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Papier von seiner besten Seite

Soll es dünn oder dick, flexibel oder steif, glänzend oder matt, glatt oder rau sein? Die Anforderungen an Papier als künstlerischer Werkstoff sind so vielfältig wie das Angebot. Aber welche Eigenschaften bestimmen eigentlich die Qualität eines Künstlerpapiers?

Sowohl das Aussehen, besonders aber die Festigkeit und Beständigkeit des Papiers hängen weitgehend von der Güte der eingesetzten Rohstoffe ab. Je nach Rohstoffart unterscheidet man hadernhaltige, holzfreie und holzhaltige Papiere. Hadernpapiere bestehen zu 100% aus Leinen- und/oder Baumwollfaserstoff und sind somit die hochwertigsten Papiere. Hadernhaltige Papiere bestehen in der Regel zu 50% aus Hadern und zu 50% aus Zellstoff (Pflanzenfasern). Preiswertere Papiere werden aus 25% Hadern und ansonsten aus Zellstoff hergestellt.

Papieroberfläche (Aufsicht)

Die Oberflächenbeschaffenheit des Papiers ist entscheidend für die Qualität der späteren Arbeit und damit ein weiteres zentrales Qualitätskriterium. Jedes Papier ist zweiseitig. Die Seite, die bei der Herstellung mit dem Sieb in Berührung gekommen ist, nennt man Siebseite (Rückseite). Sie ist oft durch das Sieb markiert und etwas unruhiger. Bei farbigen Papieren erscheint sie meist dunkler, weil sich Farbpigmente nach unten absetzen. Die bei der Blattbildung obenliegende „Schönseite“ der Papiere wird Filzseite genannt, da sie zuerst mit dem Filz in Berührung kommt. Sie ist gleichmäßiger und für gewöhnlich heller, weil sich die Fasern frei auslegen können. Darüber hinaus ist bei der Filzseite der Anteil an Füllstoffen höher. Entscheidend für die Papieroberfläche ist außerdem die Glätte. Hier unterscheidet man zwischen satiniert, matt, rau und Torchon. Kalandrierte Papiere erhalten ihre sehr glatte, satinierte Oberfläche, indem das Papier nach dem Verlassen der Papiermaschine zwischen angeheizte Walzen gepresst wird. Auf dieser Oberfläche erscheinen nicht nur Aquarellfarben besonders brillant, sie eignet sich auch besonders gut für feinste Detailzeichnungen, Lasuren und Auswaschungen, bei denen die Farbe wieder entfernt werden kann. Für großflächige Nass-in-Nass-Arbeiten sind diese Papiere allerdings weniger geeignet.

Matte Oberflächen werden für zarte Darstellungen verwendet und sind aufgrund der nur leicht unregelmäßigen Oberflächenstruktur besonders für Anfänger ideal, da die Pinselführung und somit der Farbverlauf von der Oberfläche wenig beeinflusst werden. Zudem sind diese Oberflächen allen Aquarellmalern zu empfehlen, die gern mit feinen Details arbeiten. Anwender erzielen volle Pinselstriche bei der Trockenmaltechnik und gleichmäßig strahlende Farbverläufe bei der Nass-in-Nass-Maltechnik.

Raue Oberflächen beeinflussen die Bildwirkung und führen zu kräftigen, sogar reliefartigen Darstellungen. Eine unregelmäßige, körnige Struktur lässt Aquarelle noch plastischer erscheinen. Die strukturierte Oberfläche entsteht entweder durch die Siebstruktur direkt bei der Produktion oder durch einen Prägevorgang nach der Produktion. Schnelle Pinselstriche auf trockener Oberfläche, leicht aufgetragen, geben nur teilweise eine geschlossene Einfärbung. Weiße „Lichtchen“ in den nicht mit Farbe ausgefüllten Vertiefungen der Oberfläche geben dem Bild einen reizvollen Ausdruck. Bei der Nassmaltechnik erfolgt eine Farbverstärkung an den tiefen Stellen. So entstehen Hell-Dunkel-Effekte, die die Leuchtkraft und Brillanz der Farbe beeinflussen. Bereits aufgetragene Farben lassen sich bis auf die ursprüngliche Weiße wieder aus den Papieren herausholen (eine Ausnahme bilden hadernhaltige Papiere). Eine Oberfläche für stimmungsvolle Bilder, die sich für den flächigen Farbauftrag und für extreme Nass-in-Nass-Techniken sehr gut eignet. Extra raue Oberflächen unterstreichen die Neigung zur „Lichtchen-Bildung“ zusätzlich, hier empfiehlt sich das Arbeiten in der Nasstechnik mit angemischten Farben.

