Porträt

Bilder im Kopf

Die Düsseldorfer Bildhauerin Kirsten Krüger

Es sind Szenen der surrealen Verrückung, mit denen die Düsseldorfer Bildhauerin Kirsten Krüger vor zwei Jahrzehnten in die Öffentlichkeit trat: räumlich-plastische Ensemble, die mit der Vertrautheit ihrer Sujets Gelassenheit und Stille ausstrahlen, dann aber eine ansteigende Unruhe zum Ausdruck bringen. Was gewöhnlich, selbstverständlich wirkt, entlehnt einem landschaftlichen Idyll oder dem privaten Rückzugsort daheim, entfaltet ein fantastisches Eigenleben. Die Dinge, Möbel, die Fauna und Flora, realistisch dargestellt im Maßstab 1:1, verselbständigen sich und erhalten etwas Unberechenbares. Alles Stabile in der Vorstellung wird fragil, vage … Mit solchen, als Skulptur vorgetragenen Entwürfen befragte Kirsten Krüger unser Zurechtfinden in der Welt: Damit hatte sie in der jüngeren Kunst ihren Platz sicher.

„Tagebuchtafeln“ und „Farbformen“

Mit diesem Wissen im Hinterkopf: Beim ersten Besuch nach einigen Jahren überrascht der Rundgang durch das Düsseldorfer Atelier. Der spontane Eindruck: Kirsten Krüger hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr zu einer abstrakten Bildhauerin gewandelt. An den Wänden hängen und lehnen die neuen „Tagebuchtafeln“ und „Farbformen“. Bei beiden seit 2016 stetig fortgesetzten Werkgruppen handelt es sich um Wandobjekte, die sich zum Betrachter hin wölben. Die kleineren „Tagebuchtafeln“ lassen zugleich Einblicke in die Tiefe ihrer Materie zu, Farbfetzen vermitteln den Eindruck aquarellhafter Zeichnung, die Flächen sind aufgerissen und partiell abgetragen. Spürbar wird das Vergehen von Zeit, Erfahrungen sind dokumentiert. Die Ecken und Kanten dieser Reliefs sind weich geformt und unterstreichen deren Körperlichkeit weiter. Einzelne der „Tagebuchtafeln“ besitzen Rillen und Aufwerfungen, sie können tiefschwarz sein und lassen sogar an Kraterlandschaften oder Ackerboden denken. Jedenfalls, Kirsten Krüger hält mit diesen Tafeln visuelle Beobachtungen fest. „Spuren der manuellen Bearbeitung gehen eine Synthese mit aufflackernden Gedankenbildern von abblätternden Fassaden, geädertem Marmor, aufbrechender Erde, Mineralien- und Steinstrukturen, fossilen Versteinerungen oder bodenarchäologischen Dokumentationen ein“, schreibt Anke Volkmer dazu im Katalog zur letztjährigen Ausstellung im Essenheimer Kunstverein.

Kirsten Krüger im Atelier 2020 Foto: Georg Jesdinsky

Kirsten Krüger im Atelier 2020
Foto: Georg Jesdinsky

Die „Farbformen“ besitzen demgegenüber homogene Oberflächen. Einzelne unterschiedlich breite Bänder und Streifen in einem pastellfarbenen Ton liegen in organisch schwellendem Verlauf übereinander; mitunter sind sie durch tiefe vertikale Einschnitte getrennt. Von der Seite ist das plastische Volumen mit dem Übereinander der Bänder zu erkennen. Im frontalen Gegenüber lassen die Bildtafeln an Flaggen und Farbmuster denken; ebenso zitieren sie die US-amerikanische Farbfeldmalerei und die Hard-Edge-Kunst in Europa. Vor allem aber sind sie plastisches Ereignis voller Anspielungen auf Dinge, Formen und Farben, auf die wir mit unseren Sinnen stoßen, ohne darüber nachzudenken. Die „Farbfelder“ loten künstlerische Erscheinungsformen im Verhältnis zu tagtäglichen Phänomenen unserer Gesellschaft wie auch zur Natur aus.

