Material & Inspiration

Ein unverwechselbares Kolorit

Mit seiner Neuausgabe des „Büchlein vom Silbersteft“ ruft der Cenninas Verlag eine nahezu vergessene Zeichentechnik wieder ins Bewusstsein.

Als sie vor einiger Zeit für ihre eigene Malerei erfolglos nach einer Plattform suchte, die Material, Wissen und hochwertigen Unterricht zu den Techniken der alten Meister vereinte, beschloss Aline Ehrhardt, selbst ein solches Projekt ins Leben zu rufen. Die Gründung der Firma Cenninas und des gleichnamigen Verlages vor zwei Jahren ist ein Ergebnis daraus. 2015 gab sie mit Cennino Cenninis „Buch von der Kunst“ einen wahren Klassiker der Maltechnik neu heraus und ruft mit Joseph Meders „Büchlein vom Silbersteft“ eine nahezu vergessene Zeichentechnik wieder ins Bewusstsein.

„Der Silberstift ist ein wunderbares, feines Zeichengerät. Heute fast unbekannt, war er vor allem in der Renaissance ein unverzichtbares Mittel zum Entwerfen von Bildern, aber auch für eigenständige Zeichnungen. Der historische Vorläufer des Bleistifts lässt sich nicht durch heutiges Material ersetzen, sein feiner Strich und das typische Kolorit sind unverwechselbar“, schreibt Aline Ehrhardt im Vorwort zu der von ihr herausgegebenen und überarbeiteten Ausgabe des „Büchlein vom Silbersteft“ von Joseph Meder. Im Interview verrät sie, was sie an dem Medium Silberstift fasziniert.

Aline Ehrhardt Portrait
Aline Ehrhardt möchte die Brücke von den historischen Maltechniken zu ihrer zeitgemäßen Verwendung heute schlagen.

boesner: Frau Ehrhardt, wie sind Sie auf Joseph Meders „Das Büchlein vom Silbersteft“ aufmerksam geworden?

Aline Ehrhardt: Vor einigen Jahren wurde ich durch eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel von Silberstiftzeichnungen aus historischen Skizzenbüchern inspiriert. Ich war so begeistert von ihrer starken Wirkung, dass ich diese Zeichentechnik selber erlernen wollte. Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass es nur sehr wenige Anleitungen zu dieser Technik gab. Eine der wichtigsten war „Das Büchlein vom Silbersteft“.

boesner: Was fasziniert Sie am Zeichnen mit dem Silberstift?

Ehrhardt: Einmal ist es der Prozess des Zeichnens selber: Die Linien müssen sehr bewusst gesetzt werden (es ist keine Korrektur möglich), gleichzeitig sind es sehr feine Linien, deren Intensität durch viele zarte Striche gesteigert wird. So kann auch modelliert werden. Zum anderen fasziniert mich daran, dass mit dieser Technik sofort die Atmosphäre der Renaissancezeichnungen quasi „abrufbar“ ist.

boesner: Wodurch unterscheidet sich das Zeichnen mit dem Silberstift von anderen Zeicheninstrumenten, z.B. dem Bleigriffel?

Ehrhardt: Der Bleigriffel wurde hauptsächlich zur Unterzeichnung verwendet. Sein Abrieb war relativ schwach und grau. Die Silberstiftzeichnung hingegen oxidiert im Laufe der Zeit zu einem sehr schönen Sepiaton. Sie wurde bevorzugt, als die Zeichnung selber als eigenständiges Kunstwerk an Bedeutung gewann.

boesner: Wie ist ein Silberstift beschaffen?

Ehrhardt: Der Griff eines Silberstiftes variiert von kunstvoll gegossener Spiralform über einen großen Nagel bis hin zum modernen Druckbleistifthalter. Entscheidend ist ein Stück Feinsilberdraht, das entweder an die Spitze gelötet oder in eine Halterung eingeklemmt wird.

boesner: In welcher Weise muss das Papier vorbereitet werden und warum?

Ehrhardt: Hierbei ist es wichtig, das Papier mit einer schwefelhaltigen Grundierung zu versehen. Das ist mit unterschiedlichen Pigmenten möglich. Auch pastellfarbigeTönungen werden verwendet. Der Schwefel in der Grundierung bewirkt zusammen mit der Luft die Oxidation des Silberabriebs auf dem Blatt zu der begehrten Sepiafarbe.

Das Büchlein vom Silbersteft

von links: Zirkel mit Bleigriffel (Dürer), Silberstift aus Jan Mabuse, Silberstift des Hans Baldung, Silberstift des Hans Cranach - Zeichnung J. Meder
Seite aus "Das Büchlein vom Silbersteft"

boesner: Woher rührt Ihr Engagement für dieses Zeichengerät?

Ehrhardt: Es würde mich freuen dazu beizutragen, dass dieses wundervolle Werkzeug nicht in Vergessenheit gerät. Indem ich das Büchlein von Herrn Meder wieder verlege, wiederhole ich sein Anliegen. Auch er wollte die Silberstifttechnik der Renaissance damit wiederbeleben.

boesner: Frau Ehrhardt, Sie setzen sich mit Ihrer Firma Cenninas und dem gleichnamigen Verlag dafür ein, historische Maltechniken für eine Anwendung in der heutigen Zeit aufzuarbeiten. Was macht diese Techniken für Sie heute so wertvoll?

Ehrhardt: In einem von schnell verfügbarem Konsum geprägten Umfeld findet auch die Kunst einen entsprechenden Ausdruck. Sowohl vom Inhalt, als auch von Malmaterial und -technik scheinen mir die Ausdrucksmittel oft verarmt, abgeschnitten von unserer reichhaltigen kulturellen Herkunft. Historische Techniken können, ohne museal wirken zu müssen, unser Kunstschaffen immens bereichern, auch unseren jetztzeitigen künstlerischen Ausdruck.

boesner: In Ihrem Verlag ist 2015 auch Cennino Cenninis „Das Buch von der Kunst“ erschienen. Welche Publikation steht als nächstes auf dem Programm?

Ehrhardt: Mir ist es wichtig, die Brücke von den historischen Maltechniken zu ihrer zeitgemäßen und zweckmäßigen Verwendung heute zu schlagen. Daher plane ich auch zeitgenössische Künstler zu Wort kommen zu lassen, deren Schaffen vom Wissen der alten Meister getragen ist und durch ihre Arbeit auch weiterentwickelt wird.

www.cenninas.com

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