Material & Inspiration

Rötel und Kreiden

„Ich habe auch einen gewissen schwarzen Stein zum Zeichnen gefunden, der aus dem Piemont kommt und ein weicher Stein ist. Du kannst ihn mit dem Messer spitzen, denn er ist weich. Er ist sehr schwarz. Du kannst ihn so trefflich machen wie die Kohle. Und zeichne dann, wie du willst.“ Als Cennino Cennini um 1400 sein „Buch von der Kunst“ schrieb, erwähnte er ein Zeichenmaterial, das zwar schon in der Höhlenmalerei Verwendung fand, aber erst im 15. Jahrhundert künstlerisch wiederentdeckt wurde: Schwarze Kreide aus Tonschiefer, einer kohlenstoffartigen Tonerde.

Als Medium der Zeichnung ist die Faszination von natürlichen Kreiden seither ungebrochen, und ihre kraftvolle Expressivität und Präsenz sind schon für sich genommen ein künstlerisches Statement: Kreiden erlauben einen weich schattierenden breiten ebenso wie einen flächigen Auftrag, gewähren aber gleichermaßen durch Spitzen, Schneiden oder Brechen des Stiftes auch einen scharfen und präzisen Strich. Rötel mit seinen Farbfacetten von flammendem Hellrot bis hin zu mattem Braun, gewonnen aus Hämatit (Roteisenstein), und natürlich weiße Kreiden aus mineralischem Kalk (Kalziumkarbonat) ergänzen das Farbspektrum natürlicher Kreiden in willkommener Weise.

Bild aus der Ina Riepe-Reihe

© Ina Riepe

Seit der Renaissance entwickelten Zeichenkreiden souveräne Eigenständigkeit. Der Durchbruch in der Verwendung des Rötels wird allgemein Leonardo da Vinci zugeschrieben, dessen Studien- und Entwurfszeichnungen auch als Experiment zum künstlerischen Potenzial des Mediums gelten. Zusammen mit den Meisterzeichnungen Michelangelos, Raffaels und Correggios erreichte die Rötelzeichnung in der in der italienischen Renaissance einen ersten Höhepunkt.

Im Barock kombinierte z.B. Peter Paul Rubens bevorzugt rote und schwarze Kreiden („aux deux crayons“), und ihre unbestrittene Blüte fand die Rötelzeichnung schließlich im 18. Jahrhundert mit Jean-Antoine Watteau: Der Künstler hielt die feinen Nuancen des Alltagslebens schnell und präzise mit Rötel fest, ergänzt durch schwarze und weiße Kreiden. Watteau schuf ein Repertoire schneller Skizzen und präzise ausgearbeiteten Studien, die nicht nur zur Vorbereitung seiner malerischen Arbeiten dienten, sondern bereits von seinen Zeitgenossen als eigenständige Kunstwerke gesammelt wurden. Watteaus innovativer Stil zeichnet sich durch die Verbindung von präziser Beobachtung mit Spontaneität, Leichtigkeit und Intimität aus.

Bild aus der Ina Riepe-Reihe

© Ina Riepe

In gewisser Hinsicht vermitteln Kreiden zwischen Pastellmalerei und Kohle- oder Bleistiftzeichnung, denn Kohle und Blei verbleiben bei ihrer nie vollständig erreichten Schwärze und allen Grautönen. Die Pastellzeichnung hingegen grenzt durch ihren Farbreichtum und ihre Schichtungen fast an die Malerei.