29. Januar, 2016, Papiermaché, 30,5 x 24 x 4 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

29. Januar, 2016, Papiermaché, 30,5 x 24 x 4 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Wie sehr Kirsten Krüger auch in ihrer aktuellen Arbeit bildhauerisch denkt, unterstreichen dann zwei vollplastische Skulpturen, die mitten im Atelier auf Sockeln stehen. Ihr kreiselnder Verlauf lädt dazu ein, sie zu umgehen. Markant ist jeweils ein zielstrebiges Aufragen, das von einer organischen Formation beschlossen ist. Bei einer dieser Skulpturen befindet sich eine blattartige Fläche neben der schräg aufsteigenden Achse. Diese mündet in ein dichtes Feld weiß-grauer Kugeln, die mit den Kugelsegmenten an der Basis korrespondieren. In der anderen Skulptur türmen sich Kacheln aus Keramik so übereinander, dass Dreiecksformen entstehen. Sie öffnen und schließen sich wie Scheren und tragen eine matt blaue amorphe Rundform auf den Spitzen. Vor allem bei dieser Skulptur spielen konträre Prinzipien zusammen: flächig und spitz, rund und kantig, fragil und stabil. Wie schwer die große abschließende Form auf dem Kartenhaus tatsächlich ist, bleibt unklar. Was ist das überhaupt? Die Gesteinsformation und der violette Ton, der die Form regelrecht durchdringt, wirken so vertraut und als Einheit doch seltsam.

Violet Balance, 2020, Papiermaché, Keramik, 80 x 46 x 46 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Violet Balance, 2020, Papiermaché, Keramik, 80 x 46 x 46 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Beide Skulpturen vermitteln mit ihrer axialen Ausrichtung zwischen den älteren Skulpturen und den neuen Wandarbeiten. Sie schließen unmittelbar an Skulpturen der Jahre nach 2010 an, nur dass diese weiter konkretisiert sind und, unterstützt durch ihre Titel, wie Porträts von Personengruppen auftreten. Eine Arbeit heißt „Alchimist“ (2012), eine andere „Passantin“ (2014). „Venusmaschine“ (2013) eine dritte, die mit ihrem spiralig umfangenden, metallisch wirkenden breitem Band vielleicht „Die schwankende Frau“ (1923) zitiert, das berühmte Gemälde von Max Ernst, das sich in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf befindet. Bei der „Venusmaschine“ halten metallisch wirkende Ringe hellgrün leuchtende Blasen zusammen. Hier sind sie als Trauben zu verstehen. Oder sind es nicht doch Korallen oder die Eier eines Störs?

Wie nachgiebig sind die Oberflächen all dieser Werke von Kirsten Krüger, wie fest und widerstandsfähig? Natürlich möchte man die sanft schwellenden farbigen Formen berühren, leicht über sie streichen. Die „Tagebuchtafeln“ und die „Farbformen“ wie auch die meisten Partien der genannten Skulpturen bestehen aus Papiermaché. Dieses spielt schon früh bei Kirsten Krüger eine Rolle; in den letzten Jahren ist es zum dominierenden und dann bei den Wandarbeiten zum ausschließlichen Material geworden.

Werkstoff Papiermaché

Das Atelier von Kirsten Krüger befindet sich in einem ehemaligen Bürohaus im Stadtteil Mörsenbroich. Der Zugang erfolgt über den Hinterhof, im dritten Stock, ein großer Lastenaufzug steht bereit. Hier führt Kirsten Krüger alle Arbeitsschritte aus. Ein Schauraum für die fertigen Skulpturen ist der Werkstatt angeschlossen. An der Seite stehen und lehnen Werke, die noch im Entstehungsprozess sind oder eigentlich abgeschlossen scheinen, bei denen für Kirsten Krüger aber irgendetwas nicht stimmt: die sie in größeren zeitlichen Abständen hervorholt, um sie zu beobachten und wie zum ersten Mal zu sehen.

