Porträt

Die Magie der Dinge

Der Hamburger Künstler Gerrit Frohne-Brinkmann schärft mit kleinen Interventionen im Alltag, theatral aufgeladenen Performances, Installationen, Skulpturen, Bildern und Filmen unsere Wahrnehmung. Für seine Präsentation auf der letzten Art Cologne erhielt er den New-Positions-Preis.

Ortstermin im Hamburger Stadtteil Veddel. Die Alster mit ihren weißen Villen ist denkbar weit entfernt. Stattdessen: vorbeidonnernde LKW mit Seecontainern, Lagerhäuser, jede Menge Brücken, Zäune, ab und zu eine Imbissbude und diverse Wasserarme der Elbe, die hier den sogenannten Moldauhafen bilden. Schließlich eine Schranke – Gerrit Frohne-Brinkmann kommt zum Aufschließen. Hier im Moldauhafen hat der Hamburger Künstler sein Atelier in einem Gebäude aus den 1960er Jahren, das ursprünglich als Umkleidehaus und Waschraum für Hafenarbeiter genutzt wurde. Es gehört einer tschechischen Firma, die Miete ist niedrig, die Nutzung als Ateliergebäude bis 2028 garantiert. Eine Sicherheit, die man selten findet in Hamburg, einer Stadt, wo die Mieten teilweise astronomisch hoch sind und Atelierraum knapp ist.

Gerrit Frohne-Brinkmann wurde 1990 im niedersächsischen Friesoythe geboren. Oldenburg ist die nächste größere Stadt. Schon früh interessierte er sich für Kleinkunst und Entertainment vom Kabarett bis zur Zauberei – alles Elemente, die auch in seine heutige Kunstproduktion miteinfließen. Er kam an die Hamburger Hochschule für Bildende Künste (HFBK), wo er von 2009 bis 2015 in den Klassen der in Berlin lebenden britischen Konzeptkünstlerin Ceal Floyer und des für seine hintersinnigen Fallenobjekte, Interventionen im öffentlichen Raum und Readymades bekannten deutschen Künstlers Andreas Slominski studierte.

„Mich interessiert auch der Unterhaltungsbereich der Kunstgeschichte“

Bereits während seines Studiums machte Gerrit Frohne-Brinkmann immer wieder durch mal spektakuläre, mal ganz subtile Performances auf sich aufmerksam. So trat er 2015 während der Jahresausstellung der HFBK vor das versammelte Publikum. Er setzte gerade an zu einem Vortrag, als ihm seine Professorin Ceal Floyer plötzlich und ohne jede Vorwarnung von hinten eine Flasche über den Kopf schlug. Der Kunststudent fiel theatralisch zu Boden und blieb dort erst einmal zehn Sekunden lang liegen. Der verblüffende Show-Effekt war gelungen. Doch „Stunt“ (2015), so der Titel der Arbeit, war weit mehr als bloß ein Aufsehen erregender Slapstick-Akt mit einer täuschend echt wirkenden Flasche aus Stuntglas. Frohne-Brinkmann ging es durchaus auch darum, das ambivalente Verhältnis zwischen Professorin und Student, Lehrender und Lernendem prägnant auf den Punkt zu bringen. In der 2013 ebenfalls an der HFBK aufgeführten Performance „2 Hours Show in 20 Minutes!“ gab Gerrit Frohne-Brinkmann in einem Raum mit sechs größeren Arbeiten verschiedener Studenten vor Publikum Führungen. Nachdem er die Bilder, Skulpturen und Videos kurz erklärt hatte, holte er ein Feuerzeug aus der Tasche und löschte mit der Hitze der Flamme, einem Zauberer gleich, die Beschriftungen von den an der Wand angebrachten Schildern. Zum Schluss zauberte er die zuvor „verschwundenen“ Buchstaben hinter dem Ohr eines Besuchers hervor und ließ sie auf den Boden fallen, wo sie ein chaotisches Gewimmel bildeten. Was ihn an Inszenierungen dieser Art interessiert, ist es, das standardisierte Reden über Kunst, die eingefahrenen Konventionen und Selbstverständ-lichkeiten des Kunstbetriebs durch theatrale und magische Überraschungsmomente bewusst zu machen und gleichzeitig zu hinterfragen. „Mich interessiert auch der Unterhaltungsbereich der Kunstgeschichte“, sagt Gerrit Frohne-Brinkmann. „Die Low Art im Entertainmentbereich.“

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2 Hours Show in 20 Minutes!, 2013
@ Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

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2 Hours Show in 20 Minutes!, 2013
@ Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

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2 Hours Show in 20 Minutes!, 2013
@ Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

Das kann das Hantieren mit Feuerwerk und Wunderkerzen sein wie bei einer Performance im Hamburger Kunstverein während der Langen Nacht der Museen, als  Frohne-Brinkmann für die Arbeit „Fossil Feast“ (2016) Gipskörper in Form von Fossilien mit Wunderkerzen gespickt hatte und diese dann per Funk zündete.