Das Rokoko ist auch die Zeit der getönten und gefärbten Zeichenpapiere, die seinerzeit vorwiegend aus Frankreich kamen. Jean-Honoré Fragonard und Jean-Baptiste Siméon Chardin arbeiteten bevorzugt auf getönten Papieren. Auch kräftige Tönen können als Zeichengrund dienen: Ein Beispiel dafür zeigt etwa das Gemälde „Der junge Zeichner“ von Chardin (1737, Gemäldegalerie Berlin), auf dem der Zeichenschüler eine Porträtzeichnung auf smaragdgrünem Papier anlegt und im Begriff ist, mit dem Messer seine weiße Kreide in einem Kreidehalter anzuspitzen – im Übrigen eine Tätigkeit, die beim Zeichnen mit Kreiden, ob in gepresster oder holzgefasster Form, stets unerlässlich ist. Auch die Art des Papiers spielt eine entscheidende Rolle: Es sollte nicht zu glatt sein, denn Kreiden brauchen Struktur und Widerstand, um sich abzureiben.

Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe

Farbige Gründe – gern in pastelligen Tönen – bereichern die eingeschränkte Farbigkeit des natürlichen Zeichenmaterials durch weichere und härtere Farbkontraste. Ein grünlicher oder bläulicher Grund verstärkt z.B. die Wirkung eines rötlichen Strichs.

Bild aus der Ina Riepe-Reihe

© Ina Riepe

Beredte Zeugnisse der Moderne sind Arbeiten in Kreide etwa von Aristide Maillol oder Oskar Kokoschka – und dies mit guten Gründen: Einer liegt sicher in der Schnelligkeit, mit der eine zeichnerische Idee oder Vorlage ihre Umsetzung findet. Ihre Modernität findet Ausdruck in der Expressivität des groben Strichs. Das Verwischen, konsequente Begleithandlung beim Zeichnen mit Kreiden, setzt mit minimaler Aktion markante Wirkung. Ein weiterer Grund liegt im Strich selbst: Außer im dunkelsten Schwarz des Pastellstiftes findet sich kein solches Schwarz, das sich in fast messerscharfer Feinheit zur fast schon brutalen, harten Linie entwickeln kann.

Die Beschränkung auf rote, graue, grünliche, braune, weiße und schwarze natürliche Kreiden besitzt einen eigenen Reiz und vermittelt eine besondere Stimmung. Darüber hinaus gibt es moderne, synthetisch gewonnene Kreiden, die sich perfekt mit den traditionellen Kreiden kombinieren lassen und unendliche Möglichkeiten der farbigen Zeichnung eröffnen.

Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe

Im Handel sind holzgefasste Stifte ebenso zu finden wie Stäbchen mit eckigem oder rundem Querschnitt. Fette und magere Rezepturen bestimmen Haltbarkeit, Haftung und Möglichkeiten: Während ölbasierte, „fette“ Mischungen ohne Fixierung gut haltbar und in der Anwendung stabil, also nicht verwischbar sind, lassen sich die „trockenen“ Medien mit der Hand, dem Wischer oder mit Zellstoffen und Tüchern verwischen und mit Wasser lavieren. Zum Schärfen und Spitzen der Rötel- und Kreidestäbchen leisten Spitzer und Schleifpapier gute Dienste, zur Korrektur und für besondere Effekte können ein Knetgummi oder Radierer eingesetzt werden. Eine abschließende Fixierung sorgt für Haltbarkeit.

Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
Bild aus der Ina Riepe-Reihe
© Ina Riepe
0 Kommentare
Kommentare einblenden

Produkt­empfehlungen

Künstlerkreide Pitt von feinster Qualität, reich an Pigmenten und hoch lichtbeständig, ideal für großflächiges Arbeiten als auch für filigrane, grafische Details. Bei Kreiden unterscheidet man zwischen gebrannt und ungebrannt. Gebrannte Kreiden sind härter und spröder. Die Farbpigmente reiben sich nicht so leicht in das Papier ein und müssen deshalb fixiert werden. Bei ungebrannten Kreiden sorgen besondere Bindemittel für eine weiche und geschmeidige Beschaffenheit. Die Pigmente werden so zwar in die Papieroberfläche eingerieben, auf das Fixieren sollte aber nicht verzichtet werden. Quadratische Kreiden, Länge 8,3 cm.

Zum Produkt

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: