Porträt

Schwarz wie die Nacht und brillant wie ein Foto

Die Kohlezeichnungen von Peter Hock

Seltsame Objekte schweben im schwarz-weiß konturierten Raum. Manche erwecken Assoziationen zu Motoren und Maschinen, andere obskure Dinge bleiben völlig im Nebulösen und verraten ihre Provenienz nicht. An einigen Stellen des Bildes sind leichte Unschärfen zu bemerken, die Ränder verfließen, während andere Konturen sich gestochen scharf vom Hintergrund abheben.

Peter Hock neben „Unscharf“ in der Ausstellung „Blackdance“, Zentrum für aktuelle Kunst, Zitadelle Spandau (mit Timo Herbst), Berlin, Sept. 2018 © Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Peter Hock neben „Unscharf“ in der Ausstellung „Blackdance“, Zentrum für aktuelle Kunst, Zitadelle Spandau (mit Timo Herbst), Berlin, Sept. 2018
© Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Peter Hocks Zeichnungen erscheinen, aus der Ferne betrachtet, wie Fotografien, und werden erst beim Nähertreten als Zeichnungen entlarvt. Seit vielen Jahren hat Peter Hock sich diesem Medium verschrieben und arbeitet ausschließlich mit Reißkohle. Er schafft oft ungewöhnlich große Tableaus, wie z.B. das Triptychon Zabriskie Point mit der Referenz an den Film des bedeutenden italienischen Regisseurs Michelangelo Antonioni (1912–2007) aus dem Jahr 1970. In einer der meistzitierten Szenen imaginiert die Protagonistin die Explosion einer Villa und lässt das Interieur zu Pink Floyds Careful with that Axe Eugene[i] in Zeitlupe durch die Luft fliegen. Inspiriert von dieser Szene, inszenierte Hock seine (Maschinen)teile und mysteriösen Objekte schwerelos im Raum. Das genauere Bildstudium verrät eine gezeichnete Collage, die durch die Brüche in der Dreiteiligkeit noch betont wird.

Fließende Übergänge zwischen verschwommenen Kohleflecken bis zu detailliert gezeichneten Objekten, zwischen Abstraktion und Figuration sind hier in einem Werk verdichtet

Drift, 2016, Reißkohle auf Papier, 302 x 240 cm, und Foodporn, 2015, Reißkohle auf Papier, 150 x 100cm, Ausstellungsansicht © Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Drift, 2016, Reißkohle auf Papier, 302 x 240 cm, und Foodporn, 2015, Reißkohle auf Papier, 150 x 100cm, Ausstellungsansicht
© Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Mit dem Format des Zeichenpapiers, das eine Höhe von 240 cm hat, nutzt Hock die Distanz zwischen Decke und Boden seines Neuköllner Ateliers nahezu vollständig aus. Er zeichnet meist auf das an der Wand fixierte Papier, unter dessen Unterkante sich allmählich der schwarze Staub zu einem Häuflein ansammelt. Wände und alle Gegenstände sind von einer feinen Kohlestaubschicht überzogen.

Auch wenn Peter Hock vor langer Zeit gemalt hat, so ist er immer wieder zu seinem Medium zurückgekehrt, um sich völlig der Zeichnung mit Reißkohle zu verschreiben. Zu den Besonderheiten von Hocks Technik gehört es, dass er die Werke nicht – wie sonst üblich – fixiert, was die Zeichnungen sehr verletzlich macht. Jede Berührung hinterlässt deutliche Spuren. Der Verzicht darauf, die Zeichnungen mit einer Schutzschicht zu überziehen, hat überzeugende ästhetische Gründe. Die Oberfläche wird durch das Fixativ stumpf und könnte nicht mehr dieses so eigentümliche tiefe Schwarz entfalten, das Hocks Arbeiten auszeichnet. Die Haptik der pudrigen Bildoberfläche verleitet manche Besucher von Ausstellungen sogar, sie mit den Fingern berühren zu wollen. Damit die Empfindlichkeit der unfixierten Zeichnung für das Publikum sinnlich erfahrbar wird, hat Hock schon mal eine kleine Arbeit, verbunden mit der ausdrücklichen Genehmigung, sie zu berühren, in eine Ausstellung gehängt.

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt 2018, 150 x 100 cm, Reißkohle auf Papier

Zabriskiepoint, 2018, Reißkohle auf Papier, 150 x 100 cm
© Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Implantat, 2013, Reißkohle auf Papier, 240 x 150 cm
© Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Tuburcinabund, 2015, Reißkohle auf Papier, 240 x 150 cm
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Neoplast 2, 2018, Reißkohle auf Papier, 240 x 150 cm
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Cluster, 2017, Reißkohle auf Papier, 180 x 100 cm
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Morphot, 2016, Reißkohle auf Papier, 150 x 100 cm
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hocks Kohlezeichnungen sind im mehrfachen Sinne bipolare Werke. Sie sind zum einen höchst fragil und dominieren doch durch ihre Größe den Raum, zum anderen trifft in den Werken ein traditionsreiches und uraltes Werkzeug auf eine Motivik, die mittels Fotografie und Computer generiert und anschließend von Hand aufs Papier gebracht wird. Eine hochtechnisierte Methode mit der schnellen Produktion im Bruchteil einer Sekunde wird konterkariert durch die bedachtsame, ja langwierige und kontemplative Handarbeit.

Außerdem besteht die grundlegende Dichotomie in der Differenz zwischen Schwarz und Weiß in den Werken, deren Motive immer auch zwischen Figürlichkeit und Abstraktion changieren. Hock kreiert in seinen riesigen wie auch in seinen kleinen Arbeiten illusionistische Räume.

Die Plastizität der gezeichneten Objekte in Hocks Bildern, ihre betörende und scheinbare Dreidimensionalität und der präzise Zeichenstil führen zu faszinierenden und irritierenden Momenten bei den Betrachtern, die hin- und hergerissen werden zwischen dem vermeintlichen Erkennen realer Gegenstände und völliger Ungewissheit. Die auf den ersten Blick scharfkantig erscheinenden Gegenstände lösen sich ein paar Zentimeter weiter auf, wechseln ihren Aggregatzustand und verflüssigen sich zu amorphen Gebilden. Manche wecken Assoziationen an makroskopische Aufnahmen.

Auch wenn Hocks Zeichnungen Lust machen, sich auf eine detektivische Suche nach den Ursprüngen seiner Motivik zu begeben, ist ihm daran gelegen, alles in der Schwebe zu lassen. Das betrifft nicht nur die Motive, sondern auch die Bestimmbarkeit des Mediums auf den ersten Blick.

Die ästhetische Anmutung der Zeichnung Implantat erinnert unweigerlich an das bildgebende Verfahren eines Röntgengerätes oder eines Gepäckscanners am Flughafen. Obgleich die Identität des Objektes völlig im Dunkeln bleibt, sind deutlich Schrauben und das einem Relais ähnliche Teil zu erkennen, alles andere bleibt rätselhaft. Damit fordert Hock unsere Assoziationsmaschinerie heraus, lässt uns den „Hirnzirkus“ (Grosz) starten, der dann unterschiedlichste Kontexte heraufbeschwört.

So wie das erwähnte Bild Implantat die Durchleuchtung eines menschlichen Organs darstellen könnte, so meint der Betrachter in Tuburcinabund (lat. für gierig, verschlingend) auf den ersten Blick eine wuchernde Krankheit an einem Kopf zu entdecken. Die Nase und ihr Umfeld scheinen völlig abgetrennt und um 90 Grad gedreht, also völlig derangiert und losgelöst. Oder handelt es sich um Masken, gar pre- oder postoperative Bilder einer gesichtschirurgischen Maßnahme?

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Agglutinant, 2015, Reißkohle auf Papier, 240 x 150 cm
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Zabriskiepoint, 2015, Reißkohle auf Papier, 240 x 150 cm
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

3 Zeichnungen zu Zabriskie Point, 2017, Reißkohle auf Papier, gesamt: 403 x 240 cm 2017
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Epic Orgustation, 2017, Reißkohle auf Papier, 300 x 296 cm, 2017
© Peter Hock, Foto: Eric Tschernow

Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Linien, 2018, Reißkohle auf Papier, 240 x 150 cm, 2018
© Peter Hock, Foto: Matthias Reichelt

Francis Bacon (1909–1992) oder auch der US-Künstler Boris Lurie (1924–2008) mit seiner Serie Dismembered Women haben medial völlig anders und aus unterschiedlichen Beweggründen ähnliche Effekte erzielt. Man könnte auch an die Filme und Zeichnungen des tschechischen Surrealisten Jan Švankmajer (*1934) denken.