Der Begriff Torchon stammt aus dem Französischen und assoziiert eine sehr grobe Leinenstruktur. Papiere mit dieser Bezeichnung weisen eine ausgeprägte, wolkenartige Oberflächenstruktur auf. Die Farbe verläuft darauf anders, als auf den restlichen Aquarellpapieren. Nass-in-Nass bluten die meisten Farben extrem aus und es bilden sich markante Farbränder. Zudem wird die Farbe in die Leimung eingebunden, wodurch sehr farbbrillante Bilder entstehen. Torchon-Papiere sind für Anfänger ungeeignet und für den Könner prädestiniert.

Als Faustregel gilt: Soll mehr detailliert und realistisch gemalt werden, sind eher matte Oberflächen zu empfehlen. Für eine großzügige, malerische Arbeitsweise oder die Granuliertechnik eignen sich raue sowie Torchon-Oberflächen besser.

Durchsichtigkeit, Deckfähigkeit (Opazität) und Transparenz

Mit der Durchsicht lässt sich beurteilen, ob ein gemahlenes (rösch gemahlenes) oder fein gemahlenes (schmierig gemahlenes) Papier vorliegt. Die Mahlung des Faserstoffes ist einer der ältesten und wichtigsten Grundprozesse der Papiererzeugung und beeinflusst fast alle Stoff- und Papiereigenschaften. Hier unterscheidet man zwischen röscher Mahlung, bei der die Fasern geschnitten und in kurze Faserbruchstücke zerlegt werden, wodurch luft- und wasserdurchlässige Papiere entstehen, und schmieriger Mahlung, bei der die Fasern vorwiegend gequetscht werden, was zu dichten und weniger saugfähigen Papieren führt.

Die Deckfähigkeit (Opazität) hängt zum einen mit der Dicke des Papiers zusammen, zum anderen bewirkt aber auch ein großer Füllkörperanteil eine hohe Deckfähigkeit. Die Transparenz, das „Durchscheinen“, ist bei den meisten Papieren unerwünscht, mit Ausnahme der Transparent- oder Detailzeichenpapiere. Diese Papiere sind dann hochwertig, wenn die Transparenz besonders hoch ist.

Leimung

Die Leimung ist in erster Linie für Schreib- und Zeichenpapiere, aber auch für alle anderen Papiere von größter Bedeutung, da sie die Fasern und Füllstoffe des Papiers bindet. Sie muss gleichmäßig und so dosiert sein, dass sich beim Auftragen von Tinte oder Zeichentusche saubere Striche ergeben. Dabei darf es auf der Rückseite nicht zu einem Durchschlagen der Farbe kommen. Es gibt zwei Arten der Leimung: die Stoffleimung und die Oberflächenleimung. Bei der Stoffleimung wird dem Faserstoffgemisch bereits in der Bütte der Leim zugesetzt, bei der Oberflächenleimung hingegen wird der Leim nachrangig auf die bereits getrocknete Papieroberfläche aufgetragen. Eine nicht ausreichende, schlechte Leimung macht sich durch auslaufende, zackige Linien, die manchmal sogar durch das Papier schlagen, oder durch „Rupfen“, das Lösen der Papierfasern von der Oberfläche, bemerkbar. Stark geleimte Papiere erkennt man an einer schmierigen Überzugbildung beim Anfeuchten des Papiers.

Flächengewicht und Volumen

Unter dem Flächengewicht versteht man das Gewicht von einem Quadratmeter Papier, die Einheit lautet g/m². Bis zu einem Flächengewicht von 200 g/m² spricht man von Papieren, ab 200 g/m² aufwärts spricht man von Karton bzw. bei schlechten Qualitäten von Pappen. Anhand der Dicke und des Gewichts lässt sich erkennen, ob ein dichtes, mit Füllstoffen beschwertes, oder ein stark voluminöses Papier vorliegt. Ein höheres Volumen wird durch besondere (rösche) Mahltechnik des Papierrohstoffes und auftragende Entwässerung in der Papiermaschine erreicht.

