Kunst & Künstler

Die Freiheit der Malerei

Die Malerin Stephanie Abben

Was für ein Bild! „Kurilskoje Krone“ (2016) ist so wahr wie es surreal ist, ebenso von dieser Welt wie es ein Luftschloss ist. Zwei Sphären stoßen aufeinander. Vom linken Rand fällt ein in sattem Grün bewachsenes Gelände steil ab, im Vordergrund windet sich Astwerk, während im Mittelgrund kahle Baumstümpfe in den Himmel ragen. Abrupt stößt das abschüssige Erdstück auf schräg verlaufende Holzstufen und auf die Gerüstkonstruktion eines Hauses. Dieses führt wie eine Brücke über einen Abgrund in die rechte Bildhälfte, wo sie auf einem Felsstück aufliegt.

Mit ihren orangefarbenen, teils umgeschlagenen Planen vermittelt die verschachtelte Konstruktion zwischen Innenraum und Landschaft. Dahinter ragt ein roher, das Bild in seiner ganzen Höhe durchmessender, dadurch monumental wirkender Baukörper nach oben. Ein Ast erstreckt sich noch bis dahin, krallt sich geradezu an dieser Architektur fest und verbindet so die beiden Sphären wie im Überlebenskampf: als Polarität zwischen der urwüchsigen Natur und dem sachlich effizienten Bauen aus Stahl und Beton.

Kurislkoje Krone, 2016, Öl auf Leinwand, 200 x 240 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Die abstürzende Natur wirkt in ihrer Üppigkeit fast fotorealistisch, und dann kippt plötzlich alles, wirkt unglaublich. Die Perspektive fällt auseinander. Von einem eigentlich kleinen Baum im Mittelgrund wächst ein immer länger werdender, sonnenbeschienener Ast zu dem großen Baumstumpf und umschlingt diesen. Dieser wandelt sich ein Stück weit zu einem gelblich weißen Flimmern, das vielleicht an einen Kerzenleuchter erinnert: Ein Motiv, das Stephanie Abben in den letzten Jahren wiederholt in das Repertoire ihrer Bilder aufgenommen hat. Aber hier nun geht es vor allem um Malerei. Dadurch ist alles mit allem verfangen. Die Farbigkeit ist licht und teils transparent, dabei mit allen Mitteln des Mediums gesetzt und gezogen. Die Farbe kriecht über die weiß grundierte Leinwand und tropft, zieht Spuren, löst sich im hohen Wasseranteil auf, verdichtet sich andererseits zu Farbmassen.

Stephanie Abben im Atelier
Foto: Stephanie Abben

Was aus der Ferne noch als Gegenständlichkeit und Raumtiefe auftritt, erweist sich aus der Nähe also als Ergebnis reiner Malerei. Stephanie Abben schafft sich Anlässe zum Malen und malt aus Betroffenheit über ökologische und ökonomische Zustände. Mit kontrollierter Leidenschaft setzt sie die Farbe und gießt sie ebenso mittels Kippbewegungen vom oberen Rand aus über die Leinwand: Zu aller Erfahrung tritt der Zufall. Auch sprayt sie, teils durch die Raster eines Siebs. Einzelne Stellen auf der Bildfläche schauen als weiße Grundierung oder gar Leinwand durch. Sie entorten das Bildgeschehen und führen jeden Illusionismus aufs Glatteis. Stephanie Abben handelt mit den Assoziationen des visuellen Gedächtnisses, indem wir ein grünes Gestrichel als Gras oder Moos und eine plötzlich einsetzende freie obere Zone als Ferne hinterm Horizont lesen. Die Lust am intuitiven, mithin gestischen Malen reibt sich an eigenen und fremden, aus Printmedien genommene Fotos, die sie teils zu Collagen weiter organisiert, jedenfalls vor Augen hat. „Ich benutze sie nicht direkt als Vorlage, aber doch als Bildthema“, hat Stephanie Abben in einem Interview mit Simone Kraft 2016 gesagt. „Dann, nach dem ersten Farbauftrag, lasse ich immer wieder auch etwas weg oder übermale wieder und das Spiel beginnt erneut.“