Gleich im Eingangsraum, wo Kirsten Krüger am Besprechungstisch viele ihrer Skulpturen konzipiert, lagern die Materialien. Im Regal in der einen Ecke sind mehrere Säcke mit geschreddertem Papier zusammengerückt. In einem anderen Regal stehen die Dosen mit den Farbpigmenten, die sie der Papiermasse beimischt. Sie weicht die Papierstreifen in Eimern ein, um so den Pulp zu erzeugen. Für einzelne Werke fügt sie Holzkohlestaub und Kreide in von Mal zu Mal wechselnden Anteilen hinzu. Kirsten Krüger verknüpft traditionelle Techniken mit ihren eigenen Erfahrungen und den jeweiligen Intentionen. Das „fertige“, getrocknete Papiermaché selbst ist robust, kaum nachgiebig und besitzt ein leichtes, gut zu handhabendes Gewicht. Im hinteren, mit einem Vorhang abgetrennten Raum schleift Kirsten Krüger die Formen, glättet sie und erzielt gewölbte Verläufe.

Das Recyclen von Papier aber steht für Aspekte, die ihr ganzes Schaffen kennzeichnen: Das ökologische Bewusstsein geht mit der Auseinandersetzung mit Naturphänomenen einher, sei es das Fließen von Wasser oder die Kraft des Windes oder die Vereinnahmung von Natur durch Insekten. Zugleich werden Prozesse der Metamorphose anschaulich, die Kirsten Krüger in ihren früheren Werken an elementare Situationen angebunden hat, in denen der Mensch auf seine Existenz, auf Urbilder und frühste Erinnerungen zurückgeworfen ist. Behausung, der Schutz des Schlafes, fast ein Verschmelzen mit der Natur: all das, was in den Mythen und den Märchen bildgewaltig thematisiert ist, fließt in ihr Werk ein, liegt diesem häufig zugrunde.

Keine Idylle

In ihrer spektakulären Einzelausstellung im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart 2004 zeigte Kirsten Krüger fünfzehn Skulpturen-Ensembles aus den zurückliegenden zehn Jahren. Wie Inseln oder Oasen waren im Vierecksaal Landschaftsstücke und Ausschnitte aus Interieurs mit Abstand zueinander platziert. Die darin anklingenden Erzählungen verdichteten sich, warfen mentale Netze zu den anderen Werken und befragten unser Zurechtfinden in der Natur und unsere Einrichtung in der Zivilisation. Sie waren zugleich zeitgenössisch und überzeitlich und riefen die Kunstgeschichte mit ihren tot-lebendigen Stilllebenmotiven von Arcimboldo oder den altniederländischen Vanitas-Motiven in Erinnerung. Sie wirkten pragmatisch nüchtern und abenteuerlich exotisch. Sie vermischten Innenraum und unbegrenzte landschaftliche Weite, sei es unter Wasser, sei es tief im Wald.

Ameisenzimmer, 2003, Holz, Silikon, 170 x 240 x 170 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Ameisenzimmer, 2003, Holz, Silikon, 170 x 240 x 170 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Farbform 9, 2019, Papiermaché, 35,5 x 27 x 8 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Farbform 9, 2019, Papiermaché, 35,5 x 27 x 8 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Passantin, 2014, Papiermaché, Schlangenleder, Metall, Stoff, 155 x 48 x 55 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Passantin, 2014, Papiermaché, Schlangenleder, Metall, Stoff, 155 x 48 x 55 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Venusmaschine, 2013, Papiermaché, elektrischer Ventilator, 242 x 108 x 75 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Venusmaschine, 2013, Papiermaché, elektrischer Ventilator, 242 x 108 x 75 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Quelle (Detail), 2001, Stein, Silikon, Kunsthaar, 85 x 210 x 150 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Quelle (Detail), 2001, Stein, Silikon, Kunsthaar, 85 x 210 x 150 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Riff, 2006, Naturschwamm, Silikon, 150 x 170 x 190 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Riff, 2006, Naturschwamm, Silikon, 150 x 170 x 190 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Ohne Titel, 2018, Bleistift, Farbstift, 42 x 29,7 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

