Ausstellung

Die Idee der Freiheit

Norbert Kricke in Duisburg

Mit seinen filigranen Raumplastiken zählt Norbert Kricke (1922–1984) zu den wichtigsten Vertretern der konkreten Kunst. Anlässlich seines diesjährigen 100. Geburtstags ehren die Duisburger Museen den Künstler mit Ausstellungen und Sammlungspräsentationen: Das Lehmbruck Museum erinnert bis zum 7. Mai 2023 an die Innovationskraft des Düsseldorfer Künstlers und zeigt einen Überblick von den gegenständlichen Figuren der Frühzeit bis hin zu den bewegten Plastiken, in denen sich alle Materie im Raum verliert. Auf das Spätwerk der Jahre 1975–1984 hingegen legt das MKM Museum Küppersmühle einen besonderen Akzent: Rund 40 Raumplastiken aus drei Jahrzehnten sind bis zum 31. März 2023 in der Sonderausstellung „Bewegung im Raum“ zu sehen. Darüber hinaus werden grafische Arbeiten gezeigt. Im Museum DKM sind seit seiner Eröffnung zwei Räume dem Werk Norbert Krickes gewidmet. Präsentiert werden hier zwanzig Zeichnungen und zwei Bildhauermodelle aus der eigenen Sammlung – eine Übersicht über das zeichnerische Werk des Bildhauers, der immer der Linie als Gestaltungsmittel treu blieb.

„Die beschwingten Formen der Plastiken Norbert Krickes bezaubern uns bis heute. Gerade im Stadtraum geben sie der Strenge und Schwere der Architektur eine tänzerische Leichtigkeit“, betont Söke Dinkla, Direktorin des Lehmbruck Museums. „Sie öffnen sich der Unbegrenztheit von Raum und Zeit und stehen in der Kunst der Nachkriegszeit für eine neue Idee von Freiheit.“ Für sein grafisches und plastisches Werk wurde Kricke bereits 1971, als zweiter Bildhauer nach Eduardo Chillida, mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg ausgezeichnet. Seit 1966 wird der Preis zur Erinnerung an Wilhelm Lehmbruck verliehen, dem sich Kricke zeitlebens besonders verbunden fühlte: „Er war der Erste, der das Raumproblem, wenn auch noch in statischer Weise, angefasst hat. Der Schritt des emporsteigenden Jünglings war für damalige Verhältnisse eine unerhört kühne Tat“, sagte Kricke seinerzeit im Rahmen der Preisverleihung.

Norbert Krickes ungegenständliche Raumplastiken verzichten auf Masse und Volumen und suggerieren Schwerelosigkeit und Bewegung. Geboren 1922 in Düsseldorf und seit Mitte der Dreißigerjahre in Berlin beheimatet, studierte Norbert Kricke von 1946 bis 1947 als Meisterschüler unter Richard Scheibe an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Dort lernte er die abstrakten Drahtarbeiten Hans Uhlmanns kennen, die ihn nachhaltig prägten. 1947 zog er nach seiner Heirat wieder in seine Heimatstadt Düsseldorf und fand als freischaffender Künstler zu seiner „typischen” Formensprache, geprägt von Linien, die sich dynamisch durch den Raum bewegen. 1964 wurde Norbert Kricke als Professor für Bildhauerei an die Staatliche Kunstakademie in Düsseldorf berufen, die er von 1972 bis 1981 als Direktor leitete. Krickes Arbeiten wurden in zahlreichen Einzelausstellung weltweit präsentiert. Insgesamt drei Mal – 1959, 1964 und 1977 – stellte Kricke auf der documenta in Kassel aus; 1964 nahm er an der 32. Biennale di Venezia teil. Für den öffentlichen Raum realisierte Kricke unter anderem die Große Mannesmann (1958–1960) am Düsseldorfer Rheinufer, die Raum-Zeit-Plastik (1955/56) an der Fassade der Städtischen Bühnen Münster oder das Wasserherz (1969), das anlässlich der zweiten Bundesgartenschau im Dortmunder Westfalenpark entstand.

MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst

„Bewegung im Raum“ ist die Ausstellung betitelt, die das Duisburger MKM Museum Küppersmühle dem Künstler und ehemaligen Rektor der Kunstakademie Düsseldorf widmet. Sie zeigt, dass seine Werke bis heute nichts von ihrer Dynamik verloren haben: Zu sehen sind rund 40 Raumplastiken aus drei Jahrzehnten, wobei ein besonderer Akzent auf dem Spätwerk seit 1975 liegt.