Die technischen Möglichkeiten der Reißkohle hat Ralf F. Hartmann in einem Katalog Peter Hocks treffend beschrieben: „Sie erlaubt im Gegensatz zur natürlichen Kohle eine weitaus präzisere Linie und eröffnet dennoch ein großes und und insbesondere malerisch zu nennendes Spektrum an Möglichkeiten. Dies ist insofern konstitutiv, als sich Peter Hock äußerst komplexen Bildfindungen widmet, die eine größtmögliche Palette von Nuancierungen und Wertigkeiten in Fläche und Linie erfordern.“[ii]

Die Bildfindung, um nochmals auf Ralf F. Hartmann Bezug zu nehmen, erfolgt bei Peter Hock auf unterschiedliche Arten. Die Fotografie spielt dabei eine große Rolle. Er arbeitet mit diversen Knetmassen unterschiedlicher Konsistenz, mit denen er die amorphen und zähflüssigen Formen herstellt, um sie anschließend zu fotografieren und zu zeichnen. In einigen Fällen kombiniert er diese mit Motiven aus seinen im öffentlichen Raum fotografierten Objekten und in seltenen Fällen von Bildern im Internet. Somit „collagiert“ er Motive aus unterschiedlichen Quellen zu seinen komplexen Zeichnungen, die ständig zwischen Schärfe und Unschärfe und Abstraktion und Figuration oszillieren.

„Beim Fotografieren interessiert mich, was von vornherein eine brüchige Identität hat: bevorzugt Abfälle, Dreck, Löcher in Wänden oder Fassaden, verschrumpeltes Gemüse, obskure Metallteile. Reste, Fragmentarisches. Oft gehe ich von einer bestimmten Bildidee aus. Dabei fallen mir per Foto Dinge zu, die ich für die Idee gebrauchen kann. Diese Fundstücke üben einen unwiderstehlichen Sog auf mich aus. In meinen Zeichnungen werden sie von ihrer stumpfen Zweckmäßigkeit erlöst und dürfen endlich ihre grandiose sinn- und zweckfreie Schönheit und Rätselhaftigkeit entfalten.“

Agglutinant (zusammenklebend) von 2015 ruft sofort einen kunsthistorischen Kontext auf und Jackson Pollocks Dripping-Technik in Erinnerung. Hier wird also Malerei gezeichnet, also wieder – nach Fotografie – ein Spiel mit den verschiedenen Medien. Und auch hier schälen sich aus dem liquiden Kontext allmählich Details heraus, die kaum näher bestimmt werden können. Mit der äußersten Reduktion an Mitteln erreicht Hock eine Meisterschaft an Nuancierung und gestalterischer Komposition. Der Zeichner Matthias Beckmann hat ihn mal als „Graustufenmodelleur“ gelobt.

Peter Hocks Arbeiten bieten ungewohnte Perspektiven, changieren zwischen Nah- und Fernsicht, Schärfe und Unschärfe und erschöpfen sich nicht, sondern machen immer wieder neue Angebote des Sehens und Begreifens.

[i] Pink Floyd, Ummagumma, Doppel-LP, Capitol Records, 1969

[ii] Dr. Ralf F. Hartmann in: Peter Hock: Nachtsicht. (Katalog), Kunstverein Buchholz/Nordheide, 2017, S. 18

 

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Profile

Peter Hock, geboren 1962 in Heidelberg, studierte 1985/86 Bildende Kunst an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und 1986 bis 1988 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sein Werk wurde verschiedentlich gefördert, etwa mit Stipendien des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf (2017) und des Künstlerdorfs Schöppingen (2016, 2011) sowie mit Werkverträgen der Künstlerförderung des Berliner Senats (1994–1998). Beteiligung an zahlreichen Gruppenausstellungen. Einzelausstellungen seiner Werke waren zu sehen etwa im Zentrum für aktuelle Kunst, Zitadelle Spandau, Berlin (2018), im Kunstverein Buchholz/ Nordheide (2017), in der Josef Filipp Galerie, Leipzig (2016, 2014), im Allgemeinen Konsumverein Braunschweig (2014) und im Kunstverein Ahlen (2012).

Peter Hock lebt und arbeitet in Berlin.

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