Ohne Titel, 2018, Bleistift, Farbstift, 42 x 29,7 cm
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/ Kirsten Krüger, Foto: Kirsten Krüger

In „Quelle“ (2001) entspringt ein sprudelnder Wasserfall einem Felsgestein an der Wand, trifft auf dem Boden auf und schlängelt sich wie im Flussbett über Gesteinsbrocken. Plötzlich erkennt man, dass das Wasser – bei dem es sich um Kunsthaar handelt – aus einem weit geöffneten menschlichen Mund kommt und dass es eine ähnliche Form mit einem Mund inmitten der Gesteinsbrocken gibt und auch diese an menschliche Häupter denken lassen. Aus dem romantischen Traum wird ein Albtraum. Eine nicht zu fassende Macht scheint von der Natur Besitz zu ergreifen. Und dann nimmt man wahr, wie sich das schlängelnde „Wasser“ im Raum ausdehnt und seine Umgebung weiter ertastet, ja, vereinnahmt.

Oder die Arbeit „Riff“ (2006), die die Klischees von Schönheit und Luxus auf die Spitze treibt. Sie besteht aus Naturschwamm in intensiv leuchtenden Rottönen. Wie im Bühnenbild einer barocken Oper stehen eine Kommode mit geöffneten Schubladen und ein großer ovaler Spiegel – ohne Glas – beieinander. Es scheint, als könne man durch den Spiegel hindurch in eine andere Welt treten, wie bei Alice im Wunderland – wenn man nicht bereits dort ist. Auf dem Boden befinden sich Krabben, die im Kontrast des feuerroten Panzers und der weißen Scheren erst recht bedrohlich wirken. Plötzlich scheint sich sogar das Mobiliar zu verlebendigen. Die Oberflächen pulsieren, deutlich wird die Differenziertheit der Rottöne, die sich aneinander reiben … Hier wie auch in ihren neuen abstrakten Arbeiten: Kirsten Krüger fasst instinktive Ahnungen und Befindlichkeiten in Formen und Farben kollektiver Emotionen. Dass ihre Werke ebenso malerisch auftreten wie sie skulptural angelegt sind, kennzeichnet zudem ihre gesamte Arbeit.

Die Zeichnungen

Und dann gibt es – neben Monotypien und Kohlezeichnungen – die Farbzeichnungen, die kontinuierlich die Skulpturen begleiten. Im meist kleinen Format ausgeführt als Gouachen, mit Farb- oder mit Polychrom-Stiften zeigen sie in kraftvollen Konturen auf der Fläche plastische Formfindungen, die sich oft im Zwischenbereich von alltäglichem Ding und Natur verhalten. Mitunter wirken sie wie seltsame Pflanzen. Die Verläufe sind organisch, teils festgehalten von der Seite, wobei Inneres und Außenhaut umschlagen und die Darstellung im leeren weißen Blatt an Volumen gewinnt. Auch jetzt handelt es sich um Zustände von Dingen in der Verwandlung – vom Menschen aber, der sie mit seiner Rationalität festhalten möchte, sind sie nicht zu bändigen. Sie bleiben geheimnisvoll faszinierend.

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Profile

Kirsten Krüger wurde 1966 in Lübeck geboren. Nach einer Ausbildung als Holzbildhauerin an der Werkkunstschule Flensburg hat sie 1990 bis 1997 an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und bei Klaus Rinke als Meisterschülerin abgeschlossen. Eine wichtige Station war das Studium an der Parsons School of Design and Fine Arts in New York 1997. Mittlerweile unterrichtet sie selbst an verschiedenen Hochschulen, seit 2017 ist sie Gastprofessorin für Bildhauerei an der Kunstuniversität Linz in Österreich. Sie wird von der Düsseldorfer Galerie Peter Tedden vertreten.

[Foto: Georg Jesdinsky]

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