Seit den 1950er-Jahren fand der Künstler – ganz im Geiste des Informel stehend – schnell sein eigentliches plastisches Gestaltungsmittel, dem er fortan künstlerisch treu bleiben sollte. Seine radikale Abwendung vom klassischen Skulpturenbegriff war geprägt von seinem Interesse an der Darstellung von Raum und Zeit. So postulierte er 1954: „Mein Problem ist nicht Masse, ist nicht Figur, sondern es ist der Raum und es ist die Bewegung – Raum und Zeit.“

Anstatt durch kompakte Volumina aus Materialien wie Marmor, Stein und Bronze eine geschlossene Oberfläche auszubilden und damit den Raum zu verdrängen, strebte Norbert Kricke nach einer künstlerischen Einheit von Skulptur, Raum und Bewegung, und zwar nicht als Abbild des Realen, sondern als ein primäres Erlebnis. So sind die Linien, die gebündelt, gebogen, überlagernd den bildnerischen Raum erkunden, den Betrachtenden gegenüber stets offen. Sie bieten bei jeder Annährung aufs Neue Konfrontations- und Erlebnismöglichkeiten, sowohl visuell als auch konzeptuell.

Neben den Plastiken präsentiert die Ausstellung im MKM Museum Küppersmühle auch zahlreiche Zeichnungen des Bildhauers bis hin zu seinen letzten Zeichnungen, den einzigartigen Schlussstrichen. Krickes Zeichnungen sind den Skulpturen keineswegs untergeordnet im Sinne von Entwurfszeichnungen, sondern haben einen eigenständigen künstlerischen Stellenwert. Krickes Statements auf Papier zeigen die Freiheit der Linie, die Freiheit der Bewegung und verleihen im Zusammenhang mit den „Raumplastiken“ seinem radikalen Erneuerungswillen des Skulpturenbegriffs nachhaltig Ausdruck. „Das sinnliche Erleben von Raum und Zeit, das in der genuin kricke‘schen Darstellung der ‚Raumplastik‘ seine Form findet und sich immer wieder im Augenblick des Sehens und Erlebens manifestiert, ist deshalb Bewegung im Raum, die niemals aufhört“, so Walter Smerling, Direktor des MKM.

„Allein der Wiedererkennungswert einer Norbert-Kricke-Skulptur zeugt nicht nur von ihrer Originalität, sondern auch von seinem persönlichen künstlerischen Stil oder seinem individuellen Formgefühl“, unterstreicht Tony Cragg im begleitenden Ausstellungskatalog. „Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, dass Krickes Abkehr von der figurativen Skulptur hin zu seinen Raumplastiken nur eine Frage des Figurativen versus des Abstrakten ist. Vielmehr handelt es sich um eine radikale Hinwendung zum Verständnis von Skulptur als einer Disziplin, die sich beschäftigt mit den Qualitäten, Formen und Kräften aller Materialien und den Bedeutungen, die wir ihnen geben.“

Auf einen Blick

Ausstellung: Norbert Kricke – Bewegung im Raum
Dauer: Bis 31. März 2023

Ort: MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg

Tel. +49-(0)203-301948

Öffnungszeiten: Mi 14.00–18.00 Uhr, Do bis So und Feiertage 11.00–18.00 Uhr

Information: www.museum-kueppersmuehle.de

 

Ausstellung: Norbert Kricke
Dauer: Bis 7. Mai 2023

Ort: Lehmbruck Museum, Düsseldorfer Straße 51, 47051 Duisburg, Tel. +49-(0)2833294

Öffnungszeiten: Di bis Fr 12.00–17.00 Uhr, Sa und So 11.00–17.00 Uhr.
An Feiertagen ist das Lehmbruck Museum von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.

Information: www.lehmbruckmuseum.de

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Profile

In seiner langen Geschichte kann das Lehmbruck Museum auf eine abwechslungsreiche Entwicklung zurückblicken. Es zählt heute zu den traditionsreichsten Häusern Deutschlands und gehört zu den bedeutendsten Skulpturensammlungen Europas. Den Grundstein für die Entwicklung Hauses legte die Gründung eines Kunstvereins 1905, und nur zwei Jahre später übernahm dieser auch den Aufbau einer Sammlung zeitgenössischer Kunst. Seit 1925 entwickelte Gründungsdirektor August Hoff auf Basis der Sammlung Lehmbruck das Kunstmuseum. Nach den dunklen Jahren der NS-Zeit, in dem das Haus rund 100 seiner Werke als „entartete Kunst“ verlor, begann das Haus wieder zu wachsen. 1964 wurde schließlich im Kant-Park das von Manfred Lehmbruck konzipierte Wilhelm Lehmbruck Museum eröffnet. Der Erweiterungsbau von 1987 verdoppelte schließlich nahezu die Ausstellungsfläche. 2008 konnte der Nachlass Wilhelm Lehmbrucks dauerhaft für Duisburg gesichert werden. Seither festigte das Haus seinen Status als Künstlermuseum, das seit 2013 von Söke Dinkla geleitet wird.

Bildnachweis:
Lehmbruck Museum, © Lehmbruck Museum Duisburg, Foto: Jürgen Diemer

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