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Fossil Feast, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

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Fossil Feast, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

Fossil Feast, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

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Fossil Feast, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

Oder aber der Umgang mit Nachbildungen von Mumien. Für die Bespielung seiner Förderkoje auf der Art Cologne im April 2016 lieh sich Gerrit Frohne-Brinkmann aus dem Fundus von Theater- und Filmrequisiteuren eine Reihe von mehr oder minder gelungenen Mumienattrappen aus und präsentierte diese, einer Aufführung gleich, sitzend, liegend und kauernd in der ansonsten leeren, 25 Quadratmeter großen Messekoje. Eine temporäre Zusammenkunft an der Schnittstelle von Archäologie, Wunderkammer, Horrorfilm und Trashkultur. Die aus dem Dunkel der Geschichte stammenden Mumien wurden so einerseits zu Kunstwerken erhoben, andererseits aber auch in ihrer prekären, nahezu Mitleid erregenden Präsenz vorgeführt. Ein weiteres Moment kam hinzu: Nach Ablauf der Messe wanderten die Objekte wieder in den Fundus zurück. Ein möglicher Käufer der Arbeit mit dem Titel „Not all mummies are wrapped like in the movies“, erwirbt er daher nicht die Mumien selbst, sondern lediglich das Recht, genau diese oder auch andere Mumien wiederum auszuleihen und an einem neuen Ort zur Aufführung zu bringen. Gerrit Frohne-Brinkmann hat es gewagt, in eine Messesektion, die unter dem programmatischen Titel „New Positions“ mit dem (eigentlich unerfüllbaren) Anspruch antritt, das „Neueste vom Neuen“ zu präsentieren, sozusagen das „Abgewetzteste vom Abgewetzten“ einzuschleusen. Die unter anderem mit Yilmaz Dziewior, dem Direktor des Kölner Museum Ludwig, und Moritz Wesseler, dem Direktor des Kölnischen Kunstvereins, hochkarätig besetzte Jury hat dieses Konzept, das auch die herkömmlichen Mechanismen des Kunstmarkts clever in Frage stellt, überzeugt. Gerrit Frohne-Brinkmann setzte sich gegen 20 weitere Bewerber durch. Er und seine Galerie Jürgen Becker aus Hamburg erhielten den New-Positions-Preis 2016 für die beste Förderkoje.

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Not all mummies are wrapped like in the movies, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Helge Mundt

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Not all mummies are wrapped like in the movies, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Helge Mundt

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Not all mummies are wrapped like in the movies, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Helge Mundt

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Not all mummies are wrapped like in the movies, 2016
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Helge Mundt

Häufig nimmt der Hamburger Künstler die Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre zum Referenz- und Ausgangspunkt für seine eigenen Arbeiten. Dabei knüpft er immer wieder an geschichtliche Komponenten an, aber auch an Performanceelemente und Aspekte der Pop- und Unterhaltungskultur. In seiner Einzelausstellung in der Hamburger Galerie Jürgen Becker im Frühjahr 2016 etwa war die Arbeit „Claims“ mit Faksimiles von Patentschriften bekannter Magier und Unterhaltungskünstler zu sehen. Darunter der legendäre Tanzschuh von Michael Jackson und ein Flugapparat des Magiers David Copperfield. Diese im United States Patent Office registrierten Zaubertricks zu offenbaren, hat natürlich etwas Zwiespältiges. Wer gibt schon freiwillig seine Tricks preis und entzaubert so – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Magie? Ein patentierter Zaubertrick inklusive behördlicher Beurkundung entzaubert sich selbst und läuft jeder Publikumserwartung nach dem Unerwartbaren zuwider. Es sind immer auch diese sensiblen, verletzlichen, fast verlorenen Momente, die Gerrit Frohne-Brinkmann thematisiert.

Während der Eröffnung der Hamburger Ausstellung war Kuchen im Angebot – auch hier gab es wieder einen Trick mit doppeltem Boden. Für die Wiederaufführung seiner Aktion „Double Flour“ (2013) hatte der Künstler Freunde gebeten, verschiedene Kuchen zu backen. Die einzige Vorgabe: Die Mengenangaben für den Belag, Creme oder Obst etwa, sollten genau eingehalten werden, gleichzeitig aber sollte die doppelte Menge Teig verwendet werden. Das Ergebnis: Auf den ersten Blick verlockende, dann aber schwer im Magen liegende Supersize-Torten mit sprichwörtlich doppeltem Boden. Eine Mogelpackung der allerdings hintergründig-humorvollen Art.