Laufrichtung

Fast jedes Papier weist eine Laufrichtung auf, weil sich je nach Maschinengeschwindigkeit Fasern mehr oder weniger in der Bewegungsrichtung des Siebes längs ausrichten. D.h. die Richtung, in der das Papier über die Papiermaschine läuft, bezeichnet man als die Maschinenrichtung oder auch Lauf- oder Längsrichtung. Feuchtet man das Papier an, erfolgt eine Quellung/ Dehnung des Papiers immer stärker in Querrichtung als in der Laufrichtung. Mit der Laufrichtung lassen sich folgende Effekte erzielen bzw. erklären:

  1. die Reißfestigkeit ist quer zur Laufrichtung größer
  2. die Dehnung ist quer zur Laufrichtung größer
  3. wird ein Papier feucht , verlaufen die Wellen längs der Laufrichtung
  4. die Dimensionsänderung bei unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit beträgt ca. 1:10 zwischen längs und quer.

Aus diesen Gründen ist die Laufrichtung des Papiers für die Weiterverarbeitung von außerordentlicher Wichtigkeit. Bei der Blockherstellung muss die Laufrichtung parallel zum Blockrücken verlaufen, andernfalls ruft die Feuchtigkeit des Buchbinderleims eine Dehnung hervor, durch die der Block wellig wird. In der Praxis lässt sich die Laufrichtung leicht ermitteln, indem man das Papier an der langen und kurzen Seite einreißt. Ist der Riss relativ sauber und gerade, hat man in Laufrichtung eingerissen. Verläuft der Riss schräg und zackig, hat man in Querrichtung eingerissen. Sollte dieser kurze Test nicht eindeutig ausfallen, kann man ein Stück des Papiers auf ein feuchtes Tuch legen und nach einiger Zeit die Rinnenbildung in Laufrichtung beobachten.

Papieralterung

Die Alterungsbeständigkeit verschiedener Papiere hängt in erster Linie von der Qualität der eingesetzten Rohstoffe ab. Für kurzlebige Produkte wie z.B. Zeitungen, Verpackungen etc. spielt sie eine unwesentliche Rolle. Jeder hat schon mal das starke Vergilben einer Tageszeitung im Sonnenlicht beobachtet. Hierbei macht sich der hohe Holzgehalt derartiger Papiere bemerkbar. Die Papieralterung ist ein Prozess, den man in Bibliotheken, Museen etc., selbst in normalen Wohnungen vorfindet und den jedes Buch über lange Zeit bis hin zur totalen Zerstörung erfährt.

Der Grund für diesen schleichenden Vorgang ist das Aluminiumsulfat, welches zum Ausfällen des Harzleims den Fasern zugesetzt wird. Aus der Harzsäure wird mit Lauge zuerst eine sogenannte Harzseife (Natriumserinat) hergestellt. Diese ist leicht wasserlöslich und würde ohne Zugabe von Aluminiumsulfat mit dem Produktwasser abfließen, ohne eine Leimung zu bewirken. Das Aluminiumsulfat bildet Aluminiumresinat, welches unlöslich die Fasern einhüllt und miteinander verleimt. Dieser Umsatz erfolgt nicht quantitativ, sondern es bleibt immer ein Teil freie Säure (Schwefelsäure), oder sauer reagierendes Salz im Papier übrig. Zellstoff besteht chemisch aus lauter Zuckerbausteinen, die wie eine Perlenkette aufgereiht sind. Man kann ihn auch als Polyzucker bezeichnen. Durch die freie Säure, verbunden mit Feuchtigkeit, wird die Zellstofffaser zerlegt (man spricht von saurer Hydrolyse), der dabei entstehende Zucker ist Nahrung für Mikroben und Pilze. Alle Effekte zusammen machen sich wie folgt bemerkbar:

Das Papier verliert langsam an Weiße und reißt leicht ein. Dies geht so weit, dass ein altes Buch beim Umblättern zu kleinen Fetzen zerfällt. Etwas feuchter gelagerte Papiere fangen an, durch den Mikrobenbefall muffig zu riechen. Flecken- und dunkle Ränderbildung sind auch zu beobachten. Viele Bücher und Kunstwerke sind dadurch schon verloren gegangen.

Obwohl diese Papierzersetzung schon längst bekannt ist, ist nach wie vor die Harzleimung am weitesten verbreitet. Abhilfe schafft man nur durch die Anwendung der sogenannten Neutralleimung. Diese Leimung ist erst seit ca. 20 Jahren möglich und wird zur Herstellung von absolut stabilen und alterungsbeständigen Papieren eingesetzt. Um den Effekt der Alterung zu verhindern, werden alle Künstlerpapiere mit Kalziumkarbonat gepuffert und weisen einen pH-Wert von mindestens 7 auf.

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