Im Atelier in Ettlingen, nahe bei Karlsruhe, sieht man die Überbleibsel der verschiedenen Techniken zwischen informeller Malerei und Abstraktem Expressionismus und der Subtilität des Realismus. Die Farbflecken auf dem Estrich. Die Fotos an der Wand und auf einem Stapel an der Seite. Stephanie Abben malt mit Acryl- und Ölfarben. Die Trocknungsphasen bringen Unterbrechungen mit sich, in denen sie an anderen Bildern arbeitet. Diese fügen sich zu Motivgruppen zusammen, welche – verbunden noch durch den Titel – eine Themenstellung vertiefen und ein Sujet variieren. Übrigens übermalt Abben auch direkt die Fotos und Fotocollagen wie sie sie auch auf Leinwände printet und dann bearbeitet, wobei der Fotogrund verschieden weit verschwindet. Die fertigen Bilder lehnen in Stapeln in einem anderen Raum des Industriegebäudes. Der Lastenaufzug gegenüber ist hilfreich. Die Freifläche vor dem Gebäude auch, für das Verladen der Bilder. Seit Stephanie Abben ihr Studium an der Kunstakademie abgeschlossen hat, ist ihre Malerei für Ausstellungen gefragt. Derzeit arbeitet sie mit Galerien in Heidelberg, Offenburg und Stuttgart zusammen, aktuell stellt sie in der Herbert-Weisenburger-Stiftung in Rastatt aus.

Away, 2018, Acryl und Öl auf Leinwand, 130 x 150 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Getting water, 2018, Acryl und Öl auf Leinwand, 160 x 180 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Krippe, 2018, Öl und Acryl auf Leinwand, 200 x 270 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Meghay, 2016, Öl auf Leinwand, 150 x 175 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Stephanie Abben gehört seit einigen Jahren zu den herausragenden Maler_innen ihrer Generation. Geboren 1976 in Düsseldorf, hat sie zunächst an der Ruhr-Universität Bochum studiert und währenddessen im Musischen Zentrum das Rüstzeug der Malerei vertieft. Ihr Hauptfach war Kunstgeschichte, ihr zentrales Thema – schon da, in der Theorie – die Landschaftsmalerei. Dazu hat sie auch ihre Magisterarbeit geschrieben, konkret: zur Naturdarstellung der Bilder von Per Kirkeby. Kirkeby hat den schichtenweisen Aufbau von Natur in häufig fließenden, fein gestrichelten Verläufen und schollenartigen Flächen malerisch transzendiert.

Stephanie Abben versteht die Landschaftsmalerei also aus ihrer Tradition heraus und hinterfragt dabei ihre Aktualität und die Möglichkeiten des malerischen Prozesses. Nach dem Studium in Bochum schreibt sie sich an der Kunstakademie in Karlsruhe ein, wo sie bei Prof. Meuser als Meisterschülerin abschließt. Im Studium ist ihre Malerei zunächst abstrakt, gegenstandsfrei. Aus dem Gestus und dem Ungeformten aber verdichten sich wie selbstverständlich Strukturen der Natur, des Landschaftlichen. Und ganz am Ende des Studiums „schmuggelt“ sich die Behausung als elementarer Modus allen Lebens in die Bilder hinein. Inmitten des Unterholzes finden sich Anordnungen aus Geäst. Im nächsten Schritt folgen Hütten und Hochsitze, die, noch ganz mit der Natur verbunden, in einem präzisen Realismus gemalt sind. Dahinter steht die Frage, wie sich der Mensch in der Natur einrichtet und wie er sich zu dieser verhält. Die Architektur wird zu einem Symbol für den Umgang der Zivilisation mit der Erde.

Das große Sujet aber bleibt bis heute die Landschaft. Das Naturhafte konstituiert sich aus minutiös verlaufenden Strichen, der ausgreifenden, ausfasernden Pinselgeste, der Tektonik geschichteter Ebenen und der offenen Weite des Horizonts. Sind die Gebäude in der Landschaft zunächst robust und erhalten, so sind sie in den neueren Bildern besonders als fragile Gehäuse gegeben und häufig zerstört oder wie allmählich – und vielleicht infolge von Landflucht – zerfallen. Stephanie Abben spricht von „Ruinen“ und bezieht sich dabei noch auf konkrete Vorlagen, die sie teils selbst an den unterschiedlichsten Orten der Welt gesehen hat. Mittels der Malerei verschmelzen die urbanen Relikte mitunter mit der Natur, die selbst häufig versehrt ist. Teils direkt, teils indirekt spricht diese Malerei die Folgen an, die die Zivilisation in der Landschaft anrichtet, und demonstriert, wie die Natur dagegen geradezu aufbegehrt. Aber sie ist Katastrophen ausgesetzt, muss Erdrutschen, Stürmen ebenso wie Dürreperioden standhalten. Zu sehen sind Enthausung und die Verlassenheit der Orte; tatsächlich kommt der Mensch in diesen Bildern nicht vor. Seine Abwesenheit oder Verborgenheit erhöht den Abstraktionsgrad, vermeidet die allzu konkrete Erzählung und lässt der Malerei größere Freiheit: Die Schilderung wird weiter an das Bewusstsein des Betrachters delegiert. So finden auch disparate Ereignisse und Orte aus verschiedenen Klimazonen zueinander, subtil sind kunsthistorische Zitate eingeflochten.

Schrott, 2012, Öl auf Leinwand, 180 x 140 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Taiyuan Flower, 2016, Öl auf Leinwand, 180 x 150 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

The End, 2018, Acryl und Öl auf Leinwand, 120 x 90 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Watt, 2018, Öl und Acryl auf Leinwand, 80 x 120 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Wild, 2017, Acryl und Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018/ Stephanie Abben, Foto: Stephanie Abben

Immer wieder finden sich Szenen, die den Konflikt von Natur und Zivilisation veranschaulichen. Ein Darstellungsmodus ist die Umklammerung, etwa in „Kurilskoje Krone“, aber auch, gegeben als unverhohlene Aggressivität, als Einzwängung bereits im Bild „Schrott“ von 2012, bei dem graue Flächen, die an Leitplanken erinnern, einen Baumstumpf und Geäst umfangen. Stephanie Abbens Bilder zeigen Konfrontationen. Und so setzen sie in den neueren Bildern Entbehrung und Luxus zueinander. Exemplarisch dafür steht das Wasser: als Fluss, der ein ganzes Dorf am Leben erhält, in dem die Kleider gewaschen werden, neben dem sich Müll des Ghettos ansammelt, bis hin zum Teich in einem Ressort. In einzelnen Bildern hängen Tücher an gespannten Seilen; dann wieder sind pittoreske Wimpel zwischen den Häusern gespannt, wie für einen Festtag. Dabei geht es immer auch um malerische Lösungen. Deswegen kann auch ein Kronleuchter unverbunden im Vordergrund schweben – als atmosphärischer Ton, der sich über das ganze Bild legt. Die Künstlichkeit kommt in jüngster Zeit zudem in Partien signalhafter Farbigkeit zum Ausdruck. Zur Verwendung des Pink berichtet Stephanie Abben, dass sie einfach neugierig darauf war, eine vermeintliche „Un-Farbe“ ins Spiel zu bringen: Wie das denn als Malerei funktionieren könne. Aber auch inhaltlich geht es in diesen Bildern viel um Ahnung, sogar um Befürchtungen und Hoffnungen. Und gerade indem die Bilder den Pfad der gegenständlichen Darstellung verlassen und selbst im Malerischen mit Konfrontationen und Störungen handeln, veranschaulichen sie Erinnerung, Verletzlichkeit und Widerstand als weitere Dimensionen. Das alles aber lässt sich auf einer tieferen Ebene als ein respektvolles Ausloten dessen verstehen, wie wir uns in der Welt einrichten.

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Profile

In Stephanie Abbens Malerei verschmelzen landschaftliche und urbane Motive zu einer eigenen illusorischen Bildästhetik, in denen sie bildfragmentarisch Spuren zivilisatorischer Überbleibsel prozesshaft malerisch in neue Formationen und Bildwelten collagiert. Gegenständliche und abstrakte informelle Elemente verdichten sich in ihrer Malerei und bringen im Bild schließlich eine Daseins-Ungreifbarkeit vormals belebter aber nun verlassener Orte zum Ausdruck. Sie fragt uns: Wann fühlen wir uns zugehörig oder zu Hause – was macht unsere Welt, in der wir leben, wirklich für uns aus?

Auf einen Blick

Ausstellung: Stephanie Abben: Malerin
Dauer: Bis Anfang März 2019
Ort: Herbert-Weisenburger-Stiftung, Werkstraße 11, 76437 Rastatt
Tel. +49-(0)7222 / 959-220

Internet: www.herbert-weisenburger-stiftung.de

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