„Shifting the Silence“ im Lenbachhaus München
Es ist ein komplexes Unterfangen, Werke der bildenden Kunst vollständig in Worte zu fassen und erfahrbar zu machen. Eine Versprachlichung, also eine Übersetzung von Kunstwerken und ästhetischen Erfahrungen in Worte und in Sprache, stellt in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung dar: Sprache ist nicht nur ein Mittel zur Verständigung, sie ist zugleich begrenzt und manchmal sogar hinderlich, wenn es darum geht, vielschichtige Eindrücke und Wahrnehmung zu vermitteln.
Etel Adnan (1925–2021) war als Dichterin, Philosophin und Malerin eine Grenzgängerin zwischen Sprache, Bild und Raum. Geboren in Beirut, wuchs sie in einem vielsprachigen, kulturell offenen Umfeld auf und studierte Philosophie in Paris und an verschiedenen Universitäten in den USA (darunter Berkeley und Harvard) und lebte lange Zeit in Sausalito bei San Francisco. In ihrem letzten, 2021 erschienenen Buch „Shifting the Silence“ (in deutscher Übersetzung als „Die Stille verschieben“ 2022 posthum erschienen) schlug sie vor, diese Stille zu „verschieben“ – also die Grenzen des Sagbaren zu erweitern und das Poetische der vielen Ausdrucksformen der Künste nicht zu rationalisieren, sondern vielmehr als Eigenwert anzunehmen. Erkennbar am Ende ihres Lebens verfasst, reflektiert Etel Adnan in ihrem Buch melancholisch, poetisch und sehr persönlich die großen Themen des Lebens. Alltagsbeobachtungen, Gefühle, Anekdoten oder Erinnerungen definieren in kurzen Prosastücken die Erzählung, die aber keiner Linearität folgt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod schafft eine ernste, philosophische Tiefe. Zugleich feiert Etel Adnan aber die Schönheit des Lebens, was als eine politische Gegenwehr gegen gesellschaftliches Verstummen verstanden werden kann – es ist der Text einer Malerin, deren künstlerische Karriere als Schriftstellerin und Philosophin begann.
Diesen Gedanken Etel Adnans ist der Titel der Ausstellung „Shifting the Silence. Die Stille verschieben“ im Lenbachhaus München gewidmet. Die Schau möchte sich das zentrale Anliegen von „Shifting the Silence“ zu eigen machen – sie möchte Assoziationen eröffnen, um die Kunstwerke als ein offenes Interpretationsmuster zu begleiten und zu erhellen. Zu sehen sind bis zum Frühjahr 2027 insgesamt 39 Werke, darunter Gemälde, Installationen und Skulpturen von Etel Adnan, Saâdane Afif, Nevin Aladağ, Harold Ancart, Tolia Astakhishvili, Leilah Babirye, Cana Bilir-Meier, Mel Bochner, Thea Djordjadze, Simone Fattal, Amy Feldman, Dan Flavin, Isa Genzken, Adrian Ghenie, Zvi Goldstein, Sheela Gowda, Giorgio Griffa, Philipp Gufler, Samia Halaby, Candida Höfer, Jenny Holzer, KAYA, Alexander Kluge, Jiří Kovanda, Goshka Macuga, Nick Mauss, Rosemary Mayer, Małgorzata Mirga-Tas, Roméo Mivekannin, Matt Mullican, Marcel Odenbach, Roman Ondak, Anri Sala, Curtis Talwst Santiago, Spomenko Škrbić, Sung Tieu, Gülbin Ünlü, Nicole Wermers und Issy Wood.
Auf einen Blick
Ausstellung
Bis Frühjahr 2027
Shifting the Silence
Die Stille verschieben
Kontakt
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Luisenstraße 33
80333 München
Tel. +49 (0)89 233 96933
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