Georg Baselitz in Salzburg
Der Maler, Bildhauer und Grafiker Georg Baselitz (1938–2026) zählt zu den prägendsten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Sein Werk umspannt knapp sieben Jahrzehnte internationaler Ausstellungstätigkeit und wurde mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet. Das Museum der Moderne Salzburg widmet dem am 30. April 2026 verstorbenen Künstler derzeit eine große Doppelausstellung, die noch gemeinsam mit ihm entwickelt werden konnte: In der Schau „Baselitz Jetzt“ präsentiert das Museum am Mönchsberg bis zum 18. Oktober 2026 sein eindringliches Spätwerk. Die Schau versammelt großformatige Gemälde der letzten zehn Jahre und zeigt ein Werk, das ganz im Jetzt verankert ist: persönlich, verletzlich und zugleich von großer Kraft. Parallel dazu präsentiert das Haus an seinem Standort Rupertinum in der Salzburger Altstadt bis zum 4. Oktober 2026 die Ausstellung „Baselitz Manifeste“, die frühe Zeichnungen und Ausstellungsplakate von Georg Baselitz zeigt und gemeinsam mit den künstlerischen Manifesten den jungen Baselitz der 1960er-Jahre greifbar macht.
Früh wandte sich Georg Baselitz gegen eine als geschichtsvergessen empfundene Abstraktion, befasste sich mit deutscher Identität und formulierte in den 1960er-Jahren gemeinsam mit seinem Studienkollegen Eugen Schönebeck ihre „Pandämonischen Manifeste“. Mit demonstrativer Figuration, bewusster Provokation und der Verbindung kunsthistorischer Traditionen mit einer rauen, existenziellen Bildsprache wurde er zu einer zentralen Erneuerungsfigur der Nachkriegskunst.
Georg Baselitz wurde am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Bruno Kern in Deutschbaselitz, Sachsen, geboren. 1956 begann er ein Studium der Malerei an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin. Bereits 1957 wurde er nach zwei Semestern wegen sogenannter „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen. Anschließend setzte er sein Studium bis 1963 an der Hochschule für bildende Künste in West-Berlin bei Hann Trier fort und schloss als Meisterschüler ab. 1961 nahm er in Anlehnung an seinen Geburtsort den Künstlernamen Georg Baselitz an. Gemeinsam mit Eugen Schönebeck verfasste er das erste „Pandämonische Manifest“, das zugleich als Ausstellungsplakat fungierte. Bis 1962 entstanden in Zusammenarbeit mit Schönebeck zwei weitere Manifeste. Ein Jahr darauf heiratete er Elke Kretzschmar; im selben Jahr wurde ihr Sohn Daniel geboren. 1963 erregte seine erste Einzelausstellung in der Galerie Werner & Katz in Berlin großes Aufsehen: Die Gemälde Die große Nacht im Eimer (1962/63) und Der nackte Mann (1962) wurden von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Der folgende Prozess endete erst 1965 mit der Rückgabe der Bilder.
Die 1960er-Jahre waren eine prägende Zeit für Baselitz. In den Jahren des Wiederaufbaus waren die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs im geteilten Deutschland immer noch spürbar. Seine frühen Zeichnungen setzen sich mit einem Menschenbild der physischen und psychischen Versehrtheit, mit Kriegszerstörungen, Wiederaufbau sowie den neuen Feindseligkeiten des Kalten Krieges und des Mauerbaus auseinander.
Am Standort Rupertinum eröffnen 57 frühe Zeichnungen und Plakate einen Einblick in die frühe Ausstellungsgeschichte von Georg Baselitz. Die Arbeiten sind hier auf vier Räume aufgeteilt, angelehnt an die vier Manifeste, die Baselitz in den 1960er-Jahren verfasste: „Pandämonium I“ (1961), „Pandämonium II“ (1962), „Lieber Herr W.“ (1963) und „Warum das Bild ‚Die großen Freunde‘ ein gutes Bild ist“ (1963).
