung und Gefühl zu tun. Zunächst: Nach dem Aufenthalt in einer „ihrer“ Metropolen können bis zu zwei Jahre vergehen, bevor sich Sandra Rauch wieder ihre vielen Fotos vornimmt, und zwar am Computer. Im Sichten stellt sie einzelne Aufnahmen als Bildentwürfe zusammen. Diese Fotos überträgt sie dann auf die Siebe. Als Technik ist ihr der Siebdruck schon deshalb wichtig, weil sie so den einzelnen Pinselstrich und damit jeden individuellen Duktus vermeiden kann: Für das Sujet der zeitgenössischen Großstadt in ihrer Anonymität sei das schließlich kaum angemessen, sagt Sandra Rauch. Sie druckt nacheinander mit jedem der Siebe auf das Acrylglas am Boden, dabei kann sie nur das Negativ im Hell-Dunkel-Kontrast sehen. Sie bedenkt, wie sich einzelne Streifen beim Drucken überlagern, dann wieder soll die Farbe nicht ganz decken: In kontrolliertem Maß lässt Sandra Rauch den Zufall zu. Ein Restrisiko bleibt. Missglückt eine Partie oder schließen die Flächen nicht perfekt aneinander, so ist der ganze Aufwand umsonst gewesen.

Berlin Bang Bang, 2013, Mischtechnik auf Acryl, 200 x 200 cm
© Sandra Rauch

Berlin Pin, 2012, Mischtechnik auf Acryl, 200 x 200 cm
© Sandra Rauch

Berlin Cosmo Baby, 2015, Mischtechnik auf Leinwand/Audiobespannung, 100 x 100 cm
© Sandra Rauch

A real nasty guy, 2016, Mischtechnik auf Acryl, 200 x 200 cm
© Sandra Rauch

Goldene Else in LV, 2015, Mischtechnik auf Acryl, 200 x 200 cm
© Sandra Rauch

New York My Love, 2014, Mischtechnik auf Acryl, 80 x 120 cm
© Sandra Rauch

NYC allday, 2014, Druckvorlage digital
© Sandra Rauch

Hollywood, 2011, Druckvorlage digital
© Sandra Rauch

TV Acrylic Superman, 2015, TV /SLK Plexiglas, 200 x 250 cm
© Sandra Rauch

Hong Kong My Diamond, 2014, Druckvorlage digital
© Sandra Rauch

Hong Kong diamond, 2014, Druckvorlage digital
© Sandra Rauch

Tokyo, Shinyuko, 2015, Mischtechnik auf Acryl, 80 x 120 cm
© Sandra Rauch

Good traffic in Shibuya, 2016, Mischtechnik auf Acryl, 200 x 200 cm
© Sandra Rauch

TV Acrylic Superman, 2015, TV / SLK Plexiglas, 200 x 250 cm
© Sandra Rauch

Sandra Rauch arbeitet mit den Effekten und Emotionen ihrer Stoffsammlungen und variiert zwischen plakativer Dichte und feinnerviger Räumlichkeit. Die Szenen handeln mit dem Licht der Nacht und manchmal auch der Helligkeit des Tages. Sie geben die Fassaden des Luxus wieder und blicken noch hinter diese. Dieser Realismus ist hochaktuell. Zugleich beruht er auf der Kunstgeschichte. So folgen die Bilder in ihrer Motivik und deren Genauigkeit der Tradition der Vedutenmalerei. Das Verfahren des Siebdrucks verbindet diese Bilder aber mehr noch mit der Pop Art. Zu dieser gibt es weitere Bezüge. Die Bilder widmen sich alltäglichen Phänomenen, die hier noch überhöht sind. Dazu trägt die Farbwahl bei, besonders das leuchtende Rot und – seit einigen Jahren – das Gold. Oder das tiefe Schwarz, das umso mehr die Signalfarben betont. Und vor allem wenden sich die Darstellungen der konsumorientierten Gesellschaft zu. Das und die collagenhafte Kombinatorik haben sie wiederum mit den zeitkritischen Montagen von Raoul Hausmann und Hannah Höch im frühen 20. Jahrhundert in Berlin gemeinsam, mit dem damaligen Tanz des Mondänen auf dem Vulkan. Sandra Rauch spricht die Reizüberflutung an, das Auf-uns-Einstürzen an Informationen und das allzu Perfektionierte, welches die gesellschaftlichen Probleme schafft und zugleich übertüncht, mit der Winzigkeit des Menschen: Denn was hier dominiert, sind die aufragenden Häuserfronten mit ihren Reklameschriften, dem Kunstlicht und den flackernden typografisch gestalteten Signets, bei denen jeder sofort weiß, was gemeint ist, die weltweit lesbar sind und folglich auch eine Verdrängung des Lokalen und Individuellen bedeuten. Und dann rücken doch wieder die strahlende Sinnlichkeit und die produktive Umtriebigkeit des städtischen Lebens in den Vordergrund.

