Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker
Eine junge Frau, 1876 in Dresden geboren und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bremen, London, Berlin, Worpswede und vor allem Paris künstlerisch sozialisiert, wurde eine der auch international erfolgreichsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Wie kam es dazu, dass aus Paula Becker die Künstlerin Paula Modersohn-Becker wurde – und letztlich als Kunstfigur „Paula“ auch in gewissem Sinne eine Projektionsfläche, die bis heute in Literatur, Film und Kunst umfassend rezipiert wird? Diesen Fragen geht die große Jubiläumsausstellung „Becoming Paula“ zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker nach, die parallel auf Leben, Werk und Rezeption blickt und bis Mitte September im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen zu sehen ist.
Der Blick auf ihr Lebenswerk ist voller Höhepunkte: Bereits 1906 stellte Paula Modersohn-Becker die Kunstgeschichte mit ihrem Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag auf den Kopf – dem ersten Selbstakt einer Malerin. Das Gemälde wurde erst nach ihrem Tod öffentlich gezeigt. 1927 wurde ihr posthum das erste Museum weltweit für eine Malerin gewidmet. Heute wird Paula Modersohn-Becker als wichtigste deutsche Malerin des frühen 20. Jahrhunderts gefeiert, als „Pionierin der Moderne“, „Deutschlands Picasso“ (FAZ 2007) und „trailblazing artist“ (The New York Times 2024). Dabei blieben ihr nur etwa zehn Jahre, um ein Werk von rund 750 Bildern und über 1400 Zeichnungen zu schaffen.
Das Paula Modersohn-Becker Museum besitzt zusammen mit der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung die weltweit umfangreichste öffentliche Sammlung ihrer Werke. Die Jubiläumsausstellung zeigt, wie die Malerin schon in ihrer Studienzeit ihren eigenen, freien und selbstständigen künstlerischen Weg ging und diesen bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1907 konsequent verfolgte. Neben ihrem weitgehend unbekannten Frühwerk und den berühmten Bildern ihrer letzten Lebensjahre rückt die Schau erstmals auch die Rezeption der Malerin im 20. und 21. Jahrhundert in den Fokus.
Der Weg durch das Paula Modersohn-Becker Museum nimmt die Besuchenden mit „auf eine Zeitreise von 1892 bis 1907, die entlang ihrer enigmatischsten und berührendsten Bilder und Zeichnungen führt“, so Museumsdirektor Frank Schmidt in der Einführung zum Ausstellungskatalog. „In der Ausstellung (…) vermischen sich Außen- und Innensicht, überlagern sich die Bilder mit den vielen Blicken auf ihr Werk bis heute.“ Ein Überblick über die Geschichte ihres kurzen Lebens zeigt eine junge Frau, die unbeirrt ihren Weg verfolgte und auch von ihren Zeitgenossen mitunter nie ganz zu ergründen war, wie ihre Schwester Herma formulierte: „Sie liebte ihre Einsamkeit und Ungestörtheit. Und ihr Geheimnis, das irgendwie immer um sie war.“
Am 8. Februar 1876 wird Minna Hermine Paula Becker als drittes von sieben Kindern in Dresden geboren. 1888 übersiedelt ihre Familie nach Bremen, ab 1892 erhält die junge Frau ersten Zeichenunterricht. Zunächst besucht Paula Becker auf Wunsch des Vaters das Lehrerinnenseminar in Bremen, doch ab 1896 absolviert sie eine eineinhalbjährige Ausbildung im „Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin“, die sie erfolgreich abschließt. 1897 tritt sie in die Malklasse von Jeanna Bauck ein und besucht zum ersten Mal Worpswede: Sie entschließt sich spontan, den Sommer dort zu verbringen. Dort lernt Paula Becker Otto Modersohn kennen und übersiedelt 1898 nach Worpswede. Nach vernichtender Kritik an einigen Studien, die sie 1899 in der Bremer Kunsthalle ausgestellt hat, reist die junge Malerin in der Silvesternacht 1900 nach Paris. Sie zeichnet und malt in der privaten Académie Colarossi und betreibt Studien im Louvre, wo sie erstmals Werke von Paul Cézanne sieht, die sie tief beeindrucken. Am 25. Mai 1901 heiratet sie Otto Modersohn. Weitere Aufenthalte in Paris folgen, und schließlich trennt sie sich im Februar 1906 von ihrem Ehemann und fährt erneut nach Paris, um dort als Künstlerin zu leben. Im Herbst versöhnt sie sich wieder mit Otto Modersohn, der den Winter 1906/07 mit ihr in Paris verbringt. Ende März 1907 kehrt die Künstlerin nach Worpswede zurück, wo am 2. November ihre Tochter Mathilde geboren wird. Am 20. November 1907 stirbt Paula Modersohn-Becker an einer Embolie.
„Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker, Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden.“ Paula Modersohn-Becker 1906 in einem Brief aus Paris an Rainer Maria Rilke
Die Bremer Ausstellung bietet mit rund 80 Gemälden und Papierarbeiten aus der Museumssammlung, den reichen Beständen der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung sowie selten gezeigten Arbeiten aus Privatbesitz und Leihgaben weiterer Institutionen einen fulminanten Einblick in die Facetten dieser einzigartigen Künstlerinnenbiografie. Die Schau stellt dem heutigen Blick auf die Künstlerin ihren Werdegang entgegen. So erschließt das erste Kapitel Paula Modersohn-Beckers persönliches und professionelles Netzwerk – mit Porträts u.a. von Clara Rilke-Westhoff, Rainer Maria Rilke, Martha Vogeler, Lee Hoetger oder der Schwester Herma. Darauf folgen Studienarbeiten und frühe Werke, die in London und Berlin entstanden. An ihnen wird nicht nur die Auseinandersetzung der jungen Malerin mit ihren Lehrern und maßgeblichen Künstlern ihrer Zeit deutlich; vielmehr bieten sie darüber hinaus bereits eine Vorschau auf die späten Arbeiten. Denn bereits hier blitzen die Eigenart, die Eigenständigkeit und das Talent dieser unabhängigen und eigenwilligen Frau auf. Werke aus verschiedenen Privatsammlungen machen ihr kaum gezeigtes Frühwerk zu einer Entdeckung – so hat man Paula Modersohn-Becker bislang nicht gesehen.
Natürlich folgt die Ausstellung der Künstlerin auch nach Worpswede, wo sie unter Korrektur von Fritz Mackensen arbeitet. Hier wird der Akt zu dem zentralen Bildthema, das die Malerin bis zu ihrem frühen Tod beschäftigen wird. Dabei gelangt Modersohn-Becker zu ungewöhnlichen, unverstellten und direkten Bildfindungen. In den nächsten Räumen sind die berühmten Bilder von 1906/07 zu sehen, mit denen sie Teil der damaligen Pariser Avantgarde wird. Paula Modersohn-Becker war sich der Bedeutung ihrer Werke durchaus bewusst. Auf einem Briefkuvert skizzierte sie ihr Pariser Atelier, an dessen Wänden drei ihrer Hauptwerke hängen. Sie werden in der Ausstellung in einer Rekonstruktion des Zimmers gezeigt.
Wie prägend die Kunst von Paula Modersohn-Becker für Künstlerinnen und Künstler im 20. und 21. Jahrhundert werden sollte, wird in der Ausstellung ebenfalls veranschaulicht. Bis heute ist diese Faszination ungebrochen, wie Beiträge von Georg Baselitz, Chantal Joffe und weiteren Künstlerinnen und Künstlern eindrucksvoll zeigen. „Becoming Paula“ ist der Auftakt zum zweijährigen Jubiläumsprogramm des Paula Modersohn-Becker Museums, das 2027 sein 100-jähriges Bestehen feiert.
Filmtipp
Der Film „Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse“ beleuchtet, wie das Werk der Künstlerin in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich an Bedeutung gewann. Expert*innen wie zeitgenössische Künstlerinnen – darunter Inès Longevial und Sibylle Springer, die in der Ausstellung IMPULS PAULA zu sehen sind – verdeutlichen die strukturellen Hürden, denen Frauen in der Kunst bis heute begegnen. Der Film ist seit dem 8. 2. 2026 in der ARD-Mediathek zu sehen.
Auf einen Blick
Ausstellung
Bis 13. September 2026
Becoming Paula. London – Berlin – Worpswede – Paris
Paula Modersohn-Becker Museum Bremen
Museen Böttcherstraße Stiftungs-GmbH
Böttcherstraße 6–10, 28195 Bremen
Tel. +49-(0)421-33882-36
www.museen-böttcherstrasse.de
150 Jahre Paula Modersohn-Becker
in Bremen und Worpswede
Bremen und Worpswede waren entscheidende Stationen ihrer Lebensreise. Zum 150.Geburtstag von Paula Modersohn-Becker ehren weitere Museen in beiden Orten die Künstlerin 2026 mit großen Ausstellungsprojekten. Programm-Infos zu allen Ausstellungsorten: paula150.de.
Bis 1. November 2026
Impuls Paula. Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker
Barkenhoff, Heinrich-Vogeler-Museum
Ostendorfer Straße 10, 27726 Worpsweder
Große Kunstschau
Lindenallee 5, 27726 Worpswede
Haus im Schluh, Heinrich-Vogeler-Sammlung
Im Schluh 35–37, 27726 Worpswede
Worpsweder Kunsthalle
Bergstraße 17, 27726 Worpswede
150 Jahre Paula Modersohn-Becker
In der Sammlungsausstellung „Remix“
Kunsthalle Bremen
Am Wall 207, 28195 Bremen
www.kunsthalle-bremen.de
Weitere Ausstellung
Bis 31. Mai 2026
Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch: Die großen Fragen des Lebens
Albertinum
Georg-Treu-Platz, 01067 Dresden
Tel. +49-(0)351-49142000
www.albertinum.skd.museum