Mitte der 1960er-Jahre vertiefte er sich während eines Stipendienaufenthalts in Florenz intensiv in den Manierismus und entwickelte dort die sogenannten Tierstück-Bilder mit landschaftlichen Motiven. Nach seiner Rückkehr nach Berlin arbeitete er 1965/66 an den Werkserien der Helden und Neuen Typen. In dieser Zeit wurde sein Sohn Anton geboren. Die Familie zog zunächst nach Osthofen bei Worms, später nach Forst an der Weinstraße und 1975 nach Derneburg bei Hildesheim. In Osthofen entstanden neben ersten Holzschnitten die sogenannten Fraktur-Bilder, an denen Baselitz bis 1969 arbeitete. Nachdem er Stipendiat des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie wurde, folgte ein entscheidender Einschnitt in seinem Werk gegen Ende der 1960er-Jahre mit der radikalen Umkehrung der Bildmotive.
In Georg Baselitz’ Spätwerk, zu sehen am Mönchsberg, steht die Zerbrechlichkeit des Älterwerdens im Fokus – „Helden“ des Alters, die im JETZT Kraft schöpfen. In den Großformaten ist die Symbolik fragiler und auf berührende Art biografisch geprägt. In zarten, an das grafische Œuvre erinnernden Linien, den hingeworfenen, kraftvollen Pinselstrichen und den von Spuren der Malwerkzeuge sowie der Bewegung seines Körpers über die Leinwand gezeichneten, stets auf den Kopf gestellten Figuren reflektiert Baselitz Themen wie Alter und Vergänglichkeit – und nicht zuletzt auch sein eigenes Dasein und das seiner Frau Elke. In ihrer Farbigkeit rangieren die Gemälde zwischen an Fotonegative erinnerndem Schwarz-Weiß über schwarze Figuren auf einem erhöhenden, ikonenhaften Goldgrund bis hin zu einer breiten Palette an Pastelltönen, denen Nylonstrümpfe als Applikationen und farblicher Akzent beigefügt sind. So verbinden sich in den Gemälden Vergangenheit und Gegenwart miteinander und gemahnen der Flüchtigkeit unseres Daseins.
Eines der zentralen Genres im Werk von Georg Baselitz ist das Porträt. Ausgangspunkt der weiblichen Bildnisse war seit den 1970er-Jahren stets seine Frau Elke, häufig auch gemeinsam im Doppelporträt. Das Paar hatte sich im Kunststudium kennengelernt und Elke wurde schon bald zur wichtigsten Kritikerin und Unterstützerin seiner Arbeit. An diesen Motiven untersucht Baselitz grundlegende formale Fragen der Malerei. Anstelle realistischer Darstellungen entstehen Erinnerungsbilder, die Gedanken über Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit, Stille und berührende innere Dialoge zwischen den Figuren vermitteln. Die Fragmentierung der Körper, die mitunter skelettartig wirken oder lediglich mit einer sehr dünnen Haut versehen sind, bildet den Bogen zurück zu den frühen Zeichnungen der 1960er-Jahre, in denen er begonnen hatte, sich etwa mit dem französischen Denker und Künstler Antonin Artaud und dessen Existenzialismus zu beschäftigen. Ihre Skizzenhaftigkeit lässt sie zwischen Abstraktion und Gegenstand, zwischen Motiv und Befreiung von diesem, balancieren. Das gestisch-bewegte Arbeiten steht im Mittelpunkt und ist einem konkreten Bildsujet übergeordnet. Der nur sporadisch durch skizzierte Stühle und Betten angedeutete Bildraum wird zu einer traumartigen Umgebung, in welcher sich der Künstler in Begleitung seiner Frau Elke in einen Schwebezustand außerhalb von Raum und Zeit versetzt. Mit den jüngst entstandenen großformatigen Werken hat der Künstler erneut höchste Beachtung in der Kunstwelt gefunden und die stetige Weiterentwicklung seiner Bild- und Formensprache unter Beweis gestellt.