Sandra Rauch wurde 1967 im Ostteil von Berlin geboren. Sie hat zunächst Schriftgestaltung und Schildermalerei gelernt und nach ein paar Jahren der praktischen Berufsausübung an den Kunsthochschulen in Berlin-Weißensee und in Dresden studiert. In Dresden ist Ralf Kerbach ihr Professor. Kerbach, der selbst in den 1980er-Jahren mit der Gruppe „Malstrom“ größere Bekanntheit erlangte, lässt Sandra Rauch beim experimentellen Umgang mit dem Medium der Druckgrafik freie Hand. Sie forscht nach der Aktualität der vermeintlich ausgereizten Techniken. In den frühen 2000er-Jahren fertigt sie Siebdrucke auf mittelformatigen Leinwänden an, schon da mit der Motivik der Stadt. Sandra Rauch blättert in einem älteren Katalog: Durchgehend dominiert ein verwaschenes Blau. Lediglich weiße Spuren und die harten Kanten und Überlagerungen der urbanen Motive unterbrechen diese Temperierung. In jedem dieser Bilder nimmt der Betrachter eine andere Perspektive ein, einmal schaut er von erhöhtem Standpunkt auf blockartige Bauten, dann sieht er Hochhäuser im Gegenüber, oder Gleise mit einer Bahn schieben sich schräg in den Vordergrund. Natürlich handeln diese ausgesprochen malerischen Bilder bereits von der Auseinandersetzung mit der Stadt als sozialem Raum, in dem der einzelne Mensch kaum noch in Erscheinung tritt.

Sandra Rauch berichtet, dass sie schon in den 1990er-Jahren unweit von hier, in der Auguststraße, an einer Atelier- und Ausstellungsgemeinschaft beteiligt war, dem „Salon Europa“. Auch im jetzigen Atelier an der Eberswalder Straße organisiert sie ein- bis zweimal im Jahr Ausstellungen: Stimmt, unten an der Klingel steht ja auch „Salon Europa“. Zu erläutern wäre jetzt die Situation, vor der sich die Künstler zusammengefunden haben, und wie sie selbst den Wandel der Stadt erlebt hat und noch erlebt … Aber die aktuellen Bilder betonen doch, dass ihr Interesse nach vorn geht und wie wichtig ihr ist, mit der Gegenwart und deren technischen Errungenschaften Schritt zu halten – Sandra Rauch bezeichnet sich selbst als TecArtist – und dazu andere Kommunikationsmedien einzubeziehen. Sie erzählt von ihren Aufenthalten im Silicon Valley 2011 und 2012, wo sie in einer Garage geforscht und ihre Bilder entwickelt hat. Seitdem bezieht sie bei einzelnen Bildern Kunstlicht, das Fernsehen und Sound ein, indem sie deren Technologien konkret in die Darstellung integriert. Auch solche Arbeiten hängen, lehnen im Atelier. Auf der Galerie leuchtet der Neon-Schriftzug „Wild Wild West“ als Bestandteil einer Siebdruck-Arbeit hinter Acrylglas. Und in ein anderes dieser Bilder ist ein Monitor eingearbeitet, der – interaktiv – mit dem iPhone zu steuern ist und dann das Fernsehprogramm oder, je nach Betrachterwunsch, gespeicherte Aufnahmen zeigt. Ebenso gibt es Bilder mit Soundmodulen. Erst recht hier: Derart verführt, ist der Betrachter Mitwirkender an der Arbeit. Äußerst präzise in den Motiven und deren Setzung als Siebdruck, arbeitet Sandra Rauch mit und gegen die buchstäbliche Oberflächlichkeit im Ereignisraum Großstadt. So schön und überraschend diese Bilder sind: Sie reflektieren vorsichtig optimistisch unsere Zivilisation.

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Profile

Geboren 1967 in Berlin, studierte Tec Artistin Sandra Rauch Kommunikationsdesign an der KHB Berlin. Nach Studienaufenthalten in Italien und Frankreich studierte die Künstlerin Grafik und Freie Malerei an der HfBK Dresden bei Professor Ralf Kerbach, bei dem sie auch Meisterschülerin und im Anschluss künstlerische Assistentin war. Sandra Rauch lebt und arbeitet in Berlin.

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