Vor die Wände der Galerie montiert waren auch lebensgroße Pappaufsteller von Menschen in Rückenansicht, die sich selbst umarmen, dabei allerdings beim Betrachter die Illusion erzeugen, er sehe ein Liebespaar. Diese Serie mit dem Titel „+1“ entstand 2015. Sie geht auf Verfolgungsjagden in Filmen zurück, bei denen der Flüchtende schließlich, in die Enge getrieben, in dieser erotisch wirkenden Pose verharrt. Das performative Element trifft hier auf die Vereinzelung des Individuums in der Gesellschaft und tänzerische Ausdrucksformen.

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+1, 2015
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

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+1, 2015
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

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+1, 2015
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

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+1, 2015
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

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+1, 2015
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

Um das Thema Körper geht es dann auch in der seit 2014 entstehenden Arbeit „Surgical Drawings“. Gerrit Frohne-Brinkmann bittet dafür Schönheitschirurgen, das auf grundierte Leinwände zu zeichnen, was sie sonst auf die Haut ihrer Patienten zeichnen, bevor diese dann unters Messer kommen. Für Außenstehende lässt sich allerdings kaum erkennen, um welche Art der Ästhetisierung und Perfektionierung des Körpers es hier genau geht. Die von den Körperoberflächen losgelösten Entwürfe wirken daher eher wie kühle Konstruktionszeichnungen oder abstrakte technische Skizzen. Was sich auftut, ist eine Grauzone zwischen Kunst und Künstlichkeit, natürlichem Körper und dem Luxusgut Selbstoptimierung.

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Surgical Drawings, 2014
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

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Surgical Drawings, 2014
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

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Surgical Drawings, 2014
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Volker Renner

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It's fun to be fooled, it's more fun to know, 2015
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

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It's fun to be fooled, it's more fun to know, 2015
© Gerrit Frohne-Brinkmann, Foto: Paul Spengemann

„Aber die Zauberei findet im Kopf statt“

Ob auf dem Boden liegende Einräder, die mit künstlichen Spinnennetzen überzogen sind, aus den USA importierte Tumbleweeds, aus Western bekannte Gestrüppkugeln also, in denen, Objekten der Begierde gleich, gültige Eintrittskarten für Sport- und Kulturevents stecken, oder Fingerabdrücke ausschließlich von den weißen Tasten eines Pianos, die in der Manier eines Hobbykriminologen abgenommen wurden: In den vielfältigen Arbeiten Gerrit Frohne-Brinkmanns mischen sich Alltagsereignisse mit funktionalen und dysfunktionalen Gesten, Unterhaltungskultur trifft auf die Erforschung des Besonderen, das sich zunächst nur dem Blick des Künstlers offenbart. High trifft auf Low. Ausgedachtes auf in der Absurdität des Alltags Entdecktes. Viele der Arbeiten Gerrit Frohne-Brinkmanns bedienen sich dabei des Repertoires der Zauberei: „Aber die Zauberei findet im Kopf statt“, sagt er. „Letztlich ist es konzeptuelle Kunst.“

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Der deutsche Künstler Gerrit Frohne-Brinkmann wurde 1990 im niedersächsischen Friesoythe geboren. Ursprünglich um das Fach Bühnenraum zu studieren, begann er 2009 ein Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg (HFBK). Er entschied sich dann aber sehr rasch für ein Studium der Bildhauerei in der Klasse von Andreas Slominski. Dieses schloss er 2013 zunächst mit dem Bachelor of Fine Arts (BFA) ab. 2015 machte er bei Andreas Slominski und Ceal Floyer seinen Master of Fine Arts (MFA).

Gerrit Frohne-Brinkmanns Werk ist konzeptuell angelegt. Eine Festlegung auf ein bestimmtes Medium gibt es nicht. Unter anderem entstehen Performances, Aktionen, Filme, Skulpturen, Installationen, Gemälde, Readymades und Fotografien.

Bereits 2013 war Frohne-Brinkmann erster Preisträger des mit 5.000 Euro dotierten Stipendiums der Stiftung Stendar-Feuerbaum für die beste Bachelor-Arbeit. Die Auszeichnung erhielt er für seine Performance „2 Hours Show in 20 Minutes!“. Auf der diesjährigen Kunstmesse Art Cologne wurde Frohne-Brinkmann mit dem New-Positions-Preis ausgezeichnet. Er überzeugte die Jury mit der Installation „Not all mummies are wrapped like in the movies“, einer Ansammlung von Fake-Mumien aus den Depots von Filmrequisiteuren, am Stand der Hamburger Galerie Jürgen Becker. Verbunden mit dem Preis ist eine Ausstellung parallel zur Art Cologne 2017 in der Kölner Artothek.

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