Seit den 1970er-Jahren war Baselitz international präsent. Seine erste Museumsausstellung fand im Kunstmuseum Basel statt, kurz darauf kam die erste Ausstellung mit Gemälden mit umgekehrten Motiven. Er nahm mehrfach an der documenta in Kassel teil und war auch auf der Biennale von São Paulo (1975) vertreten. Umfangreiche Retrospektiven in bedeutenden europäischen Museen sowie später außerhalb Europas festigten seine internationale Stellung. Im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 1980 präsentierte er seine erste Skulptur. Parallel prägte er als Hochschullehrer mehrere Generationen von Künstlerinnen und Künstlern.
Baselitz’ Werk wurde mit zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen gewürdigt, etwa 2005 mit dem Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. 2009 wurde im Museum der Moderne Salzburg die Retrospektive „Gemälde und Skulpturen, 1960–2008“ gezeigt, anschließend im Rudolfinum in Prag. 2014 entstanden die großformatigen Selbstporträts Avignon, die 2015 auf der 56. Biennale von Venedig präsentiert wurden, sowie weitere Skulpturen und Gemälde. Seit 2019 integrierte Baselitz vermehrt Monotypien sowie Collagen aus Stoffen und Nylonstrümpfen (in Referenz auf Hannah Höch) in seine Leinwandarbeiten. 2015 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. 2018 wurden anlässlich seines 80. Geburtstags umfassende Retrospektiven in Basel, Washington sowie Berlin gezeigt. 2021 präsentierte das Centre Pompidou in Paris die erste Ausstellung, die sechs Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens umfasste. Georg Baselitz lebte und arbeitete am Ammersee in Deutschland, bei Salzburg in Österreich sowie in Imperia in Italien.
Mit insgesamt 24 vor allem großformatigen Gemälden ist die Ausstellung „Baselitz Jetzt“ im Museum der Moderne am Mönchsberg eine Aufforderung zum Nachdenken, ein klares Bekenntnis zu unserem flüchtigen und fragilen Dasein und eine Hommage ans Leben im Hier und Jetzt. Das Museum der Moderne Salzburg vermisst sein Werk vom Heute aus neu – in seiner ganzen ästhetischen und intellektuellen Schärfe. Die Doppelausstellung schlägt einen Bogen von seinen frühen Zeichnungen der 1960er-Jahre bis hin zu seinen monumentalen Gemälden der Gegenwart. Diese beiden Pole eignen sich gut, um Reflexionen zum Ineinandergreifen von Biografie, künstlerischer Entwicklung und Allgemeingeschichte anzustellen.
Auf einen Blick
Ausstellungen
Bis 18. Oktober 2026: Baselitz Jetzt (Mönchsberg)
Bis 4. Oktober 2026: Baselitz Manifeste (Rupertinum)
Katalog
Baselitz Jetzt
Harald Kreijci, Barbara Herzog und Tina Teufel für das Museum der Moderne Salzburg (Hrsg.), mit einem Vorwort von Harald Krejci, einem Essay von Bernard Blistène und einem Text zur Ausstellung der frühen Werke im Rupertinum, frz. Broschur, dt./engl., 168 S. m. zahlr. Abb., 26,3 x 31,3 cm, Verlag Müry Salzmann, Salzburg, ISBN 9783990143131
Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr, Sa, So: 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–20.00 Uhr
Montag geschlossen
Kontakt
Museum der Moderne Salzburg | Mönchsberg
Mönchsberg 32
5020 Mönchsberg
Tel. +43-662-842220-403
Museum der Moderne Salzburg | Altstadt / Rupertinum
Wiener-Philharmoniker-Gasse 9
5020 Salzburg
Tel. +43-662-842220-451